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| 01:06 Uhr

„Danach hörte man Gewehrschüsse“

Trügerische Idylle: Seit 1943 befand sich im Königpark ein Lager für Kriegsgefangene und jüdische Zwangsarbeiterinnen.
Trügerische Idylle: Seit 1943 befand sich im Königpark ein Lager für Kriegsgefangene und jüdische Zwangsarbeiterinnen. FOTO: Foto: Sammlung Peter
Guben.. Im Oktober vergangenen Jahres erhielt der Gubener Andreas Peter Post von einer Italienerin, die ihn nach dem Schicksal eines jüdischen Mädchens fragte. Der Vater der Italienerin war von 1943 bis 1945 Militärinternierter im Gubener Gemeinschaftslager Königpark. Dort hatte er den gewaltsamen Tod des Mädchens miterleben müssen und ihren Namen „Myriam“ an seine spätere Tochter weitergegeben, die nun den Kontakt nach Guben aufgenommen hatte. Mittlerweile hat Peter neue Erkenntnisse gesammelt und für die RUNDSCHAU aufgearbeitet. Foto: Sammlung Peter

Zur Intensivierung der Korrespondenz trug eine kürzlich erschienene Veröffentlichung über italienische Militärinternierte in Deutschland bei. Ich fragte bei der Autorin der umfangreichen Dissertation an, ob sie bei ihren Forschungen auch auf Informationen über das Mannschafts-Stammlager Stalag III B in Fürstenberg (Oder) beziehungsweise dessen Arbeitskommandos in Guben gestoßen sei. Sie bejahte und schickte mir schon nach kurzer Zeit einige Kopien aus ihrem Buch.
Darin zitiert sie unter anderem das Tagebuch eines Italieners, der Vertrauensmann der italienischen Militärinternierten in Guben war - von 1943 bis 1945. Über diese gesamte Zeit gelang es ihm, ein Tagebuch zu führen, das er in den 70er Jahren einem Historischen Institut in Italien zur Verfügung stellte. Dort liegt es noch immer verwahrt.
Dies teilte ich meiner italienischen Bekannten mit, die nun versuchte, an besagtes Tagebuch zu gelangen, in der Hoffnung, daraus auch Näheres über das jüdische Mädchen zu erfahren, deren Namen sie trägt. Mit viel Mühe gelang es ihr schließlich, das Tagebuch ausfindig zu machen. Die Leitung des Instituts machte ihr allerdings nur wenige Seiten zugänglich. Darin kommen jedoch erschütternde Geschehnisse zutage, die hier nur angedeutet werden können, da mir eine vollständige Übersetzung noch nicht vorliegt:
Anfang Februar 1945 erreichten das Gemeinschaftslager hunderte jüdische Frauen und Mädchen, die aus weiter östlich gelegenen Zwangsarbeiterlagern wegen der näher rückenden Front evakuiert worden waren. Da nicht genügend Platz für die Aufnahme im Gubener Lager vorhanden war, mussten sie es schon nach kurzer Zeit wieder verlassen. Doch nach einigen Tagen kehrten zahlreiche von ihnen, eskortiert von deutschen Aufsehern, zurück. Sie waren völlig entkräftet und erschöpft. Dies notierte der Italiener am 11. Februar 1945 in sein Tagebuch. Aus seiner Baracke heraus sah er, wie die Mehrzahl dieser bemitleidenswerten Geschöpfe dazu angetrieben wurde, in der Nähe der Baracken einen Graben auszuheben.
Schließlich wurde den Italienern unter einigen Vorwänden befohlen, das Lager zu verlassen und nicht vor anderthalb Stunden wiederzukehren. Sie kamen diesem Befehl nach und zerstreuten sich in die Umgebung. "Kurz danach hörte man Gewehr- und Maschinengewehrschüsse, die mit Unterbrechungen jeweils ungefähr eine halbe Stunde dauerten." Die Leichen der mehr als 100 ermordeten jüdischen Frauen und Mädchen wurden in der Nähe der Krankenbaracken von SS-Soldaten verscharrt.
Unter den italienischen Gefangenen machten sich Angst und Schrecken breit, fürchteten sie doch um ihr eigenes Leben. Doch sie kamen davon, während die evakuierten Zwangsarbeiterinnen des Gubener Gemeinschaftslagers nach unbeschreiblichen Strapazen des Todesmarsches Bergen-Belsen erreichten. Nur wenige von ihnen überlebten die Befreiung jenes Todeslagers in Norddeutschland durch englische Soldaten am 15. April 1945. Das Massengrab der ermordeten Zwangsarbeiterinnen am östlichen Rande Gubens geriet indes in Vergessenheit.