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| 18:24 Uhr

Erinnerung an Repressalien in der DDR
Feindlich negative Personen

 Nach dem Konzert wurde Stephan Krawczyk von Zuhörern und Autogrammjägern umringt.
Nach dem Konzert wurde Stephan Krawczyk von Zuhörern und Autogrammjägern umringt. FOTO: Angela Hanschke
Forst. Ein verbotenes Konzert im Jahr 1987 beschäftigt noch heute Menschen in Forst.

Aufgrund des großen Andrangs zogen die Besucher vom Kompetenzzentrum in die Stadtkirche um. Rund 200 Besucher füllten das Gestühl, als Stephan Krawczyk mit dem 1982 entstandenen „Lied vom Clown“ eine Brücke in die Vergangenheit, zur Friedensdekade im Jahre 1987, schlug, als in den drei Kirchgemeinden Friedersdorf, Hornow und Groß Bademeusel Konzerte mit Freya Klier und Stephan Krawczyk angesagt waren. Beide mit dem Stempel „feindlich negative Personen“ versehen und seit 1985 mit einem staatlichen Auftrittsverbot belegt, bot damals lediglich noch die Kirche Raum für ihre Kunst.

Unzählige Unterlagen habe ihre Behörde gesichtet, so Maria Nooke in einem Einführungsgespräch, „um nachzuforschen, was damals im Umfeld des abgesagten Konzertes in Groß Bademeusel geschah“. Aufgefunden wurden Berichte mit täglichen Einschätzungen über Zusammenkünfte der kirchlichen Oppositionsbewegung vom November 1987. Verunsicherung, Angst aber auch Mut erwuchsen aus den Einschüchterungen, denen Pfarrer und Gemeindekirchenräte ausgesetzt wurden. Massivem Druck war auch der damalige Generalsuperintendent – Seelsorger der Pfarrer und zugleich Ansprechpartner stattlicher Stellen – ausgesetzt.

Ein Riss tat sich auf  zwischen alter Kirchenführung und jungen Pfarrern. Zwei von ihnen –  Christian Popp, damals Pfarrer in Groß Schacksdorf und Groß Bademeusel, und Christoph Lange, der damals die Pfarrstelle in Friedersdorf betreute – nahmen am Donnerstag neben Stephan Krawczyk Platz. „Es ist gut, den Mund gegen Unrecht aufzumachen“ und „Die eigene Meinung kann was kosten“, sagte Christian Popp und dankte den damaligen Gemeindekirchenräten in Groß Schacksdorf und Groß Bademeusel, „die durch dick und dünn mit mir gingen“. Eine Unterstützung, auf die Christoph Lange in Friedersdorf nicht bauen konnte. „Mein Gemeindekirchenrat wurde eingeschüchtert“, sagte er, ihm selbst ein „Unfall auf der Autobahn“ angedroht.

Doch wie war das damals, als das kleine Groß Bademeusel am Tage des Konzerts „zur Festung“ wurde? Klaus-Dieter Krahl, damals ins Heimatdorf unterwegs, erinnerte sich an Polizeikontrollen. Sein Vater, Mitglied des Gemeindekirchenrates, habe von offenen Drohungen berichtet, „bewaffnete Kräfte“ anrücken zu lassen, um die Kirche zu räumen. Auch Hans-Werner Struppeck, damals Gemeindekirchenrat, erinnerte sich, dass dessen Mehrheit sich noch an jenem Tag für das Konzert aussprach. Am Abend habe der Generalsuperintendent sein Veto eingelegt.

„Das Dorf war damals komplett gefüllt mit Leuten, die Autokennzeichen aufschrieben. Jede zweite Reihe in der Kirche war von den „gesellschaftlichen Kräften“ besetzt“, sagte Maria Nooke und erinnerte sich an die flammende Predigt, die Pfarrer Bodo Trummer acht Tage später in der Euloer Kirche zum Thema „Des Kaisers neue Kleider“ hielt. Eine direkte Reaktion war ebenfalls die Herausgabe des hektografierten Informationsblattes „Aufbruch“ des Ökumenischen Friedenskreises.

„Man wurde durch die Kunst in die Pflicht genommen, eigene Entscheidungen zu treffen“, sagte Stephan Krawczyk, dem der zweite Teil des Abends vorbehalten war. „Ich möchte nicht wissen, wie viel Leute daran beteiligt waren, mich aus dem Land zu ekeln.“ Er sei aus Offenherzigkeit in den Widerstand geraten. „Bei „Liedern von früher“ griff er zu Gitarre und Akkordeon, sang unter anderem von der 750 Jubel-Jahrfeier Berlins, von Speichelleckern und vom Widerstand; sang wie einst gegen die „hohen Staatsbanausen“ an, zauberte den Zuhörern mit warmherziger Ausstrahlung und der anrührenden Lyrik des „Eskimonds“ und beim „Marie­lied“ ein Lächeln ins Gesicht. Tiefe Stille herrschte, als er aus seinen Büchern las und über seine Inhaftierung sprach. CDs mit seinen Liedern und Bücher waren anschließend gefragt. Ebenso Autogramme von und Gespräche mit ihm.