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Weltmeisterliche Qualen in Forst

Olympiasieger Jens Fiedler, dahinter René Wolff.Die Bahnrad-Nationalmannschaft in Forst: Bundestrainer Detlef Uibel und Sprinterin Katrin Meinke.
Olympiasieger Jens Fiedler, dahinter René Wolff.Die Bahnrad-Nationalmannschaft in Forst: Bundestrainer Detlef Uibel und Sprinterin Katrin Meinke. FOTO: Foto: Jan Lehmann
Forst.. Die Radsport-Elite war da, und keiner hat’s gemerkt. Vor wenigen Tagen trainierte die deutsche Nationalmannschaft der Bahnradsprinter völlig unbeachtet auf der Forster Radrennbahn. Mit dabei: Olympiasieger Jens Fiedler und die Cottbuser WM-Medaillenhoffnung Katrin Meinke. Von jan lehmann

Schwarz-Rot-Gold rauscht es vorbei. Nanu„ Schwarz-Rot-Gold, und das auf der Forster Radrennbahn“ Tatsächlich, das sind die blau-weißen Trikots mit deutschen Farben von den Schultern bis zur Hüfte - die Nationalmannschaft. „Wir sind seit Sonntag in Cottbus im Trainingslager, bereiten uns auf die Weltmeisterschaft vor“ , erklärt Bundestrainer Detlef Uibel. „Heute haben wir das schöne Wetter genutzt und unser Training auf die Zementbahn nach Forst verlegt.“
Zement, das heißt für die Sprinter erheblich mehr Widerstand als auf Kunststoff oder Holz. Das geht an die Kraft, genau richtig in diesen Tagen. „Die Kraftfähigkeiten der Sportler sollen jetzt auch ordentlich aufs Rad umgesetzt werden“ , schildert Trainer Uibel den Trainingsplan. Die Bahn sei ganz bewusst gewählt. Die langen Forster Geraden und der Gegenwind nach der Südkurve tun ihr übriges - heute wird Kondition gebolzt, einmal quälen inklusive.
Die Bahnrad-WM beginnt in zweieinhalb Wochen. Die Veranstaltung wurde wegen der Lungenkrankheit SARS aus dem chinesischen Shenzhen ins baden-württembergische Stuttgart verlegt. „Das ist ein emotionaler Vorteil“ sagt Detlef Uibel, gibt aber zu: „Der Druck ist dadurch für die Sportler aber besonders hoch.“ Der Heimvorteil soll Siege bringen. Seine Mannschaft müsse in jeder Disziplin um die Medaillen mitfahren, beschreibt der Bundestrainer die Erwartungshaltung.

Kopf unten!
Auch von der Cottbuserin Katrin Meinke wird großes erhofft. Sie sagt selbst, dass sie die Goldmedaille im Sprint gewinnen möchte. In Forst wirkt sie jedoch unzufrieden: „Ich habe Muskelkater“ , schnauft sie, während der Trainer ihre Zeiten notiert. „Du musst den Kopf länger unten lassen“ , ist sein Tipp, „sonst stehst du zu sehr im Wind.“ Meinke rollt von der Bahn, ihr Trainer schaut ihr hinterher: „Katrin ist national die Stärkste, eine echte Medaillenkandidatin.“
Die Forster Bahn ist für Katrin Meinke kein Neuland. Sie trainiert oft hier, genau wie ihre Cottbuser Nationalmannschaftskolleginnen Christin Muche und Susan Panzer. Die drehen ebenfalls ihre Runden. Immer wieder 500 Meter auf Zeit, dann den Laktatwert messen, kurz regenerieren und erneut auf die Bahn. „Ich kann nicht mehr“ , stöhnt Christin Muche und schleift ihr Rad unter einen der Sonnenschirme. Auch Susan Panzer schaut nicht besonders glücklich - das Training schlaucht richtig. „Ihr müsst das vom Kopf her schaffen“ , fordert Detlef Uibel trotzdem.

Flotte Sprüche
Gegen einen müden Kopf hilft meist ein flotter Spruch. Dafür zeichnen die männlichen Sprinter verantwortlich. Die frotzeln über die Frisur des Trainers, schäkern mit den Mädels und stacheln sich gegenseitig auf. „Du Fiedel, schau dir mal meine ersten beiden Zeiten an“ , ruft René Wolff. Gemeint ist Jens Fiedler, immerhin zweifacher Olympia-Sieger. Fiedler liest und grinst, von Konkurrenzkampf keine Spur. Dabei hat ihm eben dieser Wolff bei den Deutschen Meisterschaften Ende Mai alle drei Titel abgenommen.
„Das ist für mich ein Vorteil“ , sagt der 33-jährige Fiedler, „da konzentriert sich bei der WM nicht alles auf mich.“ Doch kampflos will sich der Routinier nicht geschlagen geben. Das merkt man auch in Forst: Wenn das Kraftpaket auf seinem Carbonrad über die Bahn wütet, dann fühlt man sich an eine beschleunigende Dampflok erinnert. Volle Kraft voraus.
Konkurrent Wolff hingegen schleicht über den Beton. Sein Fahrstil ist ruhiger, schnell ist er ebenfalls. Das wird ein heißes Rennen, möglicherweise erst im Sprintfinale in der Stuttgarter Schleyerhalle. „Fiedel ist jetzt international nicht mehr unumstritten“ , schätzt sein Trainer ein, „da muss er sich jetzt beweisen.“ Nicht zu vergessen ist Jan van Eijden. Der war 2000 Sprint-Weltmeister und kämpft in Forst ebenfalls um die Bestform.

Ideale Bedingungen
Den sonnigen Tag genießen die Radsportler trotz der harten Trainingskilometer. Die Bahn sei in einem guten Zustand, so der einhellige Tenor. Die Trainigsbedingungen in Cottbus und Forst seien ideal. Die Lausitz ist als gutes Radfahrpflaster längst international bekannt. „Deswegen trainiert auch die englische Mannschaft, einer unserer härtesten Konkurrenten zur Zeit in Cottbus“ , meint Detlef Uibel.
Insgesamt 19 Tage sind die Radsportler in Cottbus, danach noch zwei Tage Frankfurt/Oder und dann geht es nach Stuttgart. Noch flachsen René Wolff und Jens Fiedler miteinander, das weltmeisterliche Kribbeln ist noch nicht zu spüren. „Aber es kann schon sein, dass wir uns in den Tagen vor dem Rennen ein bisschen aus dem Weg gehen“ , nickt der Olympiasieger. Die WM steht unmittelbar vor der Tür, die Athleten holen sich die Kraft für die entscheidenden Meter. Gut möglich, dass Forst am Donnerstag einige Weltmeister 2003 gesehen hat.