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Die Meisterschülerin

Von Meisterhand. Karina Bruske ist Fachfrau in einem Männerberuf.
Von Meisterhand. Karina Bruske ist Fachfrau in einem Männerberuf. FOTO: Foto: FOTO-Werner
Guben.. „Was ich habe, das kann mir keiner mehr nehmen.“ Das ist das Lebensmotto von Karina Bruske aus Guben. Die 23-Jährige interessiert sich nicht für die aktuelle Diskussion um die Abschaffung des Meisterprivilegs. Karina ist Gubens jüngste Dachdeckermeisterin, aber das reicht ihr noch nicht. Von Jan Siegel

Ihr großes Vorbild ist ihr Vater. Hartmut Bruske ist Klempnermeister, so lange Karina denken kann. Früher arbeitete er bei der PGH „Einheit“ , wo zu Zeiten der DDR die meisten Vertreter der Klempner- und Dachdeckerinnung zusammengefasst waren. Nach der politischen Wende zerfiel das genossenschaftliche Gebilde. Es entstanden wieder viele kleine, selbstständig arbeitende Betriebe. Auch Hartmut Bruske stellte sich der neuen Herausforderung und gründete seine eigene Firma. Das war 1993, da war Karina gerade 13 Jahre alt und besuchte die Gesamtschule.
Schon früh war ihr klar, was sie nach der 10. Klasse lernen wollte: Klempner, logisch.
Es störte sie nicht, dass das ja eigentlich kein typischer Frauenberuf ist. Überhaupt haben nicht alle Menschen eine realistische Vorstellung vom Klempnerberuf, seit Reinhard May in seinem Lied „Ich bin Klempner von Beruf“ das eigenständige Handwerk ziemlich skrupellos mit dem des Installateurs vermischte.
Klempner sind Blechschmiede, die Bleche nicht nur auf Dächern, sondern beispielsweise auch an Fensterbänken und Fassaden kunstvoll verarbeiten.
Karina Bruske ging dreieinhalb Jahre bei ihrem Vater in die Lehre und eignete sich ihr theoretisches Wissen im Forster Oberstufenzentrum und im Ausbildungszentrum der Handwerkskammer in Gallinchen an.
An die erfolgreiche Klempnerlehre wollte Karina gleich die Meisterausbildung anschließen. Das aber war ein Problem. Weil sich nicht genügend Klempnergesellen fanden, die es in ihrem Beruf zum Meister bringen wollten, wurde Karina in eine Dachdecker-Klasse eingeordnet.
Die groß gewachsene Gubenerin, ließ sich aber auch dort nicht unterkriegen. Schließlich sind Klempner und Dachdecker hinsichtlich ihrer Anforderungsprofile artverwandt. Karina büffelte zwei Jahre lang neben ihrer Arbeit. Für kaufmännische und pädagogische Lehrgänge setzte sie sich wochenweise auf die Schulbank. Die Klempnerin lernte Biberschwänze zu verlegen und Schieferformationen zu nageln. Als Meisterstück fertigte Karina in dreitägiger Arbeit eine beeindruckende „Schiefer-Kehle“ . Und natürlich wurde das Prüfungsstück mit den notwendigen Blechen und sogar einer Dachrinne versehen – Ehrensache für eine Klempnerin. Das beeindruckte auch die Lehrer.
Jetzt hat sie alle Prüfungen in der Tasche und darf sich nach ihrer Freisprechung Dachdeckermeisterin nennen.
Aber Karina Bruske verfolgt noch ein weiteres Ziel. Aufbauend auf den jetzigen Meistertitel, will sie es in den nächsten Monaten auch noch zur Klempnermeisterin bringen. Die Zeichen dafür stehen nicht schlecht. Große Teile der Theorie bei der Meisterausbildung wird sie dabei nicht wiederholen müssen. Dafür steht das Handwerklich-Praktische im Mittelpunkt.
„Aber ich werde es durchziehen. Was ich habe, das kann mir keiner mehr nehmen“ , sagt sie. Und schließlich ist ihr großes Vorbild – ihr Vater – auch Klempnermeister. Ihm nachzueifern, ist ihr großes Ziel – und sie hat es schon beinahe geschafft.