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Unvergessene Geschichte in Film und Saal

Kaum ein Platz blieb leer. Viele Besucher hatten historisches Material mitgebracht
Kaum ein Platz blieb leer. Viele Besucher hatten historisches Material mitgebracht FOTO: Angela Hanschke/aha1
Groß Kölzig. 100 Zuschauer kamen nach Groß Kölzig, um die Erstaufführung eines Films über die Folgen des Zweiten Weltkrieges zu sehen. Angela Hanscke / aha1

Erinnerungen über Kindheit und Jugend einer vergangenen Zeit haben am Samstagabend bei der deutschen Erstaufführung des Dokumentarfilms "Unvergessene Geschichte" knapp 100 Zuschauer nach Groß Kölzig gelockt. Eine Resonanz, die sowohl das Filmteam um die Kulturhausleiterin Malgorzata Cegielska aus Trzebiel, Kulturhausmitarbeiterin Barbara Laris und Christoph Schneider-Laris vom deutsch-polnischen Verein Musknica, und die Gastgeber in der deutschen Partnergemeinde überraschte. Groß war das Interesse auch an der benachbarten Heimatstube. Untermalt von der melancholischen Filmmelodie, die eigens von Andrzej Winiszewski aus Zielona Gora komponiert wurde, kamen in dem von Hubert Bak auf 40 Minuten zusammengeschnittenen Beitrag drei Einwohner aus Trzebiel und zwei gebürtige Einwohner aus dem ehemals deutschen Städtchen Triebel zu Wort. Zwischen 81 und 93 Jahre alt sind die Interviewpartner inzwischen. Doch während Bozena Danielska, Olga Wisniowska und Wladyslaw Zolinski in den Jahren 1946 und 1947 langsam in ihrer neuen Heimat Wurzeln schlugen, in die Schule gingen und später eigene Familien gründeten, mussten nach Kriegsende Herbert Poelzig und Günter Dutschke im Alter von 14 und neun Jahren ihre Heimatstadt verlassen.

Im selben Alter wie die Filmprotagonisten waren auch die meisten Zuschauer. Bürgermeister Eberhard Müller sprach angesichts der großen Resonanz von der "Eigendynamik", die die Vorführung entwickelte habe. Ingeborg Riemer, geborene Klawe, reiste kurz entschlossen an ihrem 88. Geburtstag in Begleitung ihres Sohnes aus Leipzig an, nachdem sie am Samstagvormittag telefonisch vom Filmprojekt erfahren hatte. "Wir wohnten in der Villa Hübner mit einem angrenzenden Park. Mein Vater war damals Betriebsleiter auf der Grube Viktor I in Gerbersdorf (Gniewoszyce)", erzählt sie.

Der heute in Krauschwitz lebende Günter Dutschke saß während der Filmaufführung in der ersten Reihe. Der Handwagen, mit dem seine Familie zweimal auf die Flucht ging, ist seit Kurzem Bestandteil einer Ausstellung im Kulturhaus Trzebiel, dem Elternhaus von Herbert Poelzig. "Nun steht er dort, wo er einst losfuhr", sagte Günter Dutschke. "Geld war damals nach Kriegsende wertlos. Es lag bündelweise auf der Straße. Der Tauschhandel blühte", berichteten Deutsche und Polen übereinstimmend. "Ich weiß nicht, wie wir diese Zeit damals überstanden haben", sagte Herbert Poelzig im Nachhinein noch ungläubig. Die drei Einwohner Trzebiels berichteten von späteren Besuchen der ehemaligen Einwohner und deren Nachkommen, ihrer oft vergeblichen Suche nach den alten Häusern.

Zwölf Ausstellungstafeln mit Vorher-Nachher-Fotos hatte das Filmteam mitgebracht. Neben der Kirche waren nur wenige Häuser durch unmittelbare Kriegseinwirkungen sehr stark zerstört. Doch sehr viele Gebäude wurden bereits 1946 abgerissen. Das "Warum nur?" bewegt heute die jungen Einwohner Triebels. Auch darauf gibt der Film eine Antwort. Alle Dörfer ringsum seien 1946/1947 bereits besiedelt gewesen. Die polnischen Neuansiedler - zumeist Bauern - gingen jedoch auch in Trzebiel dorthin, wo Land und Nebengebäude zur Verfügung standen. Unbewohnte Gebäude, darunter ausgerechnet fast sämtliche schmucke Bürgerhäuser am Marktplatz, wurden abgerissen. "Die Steine wurden zum Wiederaufbau nach Warschau transportiert", heißt es allgemein.

Die drei polnischen Protagonisten bezweifeln dies, sprechen im Film hingegen von allgegenwärtigen "Diebesbanden", die wohl mit dem Material gehandelt hätten. Groß war am Samstag in Groß Kölzig das Bedürfnis der Betroffenen, über ihr Schicksal zu sprechen. So auch bei Gisela Winkler aus Weißwasser, die im Jahre 1936 als Gisela Schulz in der Triebeler Goethestraße als Tochter eines Bergmanns zur Welt kam. "Die Männer sagten im Januar 1945: ‚Wir bleiben hier und gehen in die Grube'", berichte sie. Ebenso vom Kampieren auf Stroh, während das Oberflächenwasser die Wände hinabrieselte. Täglich seien die Männer hinaufgestiegen, um die Situation zu erkunden.

Am 22. Februar ertönten russische Befehle in den Stollen von Viktor I. Männer wurden von den Kindern und Frauen getrennt. "Mein Vater hob auf dem Lastwagen die Hand zum Gruß. Es war der letzte Gruß. Wir haben nie wieder von ihm gehört". Mitte Juni verließ die damals Neunjährige mit der übrigen Familie Triebel, überquerte in Forst eine Behelfsbrücke und gelangte schließlich nach Mühlrose. Noch heute habe sie Angst vor der Dunkelheit.

Erzählungen entstehen im Film und im Saal, die sieben Jahrzehnte später Polen und Deutsche gleichermaßen bewegen: "Mein Blick ist frei auf Deutsche und Polen gleichermaßen ", so Barbara Laris. Das gesamte Filmteam habe während der Dreharbeiten sehr intensive und emotionale Beziehungen zu den fünf Porträtierten aufgebaut. Für den 22-jährige Peter Tzschicholz - den Jüngsten im Saal und Mitglied der Groß Kölziger Feuerwehr - ist die Zusammenarbeit, das deutsch-polnische Miteinander Normalität. "Einwandfrei", beurteilt der 87-jährige aus Petersdorf stammende Gerhard Lehmann aus Weißwasser den Film. "Nur durch die Wahrheit können wir wirklich zueinanderfinden".