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Wenn Weltgeschichte in Klinge abstürzt

Mit ihrer Wright Bellanca W.B.2 bohrten sich Chamberlin und Levine am 6. Juni 1927 in den Sumpf von Klinge.
Mit ihrer Wright Bellanca W.B.2 bohrten sich Chamberlin und Levine am 6. Juni 1927 in den Sumpf von Klinge. FOTO: Archiv Henschel
Gosda/Klinge. Vor 90 Jahren stand Klinge kurz im Fokus der Weltöffentlichkeit. Der Geschichtsstammtisch aus Forst hat daran am Donnerstag erinnert. Bodo Baumert

1927, was war das für ein Jahr. Der Amerikaner Bill Bryson weiß in seinem Roman "1927" anschaulich davon zu berichten, als in New York Luftfahrtpioniere wie Charles Lindbergh oder Clarence Chamberlin wetteiferten, wer es als Erster mit einem Flugzeug nonstop über den Atlantik schaffen würde. Lindbergh war schneller, erreichte als Erster Paris. Chamberlin kam dafür weiter - bis Berlin, auch wenn er vorher einen unfreiwilligen Stopp auf einem sumpfigen Feld bei Klinge einlegte.

Es war jener 6. Juni 1927, an dem über 100 000 Menschen in Berlin auf den Luftfahrthelden aus Amerika warteten, der dann aber zusammen mit seinem Boss Charles Levine in Klinge aufschlug. Die beiden tolldreisten Piloten hatten weder einen funktionierenden Kompass noch Karten mit auf ihren Abenteuerflug nach Europa genommen. Nach einem ersten Absturz bei Eisleben in Thüringen waren sie dann offenbar der falschen Bahnlinie gefolgt und so in Klinge statt in Berlin gelandet. Dort war der Auflauf groß, als die Maschine mit der Schnauze im Sumpf zum Stehen kam.

Für kurze Zeit war das Lausitzer Örtchen damit weltweit in aller Munde, auch wenn die benachbarten Cottbuser alles taten, um es von dort gleich wieder zu verdrängen.

Mit einem launigen Abend hat der Forster Geschichtsstammtisch nun an diese Episode der Geschichte erinnert. Quasi vor Ort, im Gosdaer Schafstall, trafen sich die Historienfreunde und Ortsansässige, um in die Geschehnisse vor 90 Jahren einzutauchen. Frank Henschel hatte sich dazu etwas Besonderes einfallen lassen.

Schon der Auftakt wurde zum Ereignis, als Henschel als Zeitungsjunge verkleidet eine Sonderausgabe mit historischen Zeitungsausschnitten verteilte. Die ging weg wie warme Semmeln - und die rund 100 Zuhörer waren gleich gefesselt. Mit dem "Blick von jenseits des Atlantiks" wollte Henschel an die Ereignisse von Klinge herangehen. Brysons Buch lieferte dafür die Steilvorlage. Wolfgang Dannat - Lehrer, Sänger, Künstler - übernahm den Part des Vorlesers, der Brysons launige Erzählungen über Chamberlin, Levine, Lindbergh und Co. perfekt rüberbrachte. Zwischen den einzelnen Textpassagen übernahm dann Henschel die Rolle des Dozenten, der anhand von Bildern, Fakten und Erinnerungsstücken das gerade Gehörte einzuordnen verstand.

Dass einzelne Zuhörer den Vortrag dann noch mit Erinnerungen aus der eigenen Familie bereichern konnten, rundete den Abend ab - zumal Henschel noch zwei besondere Präsente vorbereitet hatte. Zum einen hatte er im Internet eine Gedenkmünze erstanden, die Chamberlin und Levine zeigt, sowie eben jenen Rotorflügel, der in Klinge nach dem Absturz ausgewechselt wurde. Die Münze ging als Geschenk an die Gosdaer Heimatfreunde, die sich nun auch über einen neuen Steinhaufen als Gedenken an der Absturzstelle freuen können. Henschel hat ihn mit Freunden in den vergangenen Tagen aufgerichtet. Das Original war dem Tagebau zum Opfer gefallen.