| 02:35 Uhr

Wie ein Krimi selbst zum einem spannenden Fall wurde

Spannung pur bei der Lesung zwischen alten Webstühlen.
Spannung pur bei der Lesung zwischen alten Webstühlen. FOTO: Angela Hanschke/aha1
Forst. Eigentlich sollte nur der Roman zum sagenhaften Schwanenservice vorgestellt werden - dann gab ein Forster die Geschichte auf eigene Kosten heraus. Angela Hanschke / aha1

Wer träumt nicht davon, einmal im Leben einen Schatz zu heben? Die 80 Besucher beim Geschichtsstammtisch im Brandenburgischen Textilmuseum waren zumindest als Zaungäste daran beteiligt. Im Focus stand eine Nereide, in der griechischen Mythologie auch als Meeresnymphe bezeichnet. Anmutig schmückte das Prunkstück des legendären Schwanenservices als Trägerin einer Konfektschale bei ganz besonderen Anlässen im Schloss des sächsischen Premierministers Heinrich Graf von Brühl und seiner Nachkommen. Zuletzt war dies im Jahre 1940 bei einer Hochzeit der Fall. 50 Nereiden sollen Meeresgott Nerus und seine Gemahlin Doris der Sage nach in die Welt gesetzt haben. "Beim Schwanenservice gab es allerdings nur zwei Geschwister", berichtete Stammtisch-Mitorganisator Frank Henschel, der sich seit Jahren intensiv mit der Geschichte des Schwanenservice beschäftigt.

Etwa 2200 Teile wurden zwischen 1737 und 1742 hergestellt. Um 1900 beherbergte das Pförtener Schloss noch 1400 Stücke. Vandalismus, Unkenntnis und Raub vernichteten es bis auf die Leihgaben in namhaften Museen beinahe komplett.

Bei der Recherche stieß Henschel auf einen literarischen Fund, den Roman "Grenzwertig". Der ehemalige Sportjournalist Wolfgang Richter lebte als Kind bis zum Kriegsende in Pförten. Legendenumwoben war das Service mit den blauen Schwertern aus der Porzellanmanufaktur Meißen bereits damals. Viele autobiografische und heimatgeschichtliche Details hat der Autor zu einer ausgesprochen köstlichen und spannenden "kriminellen Geschichte" mit Aha-Effekt verwoben. Und hier beginnt der zweite Teil des Krimis um das Schwanenservice.

Geplant hatten die Organisatoren des Stammtisches, den inzwischen 82-jährigen Buchautor und sein Werk vorzustellen. "Die Vorbereitungen gerieten zum Fiasko", erklärte Frank Henschel. Wolfgang Richter konnte wegen der erkrankten Ehefrau nicht teilnehmen und dem Hamburger Windsor Verlag, wo das Buch im Jahre 2014 erschien, hatte augenscheinlich jemand statt der graziösen Nereiden die göttlichen Furien der griechischen Sagenwelt auf den Hals gehetzt. Eine Mail, die auf preisgünstigen Selbsterwerb der Restexemplare hinwies, kam nicht an. In einer zweiten wurde mitgeteilt, der unverkaufte Bestand sei nun makuliert worden. Nach lediglich drei Jahren und ohne, dass das Buch in der Region überhaupt Fuß fassen konnte. Auch via Internet ließen sich keine Exemplare auftreiben.

Innerhalb von drei Wochen nahm der Forster Buchautor Bernd Beyer Kontakt mit dem Romanautor Wolfgang Richter auf, sicherte sich das Originalmanuskript, schloss einen Autorenvertrag ab und erlangte von der Meißnischen Manufaktur die Bildrechte für die Umschlaggestaltung. 100 Exemplare gab Bernd Beyer nun selbst in seinem "Haileiht-Verlag" heraus.

Am Donnerstagabend las Beyer im Rahmen des Forster Geschichtsstammtisches aus der druckfrischen Zweitauflage vor. Vom Besuch des alten Grafen, der gekommen war, sich vor der großen Flucht von seinem Kutscher zu verabschieden, diesem als Dank für seine jahrzehntelange Treue ein Päckchen mit der Nereide in die Hand drückte. Totenstill war es im Maschinensaal des Textilmuseums. Ebenso während des von Sylvia Beyer vorgetragenen Zeitsprungs in die Gegenwart. Die Buchhelden quälte vor allem eines: Wie nun den Schatz fünf Jahrzehnte nach Kriegsende aus dem polnischen Versteck holen? Während eines Parkseminars, an denen auch etliche der Forster Zuhörer anwesend waren. "Bei der LAUSITZER RUNDSCHAU erfuhr Sascha den nächsten Termin. Die Expedition konnte starten." Heißt es im Roman.

Die mitgebrachten Verkaufsexemplare wurden Bernd Beyer von Besuchern am Donnerstagabend nahezu aus den Händen gerissen. Mit zehn Euro ist das Buch (132 Seiten) ohnehin noch etwas günstiger als die verschollene Erstauflage.

Erhältlich sind Restexemplare noch im Gutenberghaus Forst oder über Internet bei dem Forster Verlag ( www.haileiht.de ).