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| 18:02 Uhr

Ein Fest der Freude in Atterwasch

Der Kerkwitzer Ortsvorsteher Roland Lehmann, Monika Schulz-Höpfner aus Atterwasch, Thomas Borchert von der Klinger Runde und Frank Noack vom Ortsbeirat Grabko freuen sich gemeinsam über den gewonnenen Kampf und die Gewissheit, dass ihre Dörfer nicht abgebaggert werden.
Der Kerkwitzer Ortsvorsteher Roland Lehmann, Monika Schulz-Höpfner aus Atterwasch, Thomas Borchert von der Klinger Runde und Frank Noack vom Ortsbeirat Grabko freuen sich gemeinsam über den gewonnenen Kampf und die Gewissheit, dass ihre Dörfer nicht abgebaggert werden. FOTO: Ute Richter/utr1
Atterwasch. Dort, wo sich zehn Jahre lang Hunderte Menschen versammelten, um gegen die Abbaggerung zu demonstrieren, fand am Sonntagnachmittag ein spontaner Gottesdienst mit anschließender Feier statt. Pfarrer Mathias Berndt ist eigentlich im Ruhestand. Ute Richter / utr1

Diesen Nachmittag empfand er in seiner alten Wirkungsstätte ein bisschen wie "Heiligabendfeeling" angesichts der Anzahl der Menschen, die da in der Kirche saßen. "Wir freuen uns, dass sich so viele mit uns freuen", sagte er zu Beginn der Andacht. "Wir werden heute viel singen, denn Singen ist ein Ausdruck der Freude."

Mathias Berndt, der jahrelang Pfarrer in Atterwasch war und gegen die Abbaggerung der drei Dörfer kämpfte, ist überzeugt, dass viele Menschen begriffen haben, dass man so nicht weitermachen könne. "Wenn wir nicht mit dem Gut, was uns Gott gegeben hat, vernünftig umgehen, graben wir uns unser eigenes Grab", so Berndt. Er erinnert an zehn Jahre Angst der Menschen um ihre Heimat. Er fragt sich, woher in den vergangenen zehn Jahren die Kraft kam, um nicht aufzugeben. Er erinnerte aber auch an die, denen in Welzow und Schleife die Unsicherheit noch immer Tag für Tag begegnet. Deshalb gab es beim Gottesdienst auch keine Kollekte, sondern eine Spende für diese Dörfer und ihren weiteren Kampf.

Im Anschluss gab es in Atterwasch eine Feier vor der Kirche. Fröhliche Menschen lagen sich in den Armen, und immer wieder war zu hören: "Wer hätte gedacht, dass das mal passiert." In der ersten Reihe mit gekämpft hatte Monika Schulz-Höpfner aus Atterwasch. "Es war eine Zitterpartie bis zum Schluss", sagte sie. "Ich habe immer gehofft und gebangt, dass wir bleiben. Aber im ersten Moment, als die positive Nachricht kam, war ich sprachlos." Sie hoffe, dass jetzt endlich wieder alle entspannt miteinander umgehen können, so Schulz-Höpfner.

Ortsvorsteher Roland Lehmann aus Kerkwitz ging es ähnlich. "Alle haben im Dorf vor dem Fernseher gesessen, und als kurz nach 19.30 Uhr die ersten Raketen in die Luft flogen, war auch ich unendlich erleichtert", so Lehmann. Nachdem im Dorf die "Märkische Heide" getönt habe, die Sirenen und die Kirchenglocken läuteten, trafen sich alle in der Dorfkneipe, um richtig zu feiern. "Es war sehr emotional und ergreifend, ich hatte Gänsehaut", so Lehmann. Ganz gespannt auf die Leag-Runde war auch Frank Noack vom Ortsbeirat aus Grabko. "Als die Nachricht kam, ist regelrecht eine Last abgefallen. Wir wurden über zehn Jahre mit einer Hinhaltetaktik abgespeist und sind jetzt begnadigt worden", sagte er.

Thomas Borchert von der Klinger Runde hatte am Sonntag permanent ein Lächeln auf den Lippen. Vor 15 Jahren, als er bei der Entweihung der Hornoer Kirche dabei war, habe er sich geschworen, dass nie wieder ein Dorf dem Erdboden gleichgemacht werde. "Ich habe immer dafür gekämpft und werde es auch weiter tun, dass Menschen nicht ihre Heimat verlieren", so Borchert.

Anna Dziadek, die auf polnischer Seite den Kampf gegen den Tagebau mit anführt, sagte, dass diese Entscheidung auch für Menschen auf der anderen Seite der Neiße wichtig ist. "Das erste Mal kam zur Sprache, dass Tagebaue nicht mehr wirtschaftlich sind. Das muss auch für Polen ein Signal sein", so Dziadek. Dorota Schewior, die in Polen das Referendum mit ihrem Kollegen Zbigniew Zaroda organisiert hat, hatte zur Feier in Atterwasch eine Mottotorte als Gratulation für den gewonnenen Kampf mitgebracht.

Über all der Freude blieben aber zwei Fragen: Was machen wir denn jetzt am Reformationstag? Und was Anfang Januar zum Termin des Sternmarsches? Für den Reformationstag gab es schon einen Vorschlag: Lasst uns diesen Tag in Proschim fortsetzen und dort weiterkämpfen. Für den Sternmarsch gibt es ja seit zwei Jahren ein Versprechen von dem Kerkwitzer Steffen Krautz: Wenn der Kampf gewonnen ist, soll "ein Bulle in die Luft fliegen". Dafür werde man nun Ideen sammeln. Und zu gegebener Zeit soll es dann noch eine richtig große Sause geben.