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Ein Gubener Intendant im „wiedergewonnenen Osten“

Guben.. Torun, einst als Thorn vom Deutschen Ritterorden gegründet, steht heute auf der Weltkulturerbeliste der Unesco. Die Stadt hatte das seltene Glück, im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört zu werden, weil die Rote Armee sie als polnisches Territorium verschonte. Hartmut Schatte

Im Laufe der wechselvollen Geschichte stand Torun mehrfach unfreiwillig unter deutschem als auch unter polnischem Einfluss, was sich im „Gesicht“ der Stadt widerspiegelt. Logisch, dass daraus auch Spannungen und Konflikte erwuchsen. Der ewige Streit, ob der bedeutendste Sohn der Stadt, Nikolaus Kopernikus, Deutscher oder Pole war, ist nur ein Beispiel dafür. Inzwischen ist die Frage beantwortet: Kopernikus war und ist ein Stadtbürger.
Nach der Eroberung Polens im Zweiten Weltkrieg fiel Torun 1939, wie schon vor 1918, wieder an das Deutsche Reich. Folglich begegnet man in Torun auch heute noch auf Schritt und Tritt deutschen Spuren.
Die Thorner Theatergeschichte war kurzzeitig eng mit dem Gubener Stadttheater verbunden. Hans Fiala war einige Zeit lang Theaterintendant in Guben und Thorn. Hans Fiala, so der Künstlername des 1883 in Wien geborenen Johann Krempel, erlernte zunächst den Beruf eines Opernsängers. Über viele Theaterstationen entwickelte er sich zu einem „versierten Theatermann von erstaunlich hohem künstlerischen Niveau“ : Intendant, Regisseur, Sänger und Schauspieler. 1932 übernahm er die Intendanz in Plauen, wo er bis 1933 wirkte. Wie dem Spielplan von 1932/33 zu entnehmen ist, schwenkte Fiala schon früh auf die „völkische Linie“ ein. Die von ihm inszenierten Stücke vertieften das „Empfindungsvermögen für Heldentum und Opfergeist des deutschen Soldaten“ . Mittels der Kunst wollte er helfen, den Nationalsozialismus zur unumschränkten politischen Anschauung werden zu lassen. In „Die Aufgaben des deutschen Theaters“ schrieb Reichspropagandaminister Joseph Goebbels: „Die deutsche Kunst der nächsten Jahrzehnte wird heroisch, sachlich, national mit großem Pathos sein.“ Mit gigantischen, heldischen und mystischen Stücken sollte die „Volksgemeinschaft“ zusammengeschweißt werden.
Zum Abschied in Plauen wurde Fiala, wie Buchholz schreibt, bescheinigt: „Er war bestrebt, den nationalen Charakter des Spielplanes zu unterstreichen und Dichter zu Worte kommen zu lassen, die dem vaterländischen Hochgedanken zu dienen sich bemühten.“
1934 übernahm Fiala das Gubener Stadttheater. Auch hier gab es neben leichter Kost und Klassik viele Werke unsäglichen Zeitgeistes. Mit den 1938 in Guben aufgeführten „Brüder“ und „Der Reiter“ von Heinrich Zerkaulen empfahl sich Fiala für „höhere“ Aufgaben.
1941 wurde der Gubener Intendant nach siebenjähriger Tätigkeit in der Neißestadt vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda mit dem völligen Neuaufbau des Stadttheaters Thorn beauftragt, um dort ein monumentales deutsches Theater, einen Tempel großdeutscher Kunst, zu schaffen. Zu diesem Zwecke wurde das Theater 1941 durch den Hausarchitekten des Propagandaministers umgebaut. Das ging nicht ohne Seitenhieb auf die bisherige „polnische Wirtschaft“ ab. Nach der tendenziösen Darstellung des Leiters der Reichspropagandaabteilung Danzig war das Stadttheater „während der polnischen Zwischenherrschaft völlig verwahrlost und ist nunmehr unter persönlicher Anteilnahme des Führers erneuert und umgebaut worden“ (Drewniak 1983). Bereits bei der Theatereröffnung im Jahre 1904 hatte Kaiser Wilhelm II. eine seiner berüchtigten Brandreden gehalten. Mit flammenden Worten verkündete er damals: „Von dieser Bühne wird nie ein polnisches Wort gesprochen werden!“ Irren ist menschlich. Heute trägt das Theater sogar den Namen eines berühmten polnischen Regisseurs - Wilam Horzyca.
Die feierliche Eröffnung des Mehrzwecktheaters erfolgte am 28. März 1942 als „wichtiger Beweis für den Kulturwillen des wiedergewonnenen deutschen Ostens“ im Rahmen des „Kulturwerkes Deutsches Ordensland“ . Das erste von Hans Fiala inszenierte historische Drama „Anke von Skoepen“ von Friedrich Bethges erfüllte ganz den Zweck einer „deutschen Kulturmissionierung des Ostens“ . Er brachte aber auch die Oper „Rosenkavalier“ von Richard Strauss auf die Bühne. Unter seiner Intendanz kam es zur Gründung einer Ballettschule. Aufgrund seiner Verdienste berief man Fiala schon bald in den Präsidialrat „Deutsches Ordensland“ .
Das Thorner Theaterpublikum bestand vor allem aus Soldaten der großen Garnison und Einwohnern der Stadt, die polnische Bevölkerung war mit Einschränkungen zugelassen. Die Gaubehörden verstanden das Theater als Instrument deutscher Kulturpropaganda und der „Umerziehung“ .
Welche konkreten Gründe zu Fialas Demission führten, ist nicht bekannt. Es hieß, er wäre in Thorn nicht warm geworden. Politische Gründe können es nicht gewesen sein, denn als er bereits zum Ende der Spielzeit 1942 wieder nach Plauen ging, wurde er erneut den Forderungen des nationalsozialistischen Kultur- und Propagandaapparates gerecht.
Die militärischen Ereignisse überschlugen sich, die Katastrophe rückte näher. Am 1. September 1944 trat Joseph Goebbels Befehl zur Schließung aller deutschen Theater in Kraft. Man benötigte die Künstler nicht mehr für Spiegelfechtereien auf der Bühne, sondern für das echte Hauen und Stechen auf den europäischen Schlachtfeldern.
Hans Fiala erwarb sich als Förderer und Bewahrer deutschen Kulturgutes in Guben und Thorn durchaus Verdienste, wirkte aber auch unheilvoll als Sprachrohr nationalsozialistischer Theaterkultur.
Er starb am 10. Januar 1945 an den Folgen einer Lungenentzündung.