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| 09:13 Uhr

Zweiter Verhandlungstag im Prozess um Totschlag zu Neujahr
Guben: grausames Geständnis

 Stefan S. ließ seinen Anwalt vor dem Cottbuser Landgericht eine Erklärung verlesen. Die Tat von Neujahr in Guben räumt er ein. Erinnern könne er sich aber kaum noch.
Stefan S. ließ seinen Anwalt vor dem Cottbuser Landgericht eine Erklärung verlesen. Die Tat von Neujahr in Guben räumt er ein. Erinnern könne er sich aber kaum noch. FOTO: LR / Daniel Schauff
Guben/Cottbus. Ein junger Gubener wurde in der Silvesternacht brutal getötet. Vor dem Cottbuser Landgericht muss sich nun ein 50-jähriger Angeklagter verantworten. Dabei kamen nur schwer aushaltbare Details zur Sprache. Von Daniel Schauff

Es sind grausame Bilder, die auf der Leinwand hinter dem Richterstuhl zu sehen sind. Die Bilder stammen aus einer Polizeiakte und zeigen den verstorbenen Rico G.* Zuerst bedeckt, dann ist sein Gesicht zu sehen. Und die Verletzungen, an denen Rico G. am Neujahrsmorgen gestorben ist. Totgeschlagen von seinem besten Freund.

Stefan S.* hatte am Montag angekündigt, zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft am Donnerstag Stellung nehmen zu wollen. Mit eigenen Worten tut er das aber nicht, lässt seinen Anwalt eine Einlassung verlesen. Der beschreibt, wie aus vermeintlichen Freunden Täter und Opfer werden konnten.

Seit der Lehrzeit habe er ein Alkohol- und Drogenproblem, heißt es in der Erklärung. An die Tat am Neujahrsmorgen könne er sich höchstens noch schemenhaft erinnern. Einräumen will der Angeklagte sie aber. Regungslos verfolgt Stefan S. die Worte seines Anwalts.

Angeklagter immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten

Stefan S. ist eigenen Angaben zufolge in der Vergangenheit immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Grund sei seine Sucht gewesen – er brauchte neue Drogen, neuen Alkohol. S. verlor seine Wohnung in Guben, zog ins Wohnheim in der Deulowitzer Straße. Dort, sagt er über seinen Anwalt, habe er auch sein späteres Opfer kennengelernt, Rico G.

Man habe gemeinsam Cannabis konsumiert und exzessiv getrunken. Auch Rico G. sei alkoholkrank gewesen. Das bestätigt später auch die Mutter des Opfers im Zeugenstand.

S. habe schließlich eine Wohnung in der Friedrich-Schiller-Straße in Guben gefunden. Rico G. habe nicht allein im Wohnheim bleiben wollen, besuchte S. regelmäßig. Beide tranken zusammen, kifften. Irgendwann habe es einen Streit gegeben, weil Rico G. eine Flasche durch die Wohnung geworfen hätte.

FOTO: LR / Engelhardt

Eigentlich, sagt S., habe er Rico G. danach ausladen wollen. Die beiden hatten gemeinsam mit einem weiteren Bekannten eine Silvesterparty in S.’ Wohnung geplant.

Rico sei dann doch gekommen, bereits am Silvestertag. Bereits am Nachmittag seien beide und der gemeinsame Bekannte volltrunken gewesen. S. will sich erinnern, wie der Bekannte die mitgebrachten Salate auf Tellern angerichtet haben soll.

Grausamer Tod eines noch jungen Gubeners

Das gefiel dem Angeklagten nicht, er rastete aus, schmiss den Bekannten aus der Wohnung. Als Letzterer erneut auftaucht, läuft S. schließlich mit einem Küchenmesser an die Haustür, verscheucht seinen Bekantnen endgültig.

Rico G. und Stefan S. hätten dann weitergefeiert. Am Telefon belog S. seine Ex-Freundin, Rico G. habe sich einen Spaß gemacht, seinen Freund bei dessen Ex-Freundin zu verraten. Schließlich habe Rico G. erneut eine Bierflasche durch die Wohnung geworfen, woraufhin S. ausgerastet sei.

Was folgte, war ein grausamer Tod des noch jungen Gubeners. Mit Tritten unter anderem gegen den Kopf, Schlägen auch mit einer Bierflasche fügte S. seinem Freund derart schwere Verletzungen zu, dass er nicht überleben konnte.

S. räumt den Toten am Neujahrsmorgen in Panik zuerst in den Hausflur, sagt sein Anwalt. Der Nachbar von gegenüber entdeckt den Toten, als er am Morgen nach dem Rechten im Hausflur schauen will. Im Zeugenstand am Donnerstag will er sich an den Toten nicht mehr erinnern können, der Polizei hatte er bei der Vernehmung davon berichtet.

Bekannter entdeckt Toten in Guben

Der Nachbar sagt, er habe die Polizei verständigen wollen, habe noch einmal in den Hausflur gesehen. Da sei der Tote nicht mehr da gewesen. Nur ein Blutfleck auf dem Boden sei noch zu sehen gewesen. Seinen Plan, die Polizei zu rufen, legt er ad acta.

Erst am 2. Januar entdeckt der Bekannte von der Silvesterfeier den Toten in der Küche des Angeklagten. Gekommen war er, um seinen Fernseher zu holen. Er verständigte die Polizei. Als die anrückte, gab S. an, mit rund einem Dutzend Bekannten Silvester gefeiert zu haben und die Wohnung zwischendurch verlassen zu haben.

Als er zurückkam, habe er die Leiche im Hausflur entdeckt. Er habe sie in seine Küche getragen und sich dann schlafen gelegt. Gerade habe er die Polizei verständigen wollen. Er sei ruhig gewesen, schildern die Beamten am Donnerstag im Zeugenstand. S. wurde festgenommen. Die Taschen hatte er bereits gepackt.

Mutter des Opfers im Zeugenstand vor Cottbuser Landgericht

„Er war ein guter Junge“, sagt die Mutter des Opfers über ihren Sohn. Sie ist am Donnerstag die letzte, die den Zeugenstand betritt. Den Wunsch, das mitgebrachte Bild von Rico G. in den Zeugenstand mitzunehmen, schlägt der Vorsitzende Richter aus.

Trotzdem lässt sich Marietta G.* nicht davon abbringen, den Richtern und Schöffen das Bild zu zeigen. „So sah er aus“, sagt sie, kämpft mit den Tränen. Sie habe sich aber vorgenommen, den schweren Schritt in den Zeugenstand durchzustehen.

Gekifft habe Rico vielleicht wegen seiner Hyperaktivität. Das mit dem Alkohol, sagt Marietta G., habe mit etwa 20 Jahren begonnen. Eine Lehre hat nicht geklappt, ein Therapie habe nicht gefruchtet.

Trotzdem: Das Verhältnis zwischen ihr und Rico sei ein sehr gutes gewesen, regelmäßige Telefonate, regelmäßige Besuche, selbst, als ihr Sohn im Westen gelebt habe, habe man sich regelmäßig besucht. Aggressiv sei Rico G. nie gewesen, auch nicht, wenn er getrunken habe.

Marietta G. berichtet von einer Gehbehinderung, die in den letzten Jahren immer schlimmer geworden sei. Lange habe er nicht am Stück gehen können, habe Rückenprobleme gehabt. Stefan S. hat in seiner Einlassung angegeben, für Rico gekocht und eingekauft zu haben. Marietta G. habe sich gewundert. Dafür hatte Rico eigentlich eine Betreuerin.

Stöhngeräusche in der Silvesternacht

So richtig einschätzen konnte sie das Verhältnis zwischen Stefan S. und ihrem Sohn nicht, sagt sie. Einerseits habe sie per Whatsapp mit Stefan S. kommuniziert, um sich über ihren Sohn und seine Gesundheit zu informieren. Andererseits habe sie das Gefühl gehabt, ihr Sohn sei dem mehr als zehn Jahre älteren und körperlich weit überlegenen Stefan S. hörig gewesen.

Ob es möglich sei, dass sich ihr Sohn in Stefan S. verliebt habe, will der Vorsitzende Richter wissen. Marietta G. glaubt nicht, dass ihr Sohn homosexuell war, sagt sie. Zuvor hatte ein Nachbar geschildert, dass er in der Silvesternacht Stöhngeräusche wie beim Geschlechtsverkehr gehört habe.

Eine halbe Stunde vor Mitternacht habe sie ihrem Sohn noch telefonisch einen guten Rutsch gewünscht. Wenig später war er tot. Sehen durfte sie den verstorbenen Sohn nicht mehr. „Weil er so zugerichtet war“, sagt Marietta G.

Am Mittwoch und Donnerstag wird der Totschlag-Prozess gegen Stefan S. fortgesetzt (jeweils 10 Uhr).

*Namen geändert