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Akteneinsicht offenbart Ausmaß
„Ich habe es nicht bemerkt.“

Auf mehr als 100 Seiten hat die Stasi Details aus dem Leben von Adalbert Gloyna aus Bärenklau festgehalten. Von dem Ausmaß der Überwachung hatte er keine Ahnung. Die Spitzel waren Freunde und Kollegen.
Auf mehr als 100 Seiten hat die Stasi Details aus dem Leben von Adalbert Gloyna aus Bärenklau festgehalten. Von dem Ausmaß der Überwachung hatte er keine Ahnung. Die Spitzel waren Freunde und Kollegen. FOTO: Michèle-Cathrin Zeidler
Bärenklau . Adalbert Gloyna wurde zu DDR-Zeiten von knapp 30 inoffizielle Mitarbeiter der Stasi bespitzelt. Von Michéle-Cathrin Zeidler

In zwei dicken roten Aktenordnern hat die Stasi auf mehr als 100 Seiten detailliert das Leben von Adalbert Gloyna aus Bärenklau protokolliert. „Aus diesen Akten kann ich meinen Lebenslauf besser aufschreiben als aus dem Gedächtnis“, lacht der 83-Jährige. Er hat seine Akteneinsicht bereits im Januar 1993 beantragt, war aber von dem Ausmaß doch überrascht. „Ich wusste, dass die Stasi ein Interesse an mir hatte“, erzählt der Rentner. „Ich hatte aber keine Ahnung, wie weit die Überwachung ging. Die Bespitzelung begann hier im Dorf.“ Bereits zu DDR-Zeiten lebte er mit seiner damaligen Ehefrau und den drei Kindern in Bärenklau.

„Rund 20 inoffizielle Mitarbeiter haben mich bei meiner Arbeit für die Deutsche Reichsbahn im Auge behalten und noch einmal ein halbes Dutzend hier im Dorf“, weiß Adalbert Gloyna. Heute kennt er ihre Klarnamen: „Das waren Kollegen, Freunde und Bekannte die hier ein- und ausgingen. Ich habe es nicht bemerkt.“ Viele der inoffiziellen Mitarbeiter (IM) leben heute nicht mehr. Sieben ehemalige Spitzel hat Adalbert Gloyna mit ihrer Tätigkeit zu DDR-Zeiten konfrontiert. „Fast alle beharrten darauf, dass sie richtig gehandelt hätten“, erzählt er enttäuscht. Lediglich eine Person habe sich bei ihm entschuldigt, sie hätte es damals nicht besser gewusst. „Vor 30 Jahren dachte auch kaum jemand, dass wir heute ein geeintes Deutschland haben. Die IMs fühlten sich sicher“, weiß Adalbert Glyona. „Außerdem wurden sie gut bezahlt und erhielten bessere Stellungen.“

Doch warum hatte die Stasi so ein Interesse an ihn? „Ich stamme aus Rybnik und habe bis 1941 nur polnisch gesprochen“, erzählt Adalbert Glyona. 1945 ist seine Familie zum Großvater nach Guben geflohen. Doch auch hier behielt er den Kontakt nach Polen und pflegte die polnische Sprache. „Bei der Reichsbahn musste ich mich dann immer mit den Kollegen aus Polen verständigen“, so Adalbert Glyona. „Die anderen haben nichts verstanden, und das führte zu Misstrauen, worüber wir uns unterhalten.“ Heute weiß er, dass Kollegen regelmäßig seinen Schrank auf der Arbeit kontrollierten und Meldung machten. Aber es gab noch mehr Umstände, die die Stasi aufhorchen ließen. Der Bruder von Adalbert Glyona lebte in Wiesbaden, Verwandte waren bei der Wehrmacht tätig gewesen. Außerdem war der spätere Bürgermeister von Bärenklau zu DDR-Zeiten Imker und setzte sich für die Landwirtschaft ein. „Ich habe mich in einer Versammlung einmal gegen die LPG ausgesprochen“, erinnert sich Adalbert Glyona. „Aktiv gegen das System wurde ich allerdings nie, und die Stasi fand wohl auch keine Beweise, dass ich politisch für den Klassenfeind tätig war.“

Ein weiterer Dorn im Auge der Stasi war der Glaube von Adalbert Glyona. „Der G. selbst und die ganze Familie soll sehr kirchlich sein“, heißt es in einem Bericht. „Meine Kinder waren getauft und konfirmiert“, bestätigt Adalbert Glyona. Er bekam auch die Macht der DDR zu spüren: „Meine älteste Tochter durfte nicht studieren, weil ich angeblich nicht staatskonform war und sie getauft und konfirmiert.“

Heute hat Adalbert Glyona seinen Frieden mit der Vergangenheit gemacht. „Ich habe damit abgeschlossen und bin auch nicht mehr wütend“, erzählt er. Einem der damaligen IMs läuft er auch heute noch regelmäßig über den Weg, beide grüßen sich: „Ich habe gelernt, damit umzugehen.“

Die Überlieferungslage von der Arbeit der Stasi ist in Guben gering. In der Unterlagenbehörde befinden sich 12,5 laufende Meter Akten und neun Säcke mit zerrissenen Unterlagen. Zum Vergleich: Insgesamt sind rund 111 Regal-Kilometer Schriftgut, 41 Millionen Karteikarten, 1,7 Millionen Fotos, Fotonegative und Dias, 30 100 Film-, Video- und Tondokumente sowie 15 000 Säcke mit zerrissenem Material erhalten geblieben. Anträge auf Akteneinsicht können beim Bundesbeauftragen in Berlin sowie in allen Außenstellen eingereicht werden.