Am 7. November 1917 wurde mit Unterstützung breiter Massen die provisorische Regierung unter Kerenski (1881-1970) in Petrograd gestürzt und unter Führung von Lenin und Trotzki der Rat der Volkskommissare gebildet. Verkündet wurde das Dekret über einen Frieden ohne Annexion und Kontribution. Danach erzwang Deutschland den Gewaltfrieden von Brest-Litowsk am 3. März 1918 mit nachfolgender Besetzung großer Teile Russlands.

Die "Gubener Zeitung" meldete das Ende des Zweifrontenkrieges und zitierte Lenin in ihrer Ausgabe vom 9. März 1918: "Wir müssen uns mit den Deutschen verständigen, sonst ist die Republik verloren. Der Frieden ist ein Verhängnis für uns, aber er gibt uns die Möglichkeit, organisatorische Arbeit zu leisten."

Bei den Verhandlungen von Brest-Litowsk wurde die beiderseitige Rückführung aller Kriegsgefangenen vereinbart. Dazu liegt dem Verfasser ein Beispiel aus Guben vor. Der hier lebende Paul Grünitz besitzt einen Brief über die Gefangenschaft seines Vaters, datiert vom 1. Juni 1918 aus Russisch-Polen. Ein Kriegskamerad schrieb der Ehefrau nach Guben: "Im Monat Juni oder Juli wird alles ausgetauscht aus Russland. Es geht bloß sehr langsam wegen der schlechten Bahnverhältnisse und wegen der Unruhen. Ihr Mann kam aus der Stadt Kursk nach Woronesch, Post hat er nie bekommen. . . . Ihr Mann war bei demselben Regiment, wo ich war (21. Inf. Reg. Thorn). Ich bin am 7. August 1916 in Galizien (Gebiet nördlich der Karpaten - d. Verf.) in Gefangenschaft gekommen als Verwundeter. Jeder Reichsdeutsche in Woronesch wird vom Konsul unterstützt. Die Mannschaften bekommen jeden Monat 5 Rubel Geld, im Spital pro Tag zwei Eier und im Lager Kartoffelbrei. Also ging es uns einigermaßen. . ."

Der Soldat Paul Grünitz sen. kam Ende Oktober 1918 mit einem Militärtransport aus Russland in Halle/Saale an. Von dort aus konnte er in seine Gubener Wohnung Hinter den Höfen zurückkehren (Adressbuch von Guben 1914: Grünitz, Paul, Hutarbeiter, Hinter den Höfen 31).

Ein anderes interessantes Beispiel aus dieser Zeit liegt aus der "Gubener Zeitung" vom 14. März 1918 vor: "Die Gastspielreise des Gubener Stadttheaters nach Brest-Litowsk und anderen russischen Städten im Bezirk Ober-Ost hat einen vielversprechenden Anfang genommen. Aufgeführt wurde ein Volksstück. . . . Die feldgrauen Teilnehmer nahmen das Spiel mit großem Interesse auf. Am Sonntag wurde Sudermanns ,Johannisfeuer' gespielt und am Montag der Schwank ,Die blonden Mädels vom Lindenhof' von Okonkowsky; zu letzterer Vorstellung hatte Generalfeldmarschall Prinz Leopold von Bayern seine Teilnahme zugesagt. . ." Offenbar ging es um die kulturelle Betreuung der deutschen Besatzung im Osten, wozu sich die Gubener Bühne aufgrund ihrer Lage anbot.

Nach dem Waffenstillstand von Compiègne am 11. November 1918 mussten diese Gebiete geräumt werden. Im Oktober 1918 war der unabhängige polnische Staat proklamiert worden, dessen Grenzen jetzt etwa 100 Kilometer östlich von Guben lagen. Gerhard Gunia