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Viel Geduld und ein offenes Ohr

Zweitklässler Jakob Engwicht liest Leseoma Sibylle Seidel an der Grundschule Eulo etwas aus dem Wikingerbuch vor.
Zweitklässler Jakob Engwicht liest Leseoma Sibylle Seidel an der Grundschule Eulo etwas aus dem Wikingerbuch vor. FOTO: Steffi Ludwig
Forst. Jakob mag am liebsten das Wikingerbuch. Der Siebenjährige setzt sich an das Tischchen gegenüber von Leseoma Sibylle Seidel (68), blättert das Buch auf und beginnt zu lesen. Steffi Ludwig

Sibylle Seidel lauscht aufmerksam und ermuntert ihn zum Weiterlesen, wenn er mal stockt. Nach einer Viertelstunde ist das nächste Kind an der Reihe. "Es macht Spaß mit der Lese oma", sagt der Zweitklässler. Er hat bereits Fortschritte gemacht in dem Vierteljahr, seit Sibylle Seidel an der Schule ist. Auch Klassenkameradin Laura sei inzwischen mutiger, wie Lehrerin Evelyn Mattner berichtet. Während sich das achtjährige Mädchen früher nicht viel getraut habe, wenn es um das Vorlesen vor der ganzen Klasse gehe, schnelle ihr Arm jetzt mit als Erste nach oben. Sie sei viel sicherer geworden.

Evelyn Mattner freuen solche Entwicklungen besonders - denn sie war es gemeinsam mit einer Kollegin, die das Projekt Leseoma an der Evangelischen Grundschule Eulo ins Rollen gebracht hatte. Bei einer Weiterbildung zum Thema "Montessori" habe sie an einer Berliner Schule eine Leseoma kennengelernt - die nicht wie sonst landläufig bekannt den Kindern vorliest, sondern die sich vorlesen lässt. "Das hat uns so gut gefallen, das wollten wir auch einrichten", berichtet Evelyn Mattner. "Die Kinder sollen bei der Leseoma eine motivierende Umgebung finden, damit sie am Lesen wieder Spaß bekommen", so das Anliegen. "Sie sollen ohne Fingerzeig in einem geschützten Raum lesen können. Und sie können der Leseoma auch ihre Probleme anvertrauen."

In Sibylle Seidel, der Großmutter der Zwillinge Simon und Jonatan, die mit Jakob in eine Klasse gehen, fand die Lehrerin eine geeignete Leseoma. "Ich habe mit meinen Enkeln viel gelesen und viel Geduld gehabt", erzählt diese. Obwohl sie beruflich früher eher mit Zahlen als mit Buchstaben zu tun hatte - Sibylle Seidel arbeitete 20 Jahre in der Stadtkasse und vorher in der Abrechnungsabteilung der Tuchfabrik - gefällt ihr ihre neue Aufgabe sehr. Einmal aller 14 Tage ist sie derzeit für zwei Stunden an der Schule. Die Kinder bringen entweder eigene Bücher mit oder bedienen sich aus dem Schulvorrat. "Mir wurde schon aus einem Münzlexikon vorgelesen, ganz vorn rangieren auch die Dinosaurier", schmunzelt die Leseoma.

"Bis vor Kurzem hatten wir auch einen Leseopa, der Leseonkel genannt werden wollte, der jedoch aus beruflichen Gründen aufhören musste", sagt Schulleiterin Kerstin Jannack. Deshalb sei die Schule nun auf der Suche nach Verstärkung für die Leseoma. "Man sollte vor allem Geduld haben und zuhören können und die Kinder nicht unbedingt verbessern", nennt die Schulleiterin einige Kriterien. "Es soll auch kein Ersatz für das häusliche Lesen sein, nur eine Unterstützung." Über die sich besonders die Lehrer freuen - durch die Freude am Lesen und Lernen, die den Kindern so auf eine andere Art vermittelt werde, beschreibt es Evelyn Mattner.

Während erst eher die lese schwächeren Schüler für die Leseoma ausgesucht wurden, wollen inzwischen auch alle anderen, freut sich Sibylle Seidel. Deshalb wird sie künftig jede Woche für zwei Stunden an die Schule kommen. Mit einer weiteren ehrenamtlichen Lesekraft könnten auch die Klassen 3 und 4 eingebunden werden.

Zum Thema:
Wer sich vorstellen könnte, an der Evangelischen Grundschule Eulo auch als Leseoma, Leseopa, Lesetante oder Leseonkel zu arbeiten, kann sich in der Schule in der Cottbuser Straße 151 in Forst oder unter der Telefonnummer 03562 697841 melden.Hinsichtlich der Einsatzzeit richtet sich die Schule nach den Möglichkeiten der Interessenten.