Es gibt sie noch – die unverdorbenen Dorfansichten, die Städtern wie ein Idyll erscheinen, wenn sie sich am Wochenende aus ihren grauen Betonwüsten aufmachen in die Natur. Statt eintöniger Mehrfamilienhäuser und immer gleicher Vorgärten herrscht auf dem Dorf noch Individualismus – alte Eichen und verknöcherte Pappeln statt der Einheitsfichte aus der Baumschule, liebevoll erhaltene Details an Fassaden statt "Baumarkt-Schnickschnack". So stellen sich für Helmut Rippl vom Kulturverein die Vorteile des Dorflebens dar.

Und solche Ortschaften, die seiner Meinung nach zum "Tafelsilber Deutschlands" gehören, gibt es in der Lausitz noch. Atterwasch ist ein Beispiel aus dem Spree-Neiße-Kreis, das die Broschüre und die dazugehörige Ausstellung im Kreishaus analysieren.

Zwei Bände mit Dorfansichten und Informationsmaterial trugen die Landschaftsfreunde zusammen. 57 Dörfer haben sie sich herausgepickt und in einer abgespeckten Broschüre vorgestellt. Sehenswerte Dorfansichten wurden fotografiert, aber auch Bausünden aus Gegenwart und Vergangenheit.

Die Gefahr heißt Verstädterung. Landwirtschaftliche Kleinbetriebe werden immer seltener. Frei werdende Bauernhöfe und -häuser ziehen Städter an, die zwar zum Erhalt des Dorfes beitragen, zugleich aber auch den Baustil der Stadt mitbringen und den Dorfcharakter damit zerstören.

Holzbauten im alten Dorfzentrum oder Straßen, die von Nadelbäumen statt der für hiesige Dörfer typischen einzelnen Laubbäumen gesäumt werden, sind Rippl ein Dorn im Auge.

Deshalb haben die Landschaftsfreunde für jedes untersuchte Dorf ein Auszug aus ihrer "Dorfbibel" erstellt, der im jeweiligen Amtsgebäude ausgelegt werden soll. Wer im Dorf bauen will, solle sich darin zunächst einmal über die Charakteristika des Ortes informieren und seinen Bau anpassen.

Denn Rippl und seine Kollegen haben nichts gegen Neubauten oder die Sanierung eines alten Bauwerks. Nur solle das eben erfolgen, ohne den Charakter des Dorfes zu zerstören. Sichtachsen sollen bewahrt werden und das neue Haus nicht aus dem Gesamtkonzept herausfallen. Ein Flachdach neben einem Walmdach, daneben dann wieder ein Spitzdach, solche Beliebigkeit stört.

Viele kleine Lausitzer Ortschaften haben sich ihr ursprüngliches Flair bisher bewahren können. Atterwasch in den Gubener Fließtälern beispielsweise wird in der Broschüre des Fördervereins als "gefälliges Straßendorf" gelobt, das sich seine wertvolle Baustruktur erhalten habe.

In vielen Fällen kam den Dörfern ihre Lage in der Nähe des Tagebaus zu Gute. Dort, wo zu DDR-Zeiten eine zukünftiger Abbau vorgesehen war, wurde Baustopp verhängt, der heute dazu führt, dass unförmige Plattenbauten fehlen, die das Dorfbild stören.

Andernorts hatten Dörfer Glück, weil in Amtsstuben genügend Weitsicht regierte, wertvolle Bauwerke zu erhalten und unförmige Neubauten zu verhindern. Daran sollten sich die Bauplaner auch in Zeiten leerer öffentlicher Kassen halten, fordert Rippl. So sollten öffentliche Einrichtungen in leer stehenden Herrenhäusern oder Schlössern Unterschlupf finden. Dort, wo solch markante Bauten abgerissen wurden, sollten neue Lösungen gefunden werden, die der Bedeutung des Platzes angemessen sind.

Dass solche Forderungen nicht immer auch im unmittelbaren Interesse der Anwohner liegen, wird spätestens beim Straßenbau deutlich. Denn während Rippl die Vorzüge gepflasterter Straßen lobt und sich gegen Bordsteine und zu viele Straßenlaternen im Dorfbild wehrt, sehen viele Dorfbewohner genau das als erstrebenswert an. Schließlich machen asphaltierte Straßen weniger Lärm.

"Wir sollten nachdenken, welche Wege bei der Dorfentwicklung gehen", rät Rippl. Sein Verein zeigt auf, was erhaltenswert ist in den Dörfern. Nun müssten Bauherren und -planer vor Ort entscheiden, was sie im Einzelfall daraus machen.