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| 01:04 Uhr

Die „Schönen und Reichen“

Tobias Wilke, Zivildienstleistender an der Gubener Förderschule für Geistigbehinderte, Am Wasserwerk, berichtet über eine Unterrichtsstunde außerhalb des Schulgebäudes: In einer Zeit, wo oft nicht mehr zählt, was die Musik eigentlich ausmacht und sie gern

als ein schnelles und lukratives Mittel zu Ruhm und Reichtum benutzt wird, da schafft es eine Gruppe von Kindern, mir ein Gefühl zu geben, das ich schon tot geglaubt hatte. Und es ist nicht einmal verwunderlich, dass diese Kinder so ungezwungen ihren Emotionen freien Lauf lassen, denn sie sind behindert. Es ist ihnen egal, ob ihr Musizieren gefällt, sie tun es für sich, nicht für Ruhm oder Reichtum.
Am Montag vergangener Woche betrat die Sonderpädagogin Elke Pätz unseren Klassenraum. Das vergnügte Funkeln in ihren Augen war auffällig, doch noch ahnte ich nichts. Erst nach dem Mittag verriet sie den Kindern und mir die Überraschung, die sie geplant hatte: „Wir gehen morgen in eine andere Schule“ , begann sie. Ich konnte von den Gesichtern der 14-Jährigen Neugier und Unschlüssigkeit ablesen. Mit dem gleichen Funkeln in den Augen wie am Morgen sprach sie weiter. Und plötzlich hellten sich die Gesichter aller Jugendlichen, die am Tisch saßen, auf, als das Wort „Musikschule“ fiel. Alle Schülerinnen und Schüler klatschten und juchzen in Vorfreude auf den nicht alltäglichen Ausflug.
Am Dienstag nach dem Frühstück waren die Kinder so schnell startklar wie noch nie und stiegen in den Schulbus. Nach der freundlichen Begrüßung in der Musikschule versammelten wir uns. Da waren wir nun: Elke Pätz, die Sonderpädagogin, Bärbel Noack, die Lehrerin, die Jugendlichen, die schon vor Spannung zu platzen drohten, und ich, der Zivildienstleistende. Heiko Liebmann, der Leiter der Musikschule, erklärte den Jugendlichen, welche Instrumente es gibt, und dann ging es los. Die Schülerinnen und Schüler ließen sich unter Anleitung von Heiko Liebmann in einen Strudel aus Klängen und Gefühlen fallen.
Konzentriert und kreativ zugleich entlockten sie jedem Instrument seinen ganz speziellen Zauber. Ich werde die Begeisterung in ihren Augen nicht vergessen.
Ein anstrengender, erfahrungsreicher, aber auch sehr schöner Vorhabensunterricht Wahrnehmung außerhalb der Förderschule ging mit Begeisterung auf allen Seiten viel zu schnell vorbei.
Doch eins bleibt noch zu sagen: Behinderte aufgrund ihres Aussehens, von Sprachfehlern oder sonstigen Beeinträchtigungen als nicht vollwertige Menschen zu bezeichnen, ist diskriminierend und falsch. Sie gehören nicht zu den so genannten „Schönen und Reichen“ . Doch ich bin sicher, dass das für sie nicht wichtig ist und sie meist glücklicher sind.
Am letzten Tag vor den Winterferien findet ein zweiter solcher Besuchstag in der Gubener Musikschule „Johann Crüger“ statt.