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Ein Schutzmann geht in Rente

Guben.. Er ist ein Sachse, geboren 1943 in Torgau. Und sein großer Traum war es, Tischler zu werden. Den hat er sich auch erfüllt. Und trotzdem hatte Klaus-Dieter Lippmann in den letzten 40 Jahren kaum Zeit, sich um saubere Zargen oder Schnitte zu kümmern. Stattdessen sorgte er in Uniform für Recht und Ordnung in und um Guben. Heute räumt der langjährige Leiter der Polizeiwache seinen Schreibtisch aus. Von Jan Siegel

Seine Uniform hat Klaus-Dieter Lippmann schon vor ein paar Tagen endgültig an den Nagel gehängt. Die brauchte er in den letzten Monaten nicht mehr so dringend. Der Mann, der in Guben fast 40 Jahre Polizeigeschichte mitschrieb, hat seine letzten Dienstmonate im Bereich Prävention abgesessen. Ein Posten, der kaum etwas mit dem zu tun hatte, was Lippmann früher tat.
Schuld daran, dass der heute 59-Jährige an die Neiße kam, war die Liebe.
Lippmann hatte in seiner Heimatstadt Torgau die Schule besucht und seinen Traumberuf – Tischler – gelernt, sich zwei Jahre als Freiwilliger zur NVA nach Potsdam gemeldet und war wieder nach Torgau gegangen. Dafür gab es einen guten Grund, schließlich wartete dort die Freundin auf den 20-Jährigen. Die angehende Lehrerin aber bekam ihre erste Stelle an der Dorfschule in Groß Gastrose. Da packte auch Klaus-Dieter Lippmann seine Koffer und zog ihr hinterher.
Arbeit gab es jede Menge an der Neiße, wo in den 60er Jahren der Aufbau des Chemiefaserwerkes auf Hochtouren lief. „Tischler verdienten damals relativ wenig“ , begründet Lippmann seinen damaligen Wechsel zu einer Hochbaubrigade. Und so gehörte er zu den DDR-Vorzeige-Bauarbeitern, die das Industriekraftwerk, die Polymerisation, die Wasseraufbereitung und schließlich auch noch die Poliklinik am Chemiefaserwerk aufbauten.
Dann war die Arbeit für die Brigade, in der Klaus-Dieter Lippmann arbeitete, an der Neiße getan. Neue Aufgaben warteten auf die Männer. Aber nicht in Berlin, Rostock oder Karl-Marx-Stadt sollten sie weiter am Aufbau des Sozialismus arbeiten. Die nächste Baustelle lag viele tausend Kilometer östlich in der Mongolei. „Eine reizvolle Sache“ , sagt Klaus-Dieter Lippmann heute. Und doch hielt es ihn an der Neiße. Er entschied sich für die Familie und blieb hier.

Geworben für die Polizei
Und weil die Baubrigade nun einmal weg war, fiel es auch den Werbern der damaligen Volkspolizei nicht schwer, den jungen Mann für ihre Sache zu begeistern.
Im Februar 1964 zog Lippmann die grüne Polizeiuniform an und bewachte zunächst im Betriebsschutzkommando das Werk, an dessen Aufbau er selbst beteiligt war.
Der Dienst als Werkschützer barg wenig Abwechslung. Klaus-Dieter Lippmann langweilten die ereignisarmen Tage auf dem CFG-Gelände schnell, und so nutzte er die erstbeste Gelegenheit, um sich zur Schutzpolizei in Guben „abzusetzen“ .
Er wurde Abschnittsbevollmächtigter (ABV) im Bereich Kerkwitz, Atterwasch, Schenkendöbern, Deulowitz. 1966 übernahm er den ABV-Bereich rund um die Franz-Mehring- und die Kaltenborner Straße.

Der Bodenständige
Ein „Reisekader“ war Lippmann nie. Bis 1980 war er – abgesehen von einigen kurzen Lehrgängen – durchgängig in Guben eingesetzt. Deshalb kann er wohl auch mit ruhigem Gewissen behaupten: „Ich kenne die Stadt wie meine Westentasche.“
Und er hielt es auch nicht lange aus, als er 1980 zur Bezirksbehörde der Polizei nach Cottbus versetzt wurde. 1984 war er wieder an der Neiße und leitete als Hauptmann das eher ruhige Betriebsschutzkommando des CFG, wo er 20 Jahre davor als Wachtmeister angefangen hatte.
In dieser Position erlebte der Polizeioffizier auch die Wende. „Die Situation war beklemmend“ , sagt Klaus-Dieter Lippmann über diese Zeit. „Die zahlreichen Fluchtversuche an der Neiße und die damit verbundenen Schicksale ließen auch uns zweifeln“ , sagt er. Und der Polizist erinnert sich an ein junges Paar, das an der Neiße festgenommen wurde. Irgendwo in Sachsen-Anhalt hatten sie ihr kleines Kind bei der Oma zurückgelassen, ohne zu sagen, dass sie nicht nur ins Wochenende fahren wollten.
Als Deutschland wieder eins wurde, gehörte Klaus-Dieter Lippmann zu denen, die die Hauptaufgabe der Polizei, für Recht und Ordnung zu sorgen, auch in den relativ „gesetzlosen“ Zeiten umzusetzen versuchten. „Bei allen Veränderungen galt nämlich immer: Diebstahl ist Diebstahl und Körperverletzung ist Körperverletzung. Und das sind Straftaten früher genauso wie heute“ , argumentiert der Mann, der sich 1991 um den Posten des Leiters der Polizeiwache in Guben bewarb. Mit ihm gingen fünf weitere Bewerber ins Rennen. Lippmann hatte die besten Karten und war fortan der Mann, der die Wache organisierte.

Die wilden Jahre
Es klingt bitter, wenn er über den dramatischen Anstieg der Kriminalität in den ersten Nachwendejahren spricht. „Zu DDR-Zeiten hatten wir im Kreis vielleicht 20 Verkehrsunfälle pro Monat, plötzlich waren es 120. Die Kriminalität stieg dramatisch“ , erinnert sich Lippmann. Es war die Zeit der massenweisen Auto- und Fahrraddiebstähle an der Neiße.
Motiviert haben sich die Polizisten damals mit den kleinen Erfolgen. Und tatsächlich haben sie es seit Mitte der 90er Jahre wieder geschafft, die Kriminalität um etwa zehn Prozent jährlich zurückzudrängen. Ein Erfolg, auf den Klaus-Dieter Lippmann stolz ist.
Im März 2001 räumte er den Chefsessel in der Gubener Wache. Statt im polizeilichen Tagesgeschäft arbeitete er in der Deutsch-Polnischen Beratungsstelle, „die eigentlich nie so richtig funktionierte“ . Zu viele Hürden erschwerten die reibungslose, grenzüberschreitende Zusammenarbeit.
Heute räumt Klaus-Dieter Lippmann seinen Schreibtisch in der Gubener Wache endgültig aus. Es ist sein letzter Arbeitstag. Es wird wohl keiner von diesen ganz schweren Abschieden, zu lange hat er sich darauf vorbereiten können. Und trotzdem: Ein bisschen komisch ist es schon, den Kollegen zum Abschied die Hand zu drücken. Noch ist Lippmann Polizist bis 31. Juli. An diesem Tag wird er 60 Jahre alt. Ein Alter, in dem deutsche Polizeibeamte nur noch mit einer Ausnahmegenehmigung weiterarbeiten dürften.