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Als der Krieg zu Ende ging

Guben. Vor 70 Jahren endete mit der Kapitulation der Wehrmacht der Zweite Weltkrieg in Europa. Anlässlich des Jahrestages der Befreiung erinnert der Gubener Historiker Gerhard Gunia an die Ereignisse in der Neißestadt im Jahr 1945 und die Gefallenen. ggg1

Als die Stadt Guben am 24. April 1945 durch Truppenteile der 33. Armee der Ersten Belorussischen Front eingenommen wurde, hatte der Führer und Oberbefehlshaber der Wehrmacht Adolf Hitler noch sechs Tage zu leben. Was sich in seinem Bunker unter der Reichskanzlei abgespielt hatte, ist durch zahlreiche Dokumente und Filme bekannt.

Nach fast neunwöchigen Kämpfen zogen nun - erstmalig seit 130 Jahren - russische Truppen durch unsere Stadt. Vorbei waren die Wanderungen in die einsetzende Baumblüte, kein Bismarckturm mehr und keine Berglokale. Stattdessen prägten das Bild Trümmer und Tote im Gebiet der Altstadt und im einst idyllischen Berggelände. Die ersten Bewohner kehrten wieder zurück - Furcht vor der Rache der Sieger war unvermeidbar. Obwohl die Sowjetführung schonende Behandlung von Menschen und Einrichtungen befohlen hatte, gelang es nicht sofort, Terror und Gewalt zu verhindern. Auch das waren Folgen von Hitlers Vernichtungskrieg in der Sowjetunion.

Die sowjetische Kommandantur unter Oberst Subkow (er war ein Lehrer aus Odessa) befand sich anfangs in der Kleinen Teichbornstraße (heute Gubin). Auf der Basis von Befehlen orientierte man sich bei der Neuaufstellung der Verwaltung auf Antifaschisten und bürgerliche Demokraten, wobei einige bereits bis 1933 als Stadtverordnete gewirkt hatten. Zum ersten Bürgermeister wurde der 48-jährige Schmied Georg Schwarz aus der Altgubener Lindenstraße ernannt. Zur Seite standen ihm eine Reihe von Mitgliedern der KPD und der SPD, darunter Paul Billig (Polizei), Karl Hänchen (Feuerwehr), Elisabeth Schulze, Gustav Hamann, Paul Schmidt, Fritz Kracht oder Wilhelm Schimming.

Letzterer erinnert sich: "In der Damaschkestraße in der Sprucke begegneten wir einigen russischen Offizieren. (…) Wir erhielten den Auftrag, am nächsten Morgen mit allen verfügbaren Arbeitskräften an der gesprengten Eisenbahnbrücke bei Grunewald zu erscheinen. Mit sieben Frauen waren wir zur Stelle und halfen eine Behelfsbrücke über die Neiße zu schlagen. (…) Ferner sollten wir im westlichen Teil der Stadt ein geeignetes Gebäude der neu aufzubauenden Stadtverwaltung ausfindig machen." Diese befand sich zuerst in der jetzigen Villa der Volkssolidarität, danach in Wohnhäusern der Kaltenborner Straße 59 a bis 61 b.

Schwerpunkt wurde die Verteilung der Lebensmittelkarten und die Unterbringung der Bevölkerung, besonders nach der Räumung des östlichen Stadtteils am 20. Juni 1945. "Die notwendig gewordene Umsiedlung", so heißt es in Dokumenten, "stellte unser Wohnungsamt vor eine fast unlösbare Aufgabe. Nur durch Doppel- und Dreifachbelegung der größeren Wohnungen war es möglich, allen Umsiedlern ein Dach über dem Kopf zu schaffen".

Es begannen die Demontagen des Rüstungsbetriebes Rheinmetall-Borsig sowie weiterer Betriebe. Zugleich erfolgte im Juni die Produktionsaufnahme der Tuchfabrik Lehmann's Ww. & Sohn (später VEB Gubener Wolle) mit Uniformstoffen für die Rote Armee. Eröffnet wurden die Kammer-Lichtspiele in der Gasstraße und das Stadttheater im Volkshaus. Schließlich konnte im Oktober der Unterricht in der überfüllten Pestalozzischule (vorher ein Hauptverbandsplatz der Wehrmacht) wieder aufgenommen werden.

So begann der schwere Anfang vor 70 Jahren.