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Gewalt gegen Frauen
Sophies langer Anlauf

Cottbus. Zehn Jahre lang hat Sophie die Misshandlungen ertragen. Dann flüchtete sie mit ihren Töchtern. Im Frauenhaus definiert sie ihre Zukunft jetzt neu. Von Hannelore Grogorick

Die 30-Jährige – nennen wir sie Sophie – sitzt halbwegs entspannt auf einer Couch im Frauenhaus. Seit Ende September ist sie hier. Die Körpersprache der zierlichen Frau signalisiert, dass sie langsam zu ihrer eigenen Kraft zurückfindet. Gleich hat sie einen Termin beim Job-Coaching. Sie will arbeiten, ihre zwei Töchter selber versorgen können. Fünf Sprachen spricht sie, zwei weitere lernt sie gerade autodidaktisch. Mittlerweile ist es mehr als eine Ahnung, dass die Welt für sie mehr bereit hält als Gewalt. Viel zu lange ist sie gedemütigt, beschimpft, eingeschüchtert und geschlagen worden. Zehn Jahre lang.

15 Jahre alt war sie, als sie sich zu Hause in Bayern in einen  22-Jährigen verliebte. Nach dem Abitur wurde sie Fremdsprachenkorrespondentin. Mit 18 Jahren wurde geheiratet. Das Paar zog nach Berlin, übernahm eine Gaststätte, bekam zwei Töchter. Dass sie noch zur Arbeit geht, das wollte er nicht. Doch bald ließ er berufliche Anspannung und Ärger an seiner Frau zu Hause aus. „Ich kann von mir behaupten, dass ich als Hausfrau perfekt bin“, sagt Sophie. Was anderes sei ihr gar nicht übrig geblieben. Die geringste Unordnung wurde mit Beschimpfungen oder einer Ohrfeige quittiert. „Ich habe jeden Gesichtsausdruck von ihm studiert, damit ich mich wappnen konnte.“ Doch egal, was sie tat, er fand immer etwas, um sich an ihr auslassen zu können. Es ging so weit, dass er sie durch die Wohnung prügelte und sie wochenlang einen verrenkten Kiefer hatte.

Zum Arzt ist sie nicht gegangen. Der hätte ja womöglich wegen der blauen Flecke die Polizei informiert. Wie sollte es dann erst zu Hause werden? Sollte ihr Mann denken, sie habe sich über ihn beschwert? Das hätte seinen Zorn doch nur angefeuert. Er hatte oft gesagt, er bringe sie eher um, als dass er sie gehen lasse.

Sie hielt es aus. Sie grübelte sogar darüber nach, ob sie schuld sei, vielleicht doch noch nicht die perfekte Hausfrau. Als er beteuerte, sie wären doch ein gutes Team und könnten alles schaffen, schöpfte sie Hoffnung. Als er nach einer längeren Pause doch wieder zuschlug, war bei ihr endlich der Knoten geplatzt. Sie suchte Hilfe und fand sie über die BIG-Hotline für Opfer von Gewalt.

„Ich war total verblüfft, dass man mich dort ernst genommen hat“, erzählt Sophie. „Ich war ja nie beim Arzt, habe keine Beweise. Ich habe auch erst dort erfahren, dass man als Opfer auch anonym zum Arzt gehen und sogar ein paar Jahre lang Beweise sammeln kann, bis man reif dafür ist, Konsequenzen zu ziehen.“

Sie bereitete vorsichtig die Lehrerin und Kindergärtnerin ihrer Mädchen darauf vor, dass die Kinder urplötzlich mal weg sein könnten. Als dann der Tag gekommen war, erfuhr sie über die BIG, wo Platz für sie und ihre Kinder ist. Sie raffte das Möglichste zu Hause zusammen und ließ sich von einer Bekannten nach Cottbus fahren. Auf der Autobahn riss sie die Sim-Karte aus dem Telefon und schleuderte sie aus dem Fenster. „Das war für mich, als wenn ich wieder richtig gut Luft holen kann.“

Es hat lange gedauert, bis die 30-Jährige ihren Käfig verließ. „Es ist wie es ist. Ich brauchte eben die Zeit“, sagt sie. Dass sie zu sich finden konnte, dafür ist sie dem Frauenhaus dankbar.

Seit 25 Jahren gibt es die Einrichtung in Cottbus. 23 Plätze stehen hier für Frauen in Not und ihre Kinder zur Verfügung. Der Bedarf wächst, nicht mal so sehr wegen Flüchtlingsfrauen. „Hatten wir im Jahr 2016 insgesamt 106 Kinder hier bei uns, so waren es in diesem Jahr bisher schon 115“, sagt die Leiterin des Frauenhauses Heike Richter. 2,7 Arbeitsstellen stehen zur Verfügung, um die wachsenden Aufgaben zu lösen. Das umfasst die Aufnahme neuer Bewohner, das Herrichten, Säubern und auch mal Instandsetzen der Zimmereinrichtungen, die Beratung, Begleitung zu Ämtern und Banken, Organisieren von Hilfe. Und jede Woche gibt es durch die drei Frauen donnerstags von 9 bis 11 Uhr im Haus Jule Beratungen für von Gewalt Betroffene und Angehörige. „Jede dritte Woche läuft jeder von uns in 24-Stunden-Bereitschaft“, sagt Heike Richter.

Und nicht selten fühlen sich die Mitarbeiterinnen hier verlassen. Polizei, Jugendamt, Sozialamt würden schnell mal jemand bringen, der „gar nicht hierher gehört“, sagt Heike Richter und denkt da an aufgefundene Obdachlose. Oder wenn kein Platz in einer Schule für ein Kind gefunden wird. Denn die Bewohnerinnen des Frauenhauses sind auch mal länger hier zu Hause – von zwei Wochen bis auch schon mal drei Jahre, sagt die Leiterin.

Und sie freut sich, dass die Praktikantinnen an ihrer Seite sehr engagiert sind. Linda Hoffmeister ist von der Arbeit sehr angetan. Sie studiert an der BTU Soziale Arbeit. „Am Anfang haben mich meine eigenen Gefühle überfordert“, sagt die 21-Jährige. Sie lernt hier aber auch, die Probleme nicht immer mit nach Hause zu nehmen. Ans Herz gingen ihr vor allem die Kinder. „Die bekommen von den Zuständen zu Hause mehr mit, als die Eltern glauben wollen“, sagt sie. Beim gemeinsamen Spielen müsse sie oft darüber schlucken, was den Kindern an Erlebnissen rausrutscht.