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Medizinserie: Gesundheit – Der besondere Fall Teil 36
Ein Schulterbruch beim Tanz in der Neujahrsnacht

Oberarzt Oliver Mattig befreite Gabriele Silvester von ihren Schmerzen.
Oberarzt Oliver Mattig befreite Gabriele Silvester von ihren Schmerzen. FOTO: Angelika Brinkop / LR
Guben. In unserer Serie „Der besondere Fall“ erzählen wir von außergewöhnlichen Schicksalen, Diagnosen und medizinischen Wegen. Der 36.  besondere Fall kommt aus dem Naemi-Wilke-Stift Guben.

Es ist eine ausgelassene Neujahrsnacht. Wie immer feiert Gabriele Silvester gemeinsam mit ihrer Schwester. Diesmal ist die Großräschenerin zusammen mit ihrem Mann in Guben zu Gast. Es wird gelacht, angestoßen und getanzt, so wie es sich für die letzte Nacht des Jahres gehört.

Beim letzten Tanz aber fährt plötzlich ein unerträglicher Schmerz in ihre Schulter. Woher kommt er nur? Sie hatte doch einfach nur getanzt.

Die damals 46-Jährige drängt früher als geplant zum Aufbruch. Der Schmerz aber will nicht aufhören. „Ich habe kein Auge zugemacht. Gegen halb vier sind wir dann zur Notaufnahme gefahren“, denkt sie an jene Nacht vor nunmehr elf Jahren zurück.

Im Naemi-Wilke-Stift in Guben wird sie sofort geröntgt. Es stellt sich heraus: „Die linke Schulter ist gebrochen. Kaum vorstellbar, dass so etwas beim Tanzen passiert“, sagt der Leitende Oberarzt Oliver Mattig. Und so zeigt das Röntgenbild noch etwas anderes: Am Oberarmkopf hat sich eine große Zyste gebildet. „Sie führte dazu, dass der Knochen ganz dünn geworden ist, so fragil und zerbrechlich, dass er schon bei einer falschen Bewegung brechen konnte“, erklärt der Orthopäde. Was zunächst wie eine Bagatelle aussieht, wie ein einfacher Bruch, stellt sich weitaus komplizierter dar. Die Zyste im Knochen deutet auf einen Tumor hin. Die Computertomografie (CT) bestätigt die Vermutung. „Es handelte sich um einen sehr seltenen Knochentumor, der durch Zufall zum Vorschein kam. Nur neun Neuerkrankungen auf eine Million Einwohner pro Jahr werden in Deutschland registriert“, wundert sich der Orthopäde noch immer.

Zum Glück ist der Tumor gutartiger Natur. „Das war in diesem Fall sofort sichtbar: Ein gutartiger Tumor respektiert die Knochengrenzen. Er wächst nur in den Knochen hinein, wuchert aber nicht darüber hinaus. Ein bösartiger Tumor aber greift auch das Muskel- und Nervengewebe an“, erläutert er.

Allerdings gibt es auch unter den gutartigen Knochentumoren verschiedene Arten. Die einen wachsen langsam. Andere wiederum sind sehr aggressiv und verdrängen das gesunde Knochengewebe so stark, dass der Knochen brüchig wird.

„Um herauszufinden, womit wir es in diesem Fall zu tun hatten, war eine kleine Biopsie nötig. Mit feiner Nadel entnahmen wir eine Probe aus dem Tumor und ließen diese in einem Pathologielabor untersuchen“, berichtet der Arzt. Dann die Gewissheit: „Er war zwar gutartig, aber es handelte sich um einen sehr aggressiven Riesenzelltumor.“ Niemand wisse bislang genau, wie er entsteht. Meist befällt er Oberschenkel- oder Unterschenkelknochen.

Ohnehin schon von enormer Seltenheit sei es noch seltener, dass er den Oberarm unterhalb der Schulterkugel angreift.

Der Leitende Oberarzt berät sich mit dem Chefarzt Dr. Thilo Hennecke: Ist das ein Fall für das Naemi-Wilke-Stift? Bei bösartigen Tumoren überweisen sie die Patienten in der Regel in das Tumorzentrum Berlin-Buch. In diesem Fall aber entscheiden sie sich, die Operation vor Ort durchzuführen und die Patientin nicht einer weiteren Verlegung auszusetzen. Zwar handelt es sich tatsächlich um eine sehr seltene Diagnose. Andererseits werden in Guben jährlich rund 200 Patienten an der Schulter operiert. „Wir konnten also auf viele Erfahrungen bauen, und so wagten wir es und operierten gemeinsam die Patientin aus Großräschen“, erinnert sich Oberarzt Mattig. „Zwar war es ein gutartiger Tumor, aber er zerstörte das Gewebe.

Damit der gesunde Knochen nicht auch noch in Mitleidenschaft gezogen wurde, galt es, während einer gut zweistündigen Operation den gesamten Tumor zu entfernen und gleichzeitig den Bruch zu versorgen.“ Die durch das entfernte Gewebe entstandene Höhle wird mit Knochenzement gefüllt, der beim Aushärten so heiß wird, dass er gleichzeitig noch eventuelle Tumorreste zu zerstören vermag. Eine Platte mit Schrauben stabilisiert die Bruchstelle.

Nach drei Wochen kann die Großräschenerin aus dem Krankenhaus entlassen werden. Während der Reha aber beunruhigt sie noch einmal ein Arzt mit dem Satz: „Ich gebe Ihnen höchstens ein viertel Jahr, dann haben Sie ein künstliches Schultergelenk.“

Das ist jetzt fast elf Jahre her. „Ich habe noch immer meine eigenen Knochen, gestützt von Schrauben und Platten. Und damit gedenke ich auch alt zu werden und zu sterben“, sagt Gabriele bestimmt.

Fünf Jahre lang ist sie immer wieder ins Wilke-Stift zur Kontrolle gefahren. „Dass der Tumor entartet, kommt ganz selten vor. Aber dass er wiederkommt, ist leider gar nicht so selten“, weiß Oberarzt Mattig. Die Rezidivrate liege bei 20 bis 50 Prozent.

Im ersten Jahr war also alle drei Monate Röntgen angesagt, dann jährlich. „Nach fünf Jahren konnten wir davon sprechen: Es ist ausgestanden“, freut sich der Mediziner, seine Patientin nun nach elf Jahren gesund und aktiv wiederzusehen. „Die Ärzte und Schwestern in Guben waren sehr nett. Und sie haben ganze Arbeit geleistet, alles gut hinkriegt“, bedankt sie sich noch einmal bei Oberarzt Mattig. Sie ist froh, dass der Zufall sie in die Gubener Klinik verschlagen hat, zumal ihre Schwester sie dort jeden Tag besuchen konnte. „So wie der Tumor den Knochen zerfressen hatte, hätte ich mir auch beim Wäscheaufhängen einen Bruch zuziehen können“, weiß sie heute.

Musste sie sich nach der OP anfangs noch schonen und viel Physiotherapie in Anspruch nehmen, um den Arm wieder normal bewegen zu können, treibt die Sozialpädagogin nun wieder regelmäßig Sport, der mit Musik und auch ein bisschen mit Tanzen zu tun hat. „Aerobic tut mir gut“, lacht sie. Der Schreck des letzten Neujahrstanzes steckt ihr längst nicht mehr in den Knochen.

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Der besondere Fall 4c
Der besondere Fall 4c FOTO: Katrin Janetzko / LR
Dr. Oliver Mattig
Dr. Oliver Mattig FOTO: Andreas Brauns / Krankenhaus und lutherische Diak