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Verwobene Forster Erinnerungen

"Da war ich dabei", sagt Angelika Helbeck und zeigt auf den alten Zeitungsauschnitt von 1978, den sie mitgebracht hat. Die ehemalige Lehrerin für Faserchemie und textile Herstellungsverfahren in der Forster Tuchmacher-Werkstatt erinnert sich noch gut an den Lehrlingsaustausch mit einer Schule für Textilberufe im lettischen Ogre.
"Da war ich dabei", sagt Angelika Helbeck und zeigt auf den alten Zeitungsauschnitt von 1978, den sie mitgebracht hat. Die ehemalige Lehrerin für Faserchemie und textile Herstellungsverfahren in der Forster Tuchmacher-Werkstatt erinnert sich noch gut an den Lehrlingsaustausch mit einer Schule für Textilberufe im lettischen Ogre. FOTO: Lydia Schauff/lsc1
Forst. Scheren, zwirnen, weben, färben: Über ihre Erinnerungen haben am Donnerstag ehemalige Lehrerinnen und Lehrlinge der Forster Tuchfabriken beim Fundusabend des Forster Textilmuseums geplaudert. Von 1949 bis zur Wende wurden Frauen und Männer dort in verschiedenen Textilberufen ausgebildet. Lydia Schauff / lsc1 lsc1

"Guck mal, das kenn ich auch noch", "Mensch, hallo, wie geht es dir, was machst du heute" waren Sätze, die am Donnerstagabend mehrfach im Forster Textilmuseum zu hören waren. Anlässlich des Fundusabends im Forster Textilmuseum, der die Tuchmacher-Lehrwerkstatt der Forster Tuchfabriken zum Thema hatte, waren rund ein Dutzend Lehrlinge und eine Handvoll Lehrer gekommen, um über frühere Zeiten zu sprechen und davon zu erzählen. Einige brachten alte, von der Zeit schon gelb verfärbte Zeitungsartikel über die Tuchmacher-Lehrwerkstatt mit. In der Betriebsberufsschule in der Forster Charlottenstraße erhielten die zukünftigen Tuchmacher ein großen Teil ihrer Ausbildung.

Kerstin Owczarek, die von 1969 bis 1972 in der Textilwerkstatt gelernt hat, erinnert sich: "Ich weiß noch genau, wie ich am 1. September 1969 meine Ausbildung begonnen habe. Und das erste, was ich zu essen gekriegt habe, war schlesisches Himmelreich. Das hat furchtbar geschmeckt. Und ich dachte: ,Oh Gott, wo bin ich hier gelandet'. Das hab ich danach nie mehr gegessen". Aus dem Publikum erntet Kerstin Owczarek laute Zustimmung und die Gesichter vieler Anwesenden verziehen sich beim Gedanken an den Eintopf mit geräuchertem Schweinebauch und Backpflaumen.

Urta Waterstradt-Neitzel kam aus Mecklenburg nach Forst, um 1978 Textilveredelung mit der Fachrichtung Färberei zu erlernen. "Ich habe alle Färbereiabteilungen in Forst durchlaufen und wurde an verschiedenen Standorten ausgebildet", erzählt sie. Noch heute erinnert sie sich an die verschiedenen Standorte, etwa an die HT-Färberei, die Hochtemperatur-Färberei, im Fabrikteil in der Amtstraße, wo die Textilien bei hohen Temperaturen von mehr als 120 Grad gefärbt wurden. Doch nicht nur die Textilfärberei hat Urta Waterstradt-Neitzel in Forst kennengelernt, sondern auch die Liebe hat sie in der Stadt gefunden und ist deshalb geblieben.

Angelika Helbeck unterrichtete die Tuchmacherlehrlinge damals in Fächern wie Betriebsökonomie, textile Herstellungsverfahren oder Faserchemie. Sie zeigt auf einen alten Zeitungsartikel, den sie mitgebracht hat, der von einem Lehrlingsaustausch der Forster Tuchmacherwerkstatt 1978 mit einer Schule für Textilberufe im lettischen Ogre berichtet und sagt: "Da war ich auch mit dabei."

Auch im Erdgeschoss des Forster Textilmuseums werden bei den früheren Lehrern und Lehrlingen Erinnerungen wach, stammen doch die Maschinen, die dort stehen, aus den ehemaligen Forster Tuchfabriken. "Alle Maschinen sind funktionsfähig und werden auch regelmäßig vorgeführt", erzählt Stefan Buss, Mitarbeiter im Forster Textilmuseum. Das Besondere: Der gelernte Elektromonteur arbeitete von 1979 bis zur Wende als Techniker für die Forster Tuchfabriken, und ist deshalb noch heute in der Lage, die alten Maschinen der Tuchmacherschauwerkstatt zu warten und zu reparieren. "Und wenn ich mal nicht weiter weiß, dann hole ich die alten Bücher über die Maschinen aus den 20er- und 30er-Jahren aus dem Bücherregal und schlage etwas nach."

Zum Thema:
Am Samstag, 12. November, wird im Forster Textilmuseum der Film "Wie Ulbricht den Webautomaten nach Forst brachte" über den Besuch von Walter Ulbricht in den Forster Feintuchwerken gezeigt. Beginn ist 16 Uhr. Der Film ist Teil der Reihe "Mit der Hände Arbeit. Brandenburgs Handwerk im Film". lsc1