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Diakonissen haben für ihre Arbeit gelebt

Adelheid Hahn erzählte von ihrer Arbeit als Diakonissenschwester im Gubener Wilkestift.
Adelheid Hahn erzählte von ihrer Arbeit als Diakonissenschwester im Gubener Wilkestift. FOTO: Jana Pozar/zar1
Guben. Adelheid Hahn war 58 Jahre als Diakonissenschwester im Gubener Naemi-Wilke-Stift tätig. Von ihrer Arbeit erzählte sie am gestrigen Vormittag im Lesecafé des Wilkestifts. Jana Pozar / zar1

Adelheid Hahn bezeichnet sich selbst als Feierabendschwester. Schließlich ist die 85-Jährige schon im Jahr 1997 in Rente gegangen. Sie war die letzte Oberin im Gubener Naemi-Wilke-Stift. "Eigentlich wollte ich nicht Oberin werden, aber irgendjemand musste Oberin Else 1968 ja ersetzten", sagte sie schmunzelnd. Allerdings habe es schon damals mehr Probleme mit dem Personal als mit den Patienten gegeben.

Adelheid Hahns Herz schlug jedoch zunächst für die ganz jungen Menschen. Sie machte eine Ausbildung zur Lehrerin. Der Zufall wollte es, dass sie aus der Ostprignitz nach Guben kam. "Nach Krempendorf kam ein Pfarrer aus Breslau, der Patient im Gubener Wilkestift war. Er schwärmte von diesem Haus und sagte, dass dort Schwestern gebraucht werden. Ich dachte: Fahr mal hin und schau es dir an." Sie war von Anfang an begeistert. Das ist jetzt 65 Jahre her. Adelheid Hahn erinnert sich noch zu gut an ihre Anfangszeit in Guben. "Wir haben Handschuhe geflickt, Binden gekocht. Wenn ich das mit heute vergleiche - Hygiene ist wichtig, aber es wird heute zu schnell zu viel weggeworfen", erzählte sie. Schon vor dem Dienst, der um 6 Uhr morgens begann, mussten die Diakonissen zum Garteneinsatz. "Der war dort angelegt, wo heute die neuen Häuser des Stifts stehen", erinnerte sich die 85-Jährige. Ihre Augen strahlen noch heute, wenn sie von der Arbeit im Altersheim im Stift erzählt. "Die Menschen waren so dankbar für eine liebevolle Betreuung." Diakonissen lebten für ihren Beruf. "Wir kamen morgens ausgeruht zur Arbeit, mussten ja keinen Mann und keine Kinder versorgen. Wir mussten uns nur um unsere Arbeit kümmern", so Adelheid Hahn. Trotzdem seien beispielsweise die Nachtdienste hart gewesen. "Manchmal musste wir vier Wochen hintereinander ran", erinnerte sie sich. Die Diakonissen arbeiteten jeden Tag, hatten lediglich einmal in der Woche einen Nachmittag frei. Gemeinsame Morgenandachten im Andachtssaal und gemeinsames Mittagessen in der Cafeteria standen neben der Arbeit auf dem Tagesplan. Oft sang der Schwesternchor auf den damals drei Stationen des Wilkestifts. Gewohnt haben die Diakonie-Schwestern in der obersten Etage des Krankenhauses.

Nach dem Mauerbau übernahmen westdeutsche Diakonissenmutterhäuser die Patenschaften für die im Osten. "Das war zum Glück möglich. Wir bekamen viele Geschenke, die waren eine große Hilfe", blickte Adelheid Hahn zurück. Sie hat sämtliche Bauphasen am und im Krankenhaus miterlebt, auch die Zeit, in der noch viele Kinder im Gubener Wilkestift geboren wurden. Sie erlebte aber auch, wie Stationen geschlossen wurden. "Dass die Entbindungsstation geschlossen werden musste, macht mich heute noch traurig. Die neuen und modernen Apparate im Haus würden ihr ein bisschen Angst machen. "Ich glaube, die rasante Entwicklung muss die Arbeit nicht immer einfacher machen", sagte Adelheid Hahn. Die Oberin a. D. ist trotzdem noch immer offen für die Entwicklungen im Krankenhaus. "Und ich freue mich, dass ich so viel Wilke-Stift-Geschichte miterleben durfte", gab sie letztlich zu.

Im Jahr 1884 wurde ein Diakonissenmutterhaus Kaiserswerther Prägung im Naemi-Wilke-Stift eröffnet. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurden dort Diakonissen ausgebildet. Fast 90 Diakonissen gab es in Hochzeiten in der Neißestadt. "Als ich 1949 nach Guben kam, war die Blütezeit allerdings schon fast vorüber", so die Oberin a. D. 1997 ist zur Erinnerung an das Lebenswerk der Schwestern eine Gedenkstätte auf dem Gubener Waldfriedhof errichtet worden. 2008 wurde von den letzten Diakonissen ein Diakonissenvermächtnis übergeben. Zur Erinnerung an die Lebensleistung der Schwestern gibt es in der Cafeteria eine Erinnerungswand mit Fotos der Oberinnen seit der Gründung des Wilkestifts.