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| 13:08 Uhr

Tour über rekultivierte Flächen
Unterwegs in der alten-neuen Heimat

Christina Grätz (r.) zeigt die Pfingstnelken zu ihren Füßen.
Christina Grätz (r.) zeigt die Pfingstnelken zu ihren Füßen. FOTO: Margit Jahn
Bohrau. Die besonders geschützte Pfingstnelke feiert im neuen Land der Bauern AG Neißetal ihr Come Back.

Am Sonnabend lud die Bauern AG Neißetal zu einer erneuten Neuland-Tour in das Rekultivierungsgebiet des Tagebaues, beginnend hinter Bohrau, ein. Begrüßt wurden die interessierten Gäste zunächst auf dem Gutshof mit einem frischen Erdbeershake. „Frisch am Morgen gemolken“, wie Geschäftsführer Bernd Starick stolz erklärte.

Mit dem Bus ging es in das Rekultivierungsgebiet und schon unterwegs gab es interessante Ausführungen vom Landwirt: Insgesamt 880 Hektar wurde seinerzeit im Bereich Grießen, Horno und Briesnig an den Bergbau abgegeben. Die Bustour führte zu der Stelle wo fünf Windräder auf sieben Hektar aufgebaut werden. „Ein Windrad erzeugt rund 3,2 Megawatt“, so Starick.

Insgesamt hat die Bauern AG in den vergangenen 13 Jahren 1000 Hektar wieder hergestellt und die Landschaft nach dem Bergbau rekultiviert. An Schautafeln demonstrierte er das neue entstandene Gebiet. Traurig, das viele Menschen ihre Heimat verloren haben, gibt es jetzt die einmalige Chance, eine neue Heimat zu errichten.

Steht man vor der Aufgabe eine so große Fläche wieder neu zu bewirtschaften, hat man Träume. Starick führte aus, das neben der Bewirtschaftung Naturräume mit Pflanzen und Tieren nicht vergessen werden, Biotope, Feuchtgebiete und Wasserstellen werden harmonisch in das neue Land integriert. „Bis jetzt ist es wunderschön geworden und ich könnte ins Schwärmen kommen“, so der Landwirt.  Auf seinen täglichen Touren sieht er viel Niederwild, Reptilien, Fasane und Greifvögel: „Auch Wölfe sehe ich wöchentlich.“

Viele neue Ansitzstangen stehen den Greifvögeln zur Verfügung. Die sich gute vermehrenden Feldmäuse sind eine gute Mahlzeit. „Langsam zieht Leben ein“, freut sich Starick. Nach einem kleinen Vesperstop mit kühlen Getränken, Obst, frischen Schmalz-und Wurststullen stoppte der Bus am Johannisroggenfeld, welches auch als Ur-Roggen bezeichnet wird.

Aus diesem unbearbeiteten Roggen bäckt Bäckerei Merschank immer freitags das Johannisbrot, welches im Hofladen verkauft wird. Immer am 24. Juni wird das Korn ausgesät, und wer mag kann in einer Tour an diesem Tag live dabei sein.

Die Flächen zu bearbeiten und begrünen befindet Starick als „den schönste Teil meiner Arbeit“. Er erklärt am Feld, wie komplex diese neue Bebauung ist. Das Bodensubstrat muss gerade in der trockenen Lausitz Wasser speichern können. Bodenlockerheit wird über Wurzeln erhalten. Dies sei eine Generationsaufgabe.

Besonders die Luzerne hat diese wichtige Funktion. Sie wurzelt bis in drei Meter Tiefe, kann die Verdichtung durchdringen und hilft die Substrate in Gang zu setzen. „Sie gehört hierher“, so Starick. 130 Linden wurden als künftige Ortsverbindungsstraßen als Alleen gepflanzt. Die Leag habe hier seiner Meinung nach „Flächen mit hoher Verantwortung geschaffen“.

Ziel der kleinen Reise war die Pfingstnelken-Blüten Tour. Die Biologin und „Nelkenmutter“ Christina Grätz empfing die kleine Gruppe und führte sie auf das Feld, wo sie vor vielen Jahren in enger Zusammenarbeit mit den Landwirten die in Mitteleuropa gefährdete Pfingstnelke als seltene Art etablieren konnte. Ihre nektarreichen Blüten werden von Insekten bestäubt. Ihre Blütenfarbe, besonders aber ihr intensiver Duft, lockt die Tagfalter an dieser Ur-Großmutter der Gartennelke an. Christine Grätz entschied sich damals für die Pfingstnelke, nachdem sie eine Bestandsaufnahme der Standortbedingungen erfasst und analysiert hatte.

Vor zehn Jahren stand sie für 1200 Hektar vor der  Frage: „Wie um Himmels Willen begrünt man rekultivierte Flächen?“. Dann begann sie sich zu belesen und ist heute stolz darauf, hier einen Ort geschaffen zu haben, von denen es nur noch vier in Deutschland gibt.  Inzwischen haben viele neue Pflanzen hier eine neue Heimat bekommen und ihr Territorium unter den klimatischen Verhältnissen angenommen.

Beim Anblick des Grünblütigen Leimkraut, Steppen-Lieschgras, Nickendes Leimkraut, Witwenblume, Acker-Wachtelweizen und unzählig andere Pflanzen gerät sie in Verzückung. Hier offenbart sich eine Biologin aus tiefster Leidenschaft, die den Besuchern auch scheinbar unscheinbare Pflanzen zu kleinen Helden erscheinen lässt. Wie zur Bestätigung zwitschert eine Feldlärche über die kleine Gruppe. „Man kann auch mit Wildblumen einen wunderschönen Garten haben“ gibt sie den Leuten mit auf den Weg.

Bernd Starick hat vor vielen Jahren umgedacht und seitdem viel gelernt.  Im „Grünen Herz“ des Tagebaues Jänschwalde fühlt er sich am wohlsten, denn da hänge viel Herzblut dran. Daher freut er sich schon auf die Zeit, wenn dieses Areal für die Öffentlichkeit freigegeben werden kann.

(Jahn)