Im einstigen Café Rietschel an der Flemmingstraße schlug im Oktober 1990 die Geburtsstunde des Vereins Lebenshilfe e. V. Knapp zwei Handvoll Betroffene - Eltern von Behinderten, Hilfsschullehrer, Physiotherapeuten - fanden sich zusammen. Sie suchten nach Wegen, um geistig Kranken Bildung, Betreuung und Arbeit zu ermöglichen. Über das Wie informierten sich die Gubener vor allem im Nordrhein-Westfalen.
Der Eröffnung der Geschäftsstelle in der jetzt abgerissenen Kaltenborner Straße 110a folgte der Antrag an die Stadt zur Mietung eines Gebäudes. Mit Landes- und PDS-Geldern sowie Eigenmitteln baute der Verein dann die Bahnhofsstraße 2a um. Seit 1993 befindet sich dort die Wohnstätte für geistig Behinderte. Anfangs waren es ein Dutzend Männer und Frauen, später durchgehend 15. Jeweils von 14.30 bis 7.30 Uhr werden die 20- bis 60-Jährigen dort betreut. In der restlichen Zeit arbeiten sie in der Behindertenwerkstatt der Cottbuser Hand in Hand gGmbH an der Franz-Mehring-Straße. Die Lebenshilfe ist Gesellschafter. Verdienst ihres Vereines sei es, so sagt Geschäftsführerin Rita Straka, dass die Behindertenwerkstatt in Guben erhalten wurde. Anfangs befand sie sich in einer der Baracken an der Forster Straße. Für das kritische Jahr des Überlebens hatte die Lebenshilfe die Trägerschaft übernommen. Vor der Kreisgebietsreform war ein Zusammengehen mit Eisenhüttenstadt angestrebt worden.
Wohnstättenbewohner, die selbstständiger sein möchten, können in das Betreute Wohnen des Vereins in dessen Haus Bahnhofsstraße 5 einziehen. Acht junge Leute gingen diesen Schritt bereits. „Sie sind teilweise aus der Wohnstätte ausgegliedert, haben keine Nachtwache mehr, keine Betreuung am Morgen“ , erklärt Rita Straka den Unterschied. Wer sich noch größere Selbstständigkeit zutraut, kann in eine so genannte ambulante Wohnung umziehen. „Dort werden die Behinderten nur noch maximal 20 Stunden im Monat betreut. Sechs junge Leute sind diesen Schritt bisher gegangen, zwei zogen wieder in die Wohnstätte zurück“ , sagt Rita Straka. Am Umfeld seien sie gescheitert. „Sie sind es gewohnt, Probleme immer gleich zu klären, brauchen einen Ansprechpartner. Aber das ist aufgrund der räumlichen Entfernung bisher nicht machbar.“ Die Vereinschefin, die selbst eine behinderte Tochter im Alter von 32 Jahren hat, weiß aber auch, dass die ambulant Wohnenden zu vereinsamen drohen. Sie sind es nicht gewohnt, sich Freizeitgestaltung zu organisieren. Und der Umgang mit Geld ist für manchen eine unüberwindbare Hürde.
Für Eltern, die ihr behindertes Kind daheim betreuen und versorgen, bietet der Verein Lebenshilfe den Familien entlastenden Dienst an. Dreimal im Jahr fuhr die Lebenshilfe bisher mit den kranken Kindern in Ferieneinrichtungen. Dieses Jahr wurden aber nur noch zwei Fahrten vom Landkreis gefördert. Auch die „Aktion Mensch“ stellt weniger Geld zur Verfügung, weil die Zahl der Hilfesuchenden stark gestiegen sei.
Ein weiteres Angebot der Lebenshilfe ist seit einem Jahrzehnt die Frühförderung für behinderte Kinder bis zu sechs Jahren oder jene, denen eine entsprechende Erkrankung droht. Die Förderung erfolgt im Haus der Lebenshilfe oder in Familien.
Ebenfalls für ganz junge Menschen ist die Integrationskindertagesstätte „Regenbogen“ an der Goethestraße da. Doch auch dort machen sich sinkende Kinderzahlen bemerkbar. Etwa 35 Mitarbeiterinnen betreuen derzeit 115 Mädchen und Jungen.
Und der Verein sucht nach weiteren Angeboten, um Behinderten ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Gedacht ist daran, die Wohnstätte an der Bahnhofsstraße auch für Rollstuhlfahrer nutzbar zu machen. Doch das, so ahnt Rita Straka, wird ein langer Weg, vor allem aus finanziellen Gründen.