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Dunkle Wolken über dem Kloster Neuzelle

Neuzelle. Ein ministerial-bürokratischer Verwaltungsakt aus Potsdam bedroht die Existenz des Gymnasiums in Neuzelle. Bildungs- und Innenministerium stellen Forderungen, die aus Sicht des privaten Schulträgers nicht zu erfüllen sind. Jan Siegel

Das Verhängnis begann am 17. Januar vor einem Jahr. An diesem Tag lehnte das Verwaltungsgericht in Potsdam die Klage eines privaten Schulträgers ab, der die Zulassung für eine freie Schule erzwingen wollte. In der Begründung der Richter zu der Ablehnung heißt es, dass die künftige Schule keinen zweisprachigen (bilingualen) Unterricht anbieten wolle. Außerdem müsse für eine Zulassung als freie Schule neben dem Abitur ein weiterer international anerkannter Schulabschluss angeboten werden.

Das Potsdamer Verwaltungsgerichtsurteil ist für das Brandenburgische Bildungsministerium jetzt die Grundlage, um das international ausgerichtete Gymnasium in Neuzelle ins Visier zu nehmen. Dort traf vor vier Wochen ein ministerialer Brief aus der Landeshauptstadt ein. Der Neuzeller Schulträger soll bis Ende April ein Konzept vorlegen, wie er künftig zweisprachigen Unterricht und einen zweiten Abschluss neben dem Abitur in der "Klosterschule" anbieten wolle.

"Eine solche Forderung geht an den Realitäten hier komplett vorbei", schimpft Gotthard Dittrich. Der Geschäftsführer der Rahn Dittrich Group, die das Neuzeller Gymnasium und die dazugehörende Oberschule betreibt, ahnt Schlimmes. Das Festhalten an der Forderung könne das Ende der Abiturausbildung und damit der Schule in Neuzelle bedeuten.

Die Schule in den historischen Mauern des einstigen Klosters Neuzelle besuchen derzeit 520 Schüler nicht nur aus dem Süden Brandenburgs. Unter den 400 Gymnasiasten sind auch 80 ausländische Schüler. Die meisten aus der benachbarten polnischen Grenzregion. Doch an die 30 Neuzeller Schüler sind extrem weit gereist. Sie kommen aus China oder Russland und wollen an der Privatschule ein deutsches Abitur erwerben, um später in der Bundesrepublik zu studieren.

Unrealistische Forderung

Davon profitiert nicht nur der Schulträger, der sein Geschäftsmodell auf dieses Profil mit ausländischen Schülern ausgerichtet habe, sondern auch die ganze Region. Die private Schule ist der größte Mieter der Stiftung Stift Neuzelle. Ohne das Engagement des freien Trägers würde es in der Klostergemeinde keine weiterführende Schule mehr geben.

Gotthard Dittrich hält die Forderung nach zweisprachigem Unterricht und einem zweiten internationalen Hochschulreife-Abschluss neben dem Abitur für unrealistisch. "Dafür finden wir hier im ländlichen Raum gar nicht genügend Lehrer", sagt er. Weil ein weiterer Internationaler Abschluss neben dem Abitur vom Bildungsministerium nicht bezuschusst wird, kämen Schulgelder von 600 bis 800 Euro pro Monat auf die Eltern zu. "Da ist die Frage, wo hier die Nachfrage herkommen soll?" Über solche Details will Dittrich mit Verantwortlichen im Potsdamer Bildungsministerium reden. "Wir versuchen seit Wochen, einen Termin zu bekommen", klagt der Geschäftsführer.

Stattdessen droht neuer Ärger, diesmal aus dem Innenministerium. Von dort wurde verfügt, dass Visa für Schüler aus dem Nicht-EU-Ausland nicht mehr von der Ausländerbehörde des Landkreises Oder-Spree, sondern im Ministerium zu erteilen sind.

Jetzt wird‘s kompliziert: In Neuzelle befürchtet man nun, das Innenministerium könnte die Visa für aktuell fünf neue Gymnasiasten aus dem Reich der Mitte nicht erteilen, weil die Schule die neuen Vorgaben des für "Internationale Schulen" (zweisprachiger Unterricht, zweiter internationaler Abschluss neben dem Abitur) nicht erfüllen kann.

"Wir sind keine ‚Internationale Schule‘, wie es sie beispielsweise in Berlin oder Leipzig gibt", verteidigt Dittrich das Neuzeller Konzept. "Wir sind eine ‚Schule mit internationaler Ausrichtung‘. So steht es im Zulassungsbescheid aus dem Jahr 2008."

Florian Engels, der Sprecher des Bildungsministeriums, betont: "Es ist nicht beabsichtigt, der Schule in Neuzelle die Genehmigung zu entziehen, sondern wir wollen sie bei der Ausschärfung des Profils ‚Schule mit internationaler Ausrichtung‘ unterstützen." Die neuen rechtlichen Vorgaben müssten umgesetzt werden, damit künftige ausländische Schüler problemlos eine Aufenthaltserlaubnis erhalten könnten. Das Ministerium sei gesprächsbereit. Allerdings müssten Ideen und Schwierigkeiten, die der Neuzeller Schulträger bei der Umsetzung sehe, ansatzweise schriftlich in Potsdam vorliegen, bevor Detailgespräche geführt werden könnten. Bisher fehle diese inhaltliche Konkretisierung.