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| 11:25 Uhr

Lausitzer Strategien gegen Trockenstress
Die Saat wachsen hören, bevor sie aufgeht

 Vor den Toren des Gutes Neu Sacro trifft  die Agrargenossenschaft Forst Vorbereitungen für eine gute Kartoffelernte.
Vor den Toren des Gutes Neu Sacro trifft die Agrargenossenschaft Forst Vorbereitungen für eine gute Kartoffelernte. FOTO: LR / LR Beate Möschl
Forst/Guben. Wetterextreme stellen Landwirte vor neue Herausforderungen. Auf den Feldern in der Neißeaue zwischen Guben und Forst schärft sich ihr Blick. Von Beate Möschl

Vom Warten auf Regen werden weder Bauern noch Verbraucher satt. Doch was tun in Trockenperioden wie diesen? Bernd Starick, Vorstand der Bauern AG Neißetal, hat der RUNDSCHAU auf dem Gut Neu Sacro bei Forst (Spree-Neiße) Einblick gewährt. Die Wintergerste steht hier über einen halben Meter hoch. Der Futterroggen ist bereits abgeerntet. Auf den Äckern dazwischen keimt frisches Grün. Die Gräben halten bis auf Ausnahmen noch Wasser. Hat die Trockenheit etwa einen Bogen um das Gut gemacht? „Nein“, sagt Bernd Starick, „auch wir haben eine schlechte Situation und leiden unter der Trockenheit. Der April war absolut zu trocken. Aber jammern hilft nicht. Wir müssen schauen, wo die Lösungen sind und uns strategisch anders aufstellen, das heißt auf viele kleine Baustellen setzen“.

Mehr Futterroggen auf Vorrat

 Gesunder Boden, gesunde Pflanzen. Bernd Starick, Vorstand der Bauern AG Neißetal, zeigt, was dem Landwirt Freude macht: Regenwurmlosung. Wo viel Regenwürmer sind, wird der Boden gut durchlüftet und aufnahmefähig für Niederschlagswasser, auch bei heftigen Gewitterregen.
Gesunder Boden, gesunde Pflanzen. Bernd Starick, Vorstand der Bauern AG Neißetal, zeigt, was dem Landwirt Freude macht: Regenwurmlosung. Wo viel Regenwürmer sind, wird der Boden gut durchlüftet und aufnahmefähig für Niederschlagswasser, auch bei heftigen Gewitterregen. FOTO: LR / LR Beate Möschl

„Wir haben uns wegen der Ernteausfälle im vergangenen Jahr noch im Herbst entschieden, mehr Futterroggen anzusäen, um wieder Vorräte anlegen zu können“, schildert er und sagt: „Dafür brauchen wir mindestens zwei Jahre, gute Ernten vorausgesetzt.“ Ob es die geben wird, ist ungewiss, „aber so gut und gesund wie der Futterroggen steht, können wir sagen, die Entscheidung war richtig. Der Roggen hilft den Ausfall beim Grasschnitt wettzumachen.“

Sortenwahl und Wurzeltiefe

Das Mehr an Futterroggen hat nicht nur Vorteile. „Der Roggen verbraucht auch Wasser. Das nimmt er dem Mais weg, den wir im Anschluss aussäen“, schildert Starick und sagt: „Unsere Reaktion darauf ist, von vornherein eine Maissorte für den Anbau auszuwählen, die nicht so viel Wasser benötigt.“ Auch die Wurzeltiefe spielt eine Rolle. Dafür hat eine international anerkannte Wurzelforscherin das Feld bestellt, die österreichische Botanikerin Lore Kutschera. Die von ihr herausgegebenen Altanten über die Morphologie, Anatomie, Ökologie und räumliche Verteilung der Wurzeln im Boden gelten als Standardwerke.

 Dort, wo Bernd Starick, Vorstand der Bauern AG Neißetal, und der Naundorfer Egon Ratthei stehen, wurden insektenfreundliche Gehölze gepflanzt. Die Bauern AG Neißetal stellt dem Betreiber des Windparks Briesnig Flächen für gesetzlich vorgeschriebene Ausgleichspflanzungen zur Verfügung. Diese Flächen fallen damit zwar auf Dauer aus der landwirtschaftlichen Nutzung, tragen aber zum Schutz der Artenvielfalt in der Natur bei und zum Schutz vor Bodenerosionen im Windeignungsgebiet Briesnig.
Dort, wo Bernd Starick, Vorstand der Bauern AG Neißetal, und der Naundorfer Egon Ratthei stehen, wurden insektenfreundliche Gehölze gepflanzt. Die Bauern AG Neißetal stellt dem Betreiber des Windparks Briesnig Flächen für gesetzlich vorgeschriebene Ausgleichspflanzungen zur Verfügung. Diese Flächen fallen damit zwar auf Dauer aus der landwirtschaftlichen Nutzung, tragen aber zum Schutz der Artenvielfalt in der Natur bei und zum Schutz vor Bodenerosionen im Windeignungsgebiet Briesnig. FOTO: LR / LR Beate Möschl

Auch Starick hat einen Wurzel-Atlas dabei. Demnach ist zum Beispiel die Zuckerrübe eine bestens geeignete Feldfrucht, denn sie bildet Wurzeln bis in 2,5 Meter Tiefe. Nicht zuletzt deshalb wird sie auch bereits seit über 50 Jahren in der Neißeaue angebaut. Doch inzwischen hat die Südzucker AG die Schließung der Zuckerfabrik Brottewitz beschlossen. Damit fallen nach der Zuckerrüben-Kampagne 2019/20 Abnehmer und Anbau weg. Getreide bleibt Hauptfrucht auf den Feldern der Neißetal-Bauern.

Bodenfeuchte und Körnerzahl

Ist die für Niederlausitzer Boden- und Witterungsverhältnisse geeignete Sorte ausgewählt, kommt ein weiterer wichtiger Schritt hinzu: Die Bestimmung der Saatkörner-Menge pro Quadratmeter. „Wegen der anhaltenden Trockenheit und der geringen Bodenfeuchte säen wir den Mais weniger dicht“, schildert Starick. „Wenn wir Wassermangel haben, können wir den Boden nicht voll belasten, sonst wird keine Pflanze richtig groß und Verluste sind vorprogrammiert.“

Humus und Regenwürmer

Wie gut es um den Boden bestellt ist, das kann Bernd Starick schon an der Regenwurmlosung an der Oberfläche erkennen. Die Regenwurmlosung ist ein Indiz. Trotzdem setzt er auch gern mal den Spaten an, um nach den Regenwürmern zu sehen. „Das sind unsere besten Mitarbeiter. Sie graben jede Menge Gänge, bis zu zwei Meter tief. Die Hohlräume machen den Boden aufnahmefähig, sodass Regenwasser schnell und tief eindringen kann. Das ist vor allem bei Gewitter wichtig, wenn innerhalb weniger Minuten sturzbachartig viel Regen fällt.“

Weniger ist mehr

Im Feld mit der Wintergerste fühlen sich die Regenwürmer sichtlich wohl. „Ein Zeichen, dass der Boden biologisch gesund ist“, sagt Starick zufrieden. Doch ist es zu trocken, werden auch Regenwürmer müde. „Bei den noch zu bestellenden Kulturen achten wir angesichts der Trockenheit auf möglichst wasserschonende Bodenbearbeitung, das heißt so flach wie möglich und nur so oft wie nötig. Düngung und Pflanzenschutz erfolgen mit Augenmaß.“

Landwirt braucht Forschung

Diese Art von Verzicht auf Erträge ist eine bewusste Entscheidung, resultierend aus langjähriger Erfahrung und aus Klimaforschungsprojekten, an denen sich die Bauern AG Neißetal bereits beteiligt hat.

Unterstützung durch Wissenschaft und Forschung wünscht sich Starick auch bei neu zu treffenden strategischen Entscheidungen angesichts der Wetterextreme. „Wenn das dauerhaft so anhält, müssen wir uns ganz besonders um unser Grünland kümmern“, sagt er und schildert: „Es verändert sich unter den extremen Bedingungen in seiner Zusammensetzung. Gräser, die es gewohnt waren, viel Wasser zu finden, kommen nur schwer zurecht, und andere, typische Trockengräser, setzen sich durch.“ Die Neißetal-Bauern beobachten das mit Sorge. Wissenschaftliche Begleitung könnte helfen, „uns dabei zu unterstützen, das Grünland in seiner Wertigkeit zu erhalten als Futter, aber auch aus ökologischer Sicht,“ sagt Starick. „Gras ist nicht gleich Gras. Es muss dem Standort entsprechen und mit unseren Bedingungen klar kommen. Das heißt, am besten wäre Forschung vor Ort.“

Erfolg muss beobachtet werden

In der Praxis erproben die Neißetal-Bauern auf kleinen Versuchsfeldern selbst, was machbar ist - auch durch Verzicht auf Aufwand, der nicht refinanziert werden kann, wenn die Ernte nicht stimmt. Das ist langwierig, oder wie Starick sagt: „Erfolg muss man beobachten. Da braucht man Geduld, sonst kann man sich ganz schnell ein Bein stellen.“ Zwei bis drei Jahre schauen sich die Neißetal-Bauern auf Mini-Schlägen an, wie welche Sorten gedeihen und mit welchem Aufwand. „Wenn es etwas bringt, trauen wir uns schon mal an 20 bis 30 Hektar heran.“

Eines bleibt dabei täglich unberechenbar: Das Wetter. Es fordert Höchstleistung vom Landwirt. „Dafür sind wir da. Dafür nutzen und brauchen wir auch wissenschaftliche Hilfe“, sagt Starick. „Wir müssen heutzutage die Saat beinahe schon wachsen hören, bevor wir sie in den Boden bringen. Das ist wie eine Wette abschließen aufs Wetter und die Ernte. Das ist immer mit Risiken verbunden. Das wissen wir. Doch ohne Risiko ist nichts.“