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| 02:41 Uhr

Zu Weihnachten kommt der Abschiebebescheid

Tapfer lächelt Manza Islamkhanova neben ihrem Sohn Radzab und der 14-jährigen Tschetschenin Irissa Ulubaeva. Tapfer will sie vor allem für ihre vier Kinder sein.
Tapfer lächelt Manza Islamkhanova neben ihrem Sohn Radzab und der 14-jährigen Tschetschenin Irissa Ulubaeva. Tapfer will sie vor allem für ihre vier Kinder sein. FOTO: Angela Hanschke/aha1
Forst. Zwischen Besinnlichkeit und vorweihnachtlicher Betriebsamkeit bewegen sich nur wenige Tage vor dem Heiligen Abend die Gefühle der Menschen in Forst. Kleine Tannenbäume mit bunten Lichterketten auf allen Etagen erinnern auch im Übergangsheim für Asylbewerber des Spree-Neiße-Kreises in der Gubener Straße an das Fest der Liebe. Doch die Weihnachtsstimmung ist getrübt. Angela Hanschke / aha1

Manza Islamkhanova und ihr Ehemann Kusain Khantemirov bemühen sich nach allen Kräften, ihren vier Kindern - dem 15-jährigen Muslim, dem zwölfjährigen Radzab, der siebenjährigen Tochter Rayana und dem vierjährigen Alimkhan - auch in Forst ein Gefühl der Geborgenheit und etwas weihnachtliche Stimmung zu vermitteln. Noch am vergangenen Freitag haben die Mitarbeiter des Hauses eine Weihnachtsfeier für die Kinder der Asylbewerber ausgerichtet.

Doch am vergangenen Mittwoch sitzt die Verzweiflung mit am Tisch, als Manza Islamkhanova, um Fassung bemüht, beim Besuch der RUNDSCHAU gastfreundlich schwarzen Tee einschenkt und weihnachtliches Gebäck anbietet. "Heute ist der Ablehnungsbescheid für unseren Asylantrag gekommen", sagt sie bedrückt und weist auf den Packen Papier hin, in dem das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die Abschiebung nach Belgien anordnet. Kusain Khantemirov ringt die Hände: "Acht Monate haben wir in Belgien zugebracht. Ohne Wohnung und ohne Hilfe. Mit vier Kindern!" Angst vor dem Elend auf der Straße, die Sorge um die Kinder steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Nach der Flucht aus Tschetschenien, wo Kusain Khantemirov von Islamisten bedroht wurde, hat die sechsköpfige Familie auf der Suche nach einem sicheren Aufenthaltsort eine Odyssee durch die Niederlande und Belgien durchgestanden. Die Kinder haben gelernt, sich in der niederländischen Sprache und in Belgien auf Französisch zu verständigen. "Nun haben sie schon so gut deutsch gelernt. Alles umsonst!", bricht es aus Kusain Khantemirov heraus. "Auch mein Lehrgang ist dann umsonst gewesen", wirft leise Manza Islamkhanova ein, die zuvor stolz von ihrem zweiten Deutschkurs und der Weihnachtsfeier erzählt hatte.

In ihrer Heimat sei das Jolkafest trotz des muslimischen Glaubens ein Fest für die Kinder, in den Schulen wurde ein Weihnachtsbaum aufgestellt. Am 31. Dezember versammelten sich alle Familienangehörigen und Freunde in der Wohnung um einen kleinen Plastikweihnachtsbaum. Bescheidene Geschenke für die Kinder wurden vorbereitet. Doch in Forst ist der Gedanke an Weihnachten und die Botschaft vom Frieden weit in den Hintergrund gerückt. "Ob wir Weihnachten überhaupt noch hier sind?", grübelt Kusain Khantemirov und weist auf seine Hände. "Ich könnte alles arbeiten", sagt der ehemalige Kraftfahrer und Kranführer beinahe beschwörend und kann doch nicht für seine Familie sorgen. Vier weitere tschetschenische Familien haben am zurückliegenden Mittwoch ebenfalls den Ablehnungsbescheid der Behörde erhalten. Die Ungewissheit über deren Schicksal scheint sich im gesamten Haus zu verbreiten. "Seit sechs Jahren denke ich immer: Morgen wird es besser", bekennt der Familienvater und fragt: "Wo sollen wir nur hin, jetzt im Winter?"

"Die Stimmung ist hier bei allen Betroffenen sehr verzweifelt", sagt Detlef Steg, Leiter des Asylbewerberheimes. "Wenigstens haben wir für die 37 Kinder in der vergangenen Woche noch eine schöne Weihnachtsfeier ausgerichtet - mit einem gemütlichen Beisammensein, bunten Tellern, kleinen Geschenken und Trickfilmen."