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| 02:40 Uhr

"Wir sehen uns, auch ohne Brauhaus!"

Franz Worrich mit Fußball-Plakaten aus dem Jahr 1952. Er hat selbst Fußball gespielt, war zehn Jahre lang Präsident des TV 1861 Forst, "da lernt man viele Leute kennen", erzählt er und verspricht: "Wir bleiben im Kontakt."
Franz Worrich mit Fußball-Plakaten aus dem Jahr 1952. Er hat selbst Fußball gespielt, war zehn Jahre lang Präsident des TV 1861 Forst, "da lernt man viele Leute kennen", erzählt er und verspricht: "Wir bleiben im Kontakt." FOTO: Beate Möschl
Forst. Am 3. Oktober wird endgültig zum letzten Mal ausgeschenkt in Worrich's Brauhaus in der Albertstraße in Forst, ab 16 Uhr. Seit Wochen schon ist es abends rappelvoll. Stammtische und Vereine nehmen Abschied von Franz Worrich und ihrem liebgewordenen Treff. Beate Möschl

"Na Du?", fragt ein Stimme im nur vormittags leeren Gastraum. Sie gehört Jacko, dem Graupapagei der Worrichs. Seit 26 Jahren gehört er zur Familie und hätte wohl viel zu erzählen aus Worrich's Pub und Worrich's Brauhaus, aber er hält es wie der Hausherr mit Diskretion.

103 Jahre, nachdem Großvater Franz Worrich mit der Gaststätte "Zur Eisenbahn" die Worrichsche Kneipentradition begründet hat, schließt sich das Kapitel des Familienstammbuchs. Franz Worrich nimmt Abschied vom Zapfhahn. Nicht aber von Forst und seinen Stammgästen. "Wir sehen uns, auch ohne Brauhaus", verspricht er. Soll heißen: Er bleibt mit ehemaligen Stammgästen in Kontakt und auch dem "Wirte-Adel" treu, so wie er es über all die Jahre gehalten hat mit guten Freundschaften. "Die wollen gepflegt sein", sagt der Forster, der seinem Wechsel vom Getränkehandel ins Kneipenmilieu seine schönste Zeit nennt, und sie so respektvoll angegangen ist, wie seinerzeit einen Boxkampf. Damals, als er ein aktiver junger Sportler war, habe er viel fürs Leben gelernt und sich auch später immer durchgeboxt, sagt der 74-Jährige.

"Wenn wir geboxt haben, war das Schützenhaus ausverkauft", erinnert er. Am Samstag wird es ähnlich sein, wenn sich Worrich's Brauhaus ein letztes Mal füllt. Es war sein zweites Zuhause nach dem Pub, den er nach der Wende in den Räumen der ehemaligen "Eisenbahn" betrieben hat, als seine Tochter nach der Wende notgedrungen unter so nicht vorhersehbaren Umständen das Handtuch werfen musste. Die Wende, sie hat viel Freiheit gebracht, und wie für viele andere Selbstständige auch harte Zeiten. "Gut, dass meine Frau dabei an meiner Seite war. Jede hätte das nicht mitgemacht mit so einem Verrückten, wie ich es bin", sagt Franz Worrich.

Seit 51 Jahren steht ihm seine Annemarie zur Seite. "Kennengelernt haben wir uns in der Schule, so lange hält das." Geheiratet haben sie Pfingsten 1964. Im gleichen Jahr wurde Tochter Kathrin geboren, und Franz Worrich, der auf Anraten seines Vaters einen anständigen Beruf gelernt hatte und Tischler war, stieg beim Vater mit ein.

"Franz Worrich Alkoholfreie Getränke" hieß damals der Familienbetrieb, der mit weniger als zehn Beschäftigten im sozialistischen Wirtschaftssystem geduldet wurde und für die örtliche Versorgungswirtschaft unverzichtbar war; besonders in heißen Sommern, wenn die Forster Stadtbrauerei nicht mehr nachkam. 1984 kam die Mosterei dazu, "auf Anraten der Partei".

Den Forstern war das mehr als Recht. "1989 haben die Leute von hier im Hof, wo wir die Äppel angenommen haben, über die Bebel-Straße bis zur Bahnbrücke Euloer Straße Schlange gestanden. 300 Tonnen Äpfel haben wir damals angenommen", erzählt Franz Worrich von einem der letzten Rekorde der Mosterei. Rekorde gebrochen hat das Forster Urgestein später auch als Kneiper: Mit Kneipennächten, in denen der Platz bei den teilnehmenden Wirten nicht ausreichte, und einem Elan, dem ihn kein anderer streitig machte. "Die Kneipennacht ist nach wie vor ein Renner, aber die Kneiper sind das Problem", sagt Worrich, der von Kindesbeinen an "Franzl" gerufen wird, und Forst und die Forster kennt wie seine Westentasche.

Gern hätte er ihnen im 750. Jubiläumsjahr auf der Festmeile mit Worrich's Schmankerln eine Freude gemacht. "Aber das war nicht drin, aus welchen Gründen auch immer. Das hat mich sehr betroffen gemacht." Es wäre ein schönes Abschiedsgeschenk an den Forster gewesen, der 1965 als 24-Jähriger den Festumzug zur 700-Jahr-Feier von Forst als Eröffnungsreiter mit angeführt hat.

Franz Worrich nimmt's, wie es kommt. So hält er es auch mit seinem selbst gewählten Ruhestand. Was er tun wird ohne seine Kneipe? "Das werde er jetzt jeden Abend gefragt", erzählt er und sagt: "Darüber denke ich nicht nach. Meine Frau sagt, wir kriegen das hin."