Lars Wiedemann und Museumsleiterin Heike Rochlitz hatten Dietmar Gensitz und Margitta Sterker zur Gesprächsrunde eingeladen. Gensitz war von 1968 bis 1988 zunächst als technischer Leiter, später als betrieblicher Direktor in dem einstigen VEB Fischerarbeitung Guben beschäftigt. Die 79-jährige Margitta Sterker begann 1979 als Buchhalterin in der Fabrik. Von 1979 bis zur Insolvenz des Unternehmens im Jahr 1993 war sie amtlicher Geschäftsführerin des Betriebes, der seit der Wende den Namen Gubener Fisch- und Feinkost GmbH trug.

Lars Wiedemann war von Anfang an von der Atmosphäre in der einstigen Fabrik fasziniert, obwohl er nie zu Produktionszeiten dort war. "Das Gebäude sah aus, als ob es fluchtartig verlassen wurde", erinnert er sich an seinen ersten Foto-Besuch. Beeindruckt sei er damals gewesen von der ehemaligen Räucherei. "Und in einer Halle stand noch eine Palette mit leeren Gläsern. Sie schienen auf die Verarbeitung zu warten", erzählt Wiedemann. Vor allem im Verwaltungsgebäude sei er schockiert gewesen. "Dort lagen noch jede Menge Akten", so Wiedermann. Margitta Sterker versicherte, dass sie in den ersten Jahren nach der Insolvenz der Fabrik versucht hatte, diese Akten zu sichern. "Einige Akten wurden archiviert, andere Personalunterlagen habe ich einfach verbrannt", erzählt sie. Für Dieter Gensitz stellte sich ein Besuch in den 1990er-Jahren trübselig dar. "Wir haben zu DDR-Zeiten mit den wenigen Mitteln, die uns zur Verfügung standen, versucht, das Gebäude zu halten. Wie es später aussah, war erschütternd", so Gensitz. Er erinnert sich, wie die technischen Kräfte in den 1970er-Jahren es verstanden hatten, aus dem, was da war, etwas zu zaubern. "Schließlich hatten wir Mangelwirtschaft. Instandsetzung war fast unmöglich", erklärt der einstige Betriebsdirektor.

Doch nicht nur das Material war Mangelware, der Betrieb litt einst auch unter mangelnden Arbeitskräften. "Und einige von den etwa 75 Mitarbeitern nahmen es mit der Arbeitsmoral nicht ernst", so Margitta Sterker. Sie erklärt, dass gerade zu Hochzeiten auch die Mitarbeiter aus der Verwaltung in die Produktion mussten. An ihre erste Sonderschicht erinnert sie sich noch gut. "Ich habe zu Hause eine Stunde im Bad verbracht. Ich hatte in der Braterei gearbeitet und der ganze Geruch war in mir", erzählt sie schmunzelnd. Doch alles sei eine Frage der Gewohnheit gewesen. Dieter Gensitz erinnert sich wiederum an die Mangelwirtschaft. "Das Tiefkühlhaus sollte gefliest werden. Aber Fliesen gab es nicht", blickt er zurück. Also habe er drei Kisten Aal eingepackt und sich auf und den Weg nach Meißen gemacht, wo es die begehrten Fliesen geben sollte. Ein paar Monate später bekam die Gubener Fischfabrik ihre Fliesen. Aale seien übrigens allgemein begehrte Tauschware gewesen - auch in Autowerkstätten.

Heute gleicht das Areal der einstigen Fischfabrik einem verwilderten Park. Doch wenn es nach dem amtierenden Bürgermeister Fred Mahro geht, soll dieser Park bald mit Leben erfüllt werden. Schließlich sei das Areal eines der wenigen am Grenzfluss, das direkt an die Neiße grenzt. Er hofft, dass die "Dreckecke" bald verschwindet. "Es gibt Interessenten", sagt Mahro. Auch, weil der alte Hafen neu belebt, die Straße saniert und dadurch Touristen angelockt wurden. "Das Areal ist städtebaulich interessant. Auch für privat Engagierte", versichert er. Und auch, wenn der Denkmalschutz das etwa 18 000 Quadratmeter große Areal längst auf dem Bildschirm habe, werde das Gelände "in absehbarer Zeit" wiederbelebt. Diese absehbare Zeit begrenzte Mahro auf das Jahr 2016.