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Angreifer empfindet keinen Schmerz

Mit gezielten Faustschlägen und Knietritten hatte der 25-jährige Kampfsportler vier Polizeibeamte außer Gefecht gesetzt.
Mit gezielten Faustschlägen und Knietritten hatte der 25-jährige Kampfsportler vier Polizeibeamte außer Gefecht gesetzt. FOTO: dpa
Guben. Oft sind es Crystal-Meth-Konsumenten, die Polizisten während einer Festnahme angreifen, sagt die Polizei. Im Gubener Fall waren keine Drogen im Spiel, dafür aber ein Angreifer mit einer Ausbildung als "Anti-Terror-Kämpfer". Daniel Schauff

Weder Schlagstock noch Pfefferspray konnten den 25-Jährigen Kampfsportler aufhalten, der am Freitag in der Gubener Dr.-Külz-Straße gleich vier Polizeibeamte niederstreckte. "Keinerlei Wirkung" hätten die Hilfsmittel der Polizei gezeigt, sagt Sven Bogacz, Leiter der Polizeidirektion Süd. Die Bilanz des Einsatzes: Verletzungen und Dienstunfähigkeit bei drei Polizeikollegen und einer Kollegin. Nur die Polizistin ist mittlerweile wieder im Dienst, wann ihre drei Kollegen zurückkehren, ist noch nicht sicher, so Bogacz. Zwar seien sie mittlerweile aus dem Krankenhaus entlassen, medizinische Nachuntersuchungen liefen aber noch.

Völlig schmerzunempfindlich sei der Angreifer - ein ausgebildeter Kampfsportler, seit 20 Jahren im Training und seit zwölf Jahren in der Kampfsportart "Anti-Terror-Kampf" (ATK) aktiv. Gegen eine solche Technik, sagt Bogacz, hätten selbst gestandene Beamte keine Chance. Die Kämpfer lernten, sich auch gegen körperlich überlegene Gegner durchzusetzen.

Der Täter, Manuel F., war von seinem Zuhause in Berlin nach Guben gekommen, um mit seiner Ex-Freundin zu sprechen. Die war in der Neißestadt bei einer Freundin zu Besuch, hatte ihr kleines Kind dabei. Manuel F. versuchte, gewaltsam in die Wohnung in der Külzstraße einzudringen, seine 19-jährige Ex-Freundin verständigte die Polizei. Als die Beamten den Mann antrafen, habe er sehr emotional reagiert, steigerte sich offenbar schnell in die Situation hinein. Auch für ihn sei das eine Ausnahmesituation gewesen, sagt der Direktionsleiter. Den Beamten sagte er, er habe ein Messer bei sich, während er versuchte, die Wohnungstür einzutreten. Alle Kommunikationsversuche mit Manuel F. seien wirkungslos gewesen. Unmittelbar habe der Mann eine Kampfposition eingenommen und mit Fäusten und Knien zielgerichtet zugeschlagen.

Darüber, dass seine Kollegen die Schusswaffe nicht gezückt haben, sei er froh, sagt Bogacz. Der Hausflur, in dem der Mann die Polizisten attackierte, sei dafür kaum geeignet - die Gefahr von Querschlägern sei zu hoch gewesen, darüber hinaus wussten die Beamten, dass sich hinter der Tür ein kleines Kind befand.

Erst die herbeigerufene Bereitschaftspolizei mit weiteren 15 Beamten konnte den 25-Jährigen am Freitag stoppen. Das Gewahrsam bei der Polizei dauerte für ihn allerdings nur wenige Stunden. Ein Haftbefehl liegt nicht vor. Er hätte sich eine andere justizielle Entscheidung gewünscht, sagt Direktionsleiter Bogacz. Die Staatsanwaltschaft war jedoch anderer Meinung.

Ein Verfahren - unter anderem wegen Widerstands gegen Vollzugsbeamte - läuft gegen Manuel F. dennoch. Und das soll die Kripo so schnell wie möglich abschließen - noch in dieser Woche soll der Fall der Staatsanwaltschaft übergeben werden, sagt Sven Bogacz. Damit wolle er auch ein Zeichen für die Kollegen setzen.

Rund eine halbe Stunde hat der Einsatz in der Külzstraße am Freitag gedauert. Ein Routine-Einsatz, hatten die Beamten zunächst angenommen. Streitigkeiten aus Eifersucht kämen häufig vor, sagt Bogacz, und gehörten zum Polizeialltag. Viele der Auseinandersetzungen werden nicht öffentlich, um Persönlichkeitsrechte der Betroffenen zu wahren, erklärt Polizeisprecherin Ines Filohn. Aus dem Eifersuchtsstreit in Guben am Freitag sei aber innerhalb weniger Minuten ein "besonderer" geworden - einen ähnlichen Fall, sagt Bogacz, habe keiner der betroffenen Kollegen je zuvor erlebt. Von den Kampfsportvereinen fordert er, den Schülern auch beizubringen, wann "Schluss mit lustig" ist.

Zum Thema:
Widerstand gegen Vollzugsbeamte ist kein Einzelfall. 100 Mal zählte die Polizeidirektion Süd im Jahr 2016 Widerstände gegen Beamte. In 26 Fällen sind dabei Polizisten verletzt worden. Anlässlich des Gubener Falls von Freitag hatte Lutz Thierfelder, brandenburgischer Vize-Landeschef der Polizeigewerkschaft, von der Landesregierung den Einsatz von Bodycams (Körperkameras) gefordert und will die Ausstattung von Beamten mit Elektroschockern prüfen lassen. Bogacz hält Elektroschocker jedoch für ungeeignet, weil sie unter Umständen sogar zum Tode führen könnten. Auch Bodycams, sagt der Direktionsleiter, hätten im Gubener Fall nichts gebracht - der Täter hätte sich auch durch entstehende Beweisaufnahmen nicht abhalten lassen.