ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 06:21 Uhr

Cottbus/Groß Schacksdorf
Überraschendes Ende einer mysteriösen Vermisstensuche

In der Waldsiedlung in Groß Schacksdorf wurde das Mädchen am Sonntag gefunden. Sie war seit sechs Monaten vermisst worden.
In der Waldsiedlung in Groß Schacksdorf wurde das Mädchen am Sonntag gefunden. Sie war seit sechs Monaten vermisst worden. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau
Cottbus/Groß Schacksdorf. Fast sechs Monate war eine Minderjährige spurlos verschwunden. Jetzt wurde sie in der elterlichen Wohnung in Groß Schacksdorf (Spree-Neiße-Kreis) entdeckt. Gegen ihre Mutter und den Stiefvater wird wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauches ermittelt. Von Simone Wendler

Es war nach RUNDSCHAU-Informationen nicht das erste Mal, dass die Polizei in der Waldsiedlung Groß Schacksdorf im Spree-Neiße-Kreis nach Franziska R. suchte. Doch am Sonntag hatten die Beamten mehr Glück als bei vorherigen Versuchen. Sie fanden die 13-Jährige und übergaben sie in die Obhut des Jugendamtes.

Damit endete eine lange und seltsame Vermisstengeschichte. Für die 52-jährige Mutter und ihren 46 Jahre alten Lebensgefährten war das mit ihrer Festnahme verbunden. Am Montagnachmittag gab der Haftrichter am Amtsgericht Cottbus den Anträgen der Staatsanwaltschaft auf Untersuchungshaft statt. Neben dem Vorwurf der Entziehung Minderjähriger und der Freiheitsberaubung steht ein noch schlimmerer Verdacht im Raum.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen das arbeitslose Paar wegen sexuellen Missbrauchs des Mädchens. Die Ermittler gehen inzwischen offenbar auch davon aus, dass ein handschriftlicher Brief des Mädchens, der im November im Briefkasten der Anwältin der Mutter aufgetaucht war, unter Mitwirkung der Eltern entstand. Darin hatte das Mädchen beklagt, sie habe es nicht mehr ausgehalten im Heim und wolle sich deshalb verstecken, bis sie 18 Jahre alt sei.

Wie es der Polizei gelang, das Mädchen nun doch in der Wohnung zu finden, wie das Kind im Herbst  von Cottbus nach Groß Schacksdorf gekommen ist, zu diesen Fragen machen Polizei und Staatsanwaltschaft noch keine Angaben. Mit Hinweis auf die besondere Schutzwürdigkeit einer Minderjährigen sind die Auskünfte ohnehin spärlich.

Das Kind lebte seit mehr als zwei Jahren in einem Kinderheim in Cottbus. Die Wochenenden durfte es bei der Mutter in Groß Schacksdorf verbringen.Verschwunden war die Minderjährige an einem Donnerstag im Oktober vorigen Jahres. Nach einem Arztbesuch sollte sie in die Schule gehen. Dort kam sie nicht an. Hinweise, wonach das Mädchen später in der Nähe der elterlichen Wohnung gesehen worden sein soll, waren vermutlich Grundlage der erwirkten Durchsuchungsbeschlüsse für die Polizei. Dem jetzt vermeldeten Sucherfolg waren laut Staatsanwaltschaft „intensive Ermittlungen“ vorausgegangen.

Nach einem früheren Medienbericht wurden Franziska und ihre Schwester schon vor Jahren in Berlin der Mutter und deren damaligem Partner weggenommen und in einem Kinderheim untergebracht. Seit drei Jahren soll die Kindesmutter mit dem jetzt festgenommenen Stiefvater zusammenleben.

Der soll erst 2012 nach einer mehrjährigen Haftstrafe wegen einer schweren Gewalttat in Berlin aus dem Gefängnis gekommen sein und noch unter Führungsaufsicht stehen. Kurz nach seiner Haftentlassung erlangte er in Berlin kurzzeitig öffentliche Aufmerksamkeit. Mit einem Video-Interview und einem kurzen Bühnenauftritt hatte er in einer Inszenierung von Schillers „Verbrecher aus verlorener Ehre“ am Deutschen Theater mitgewirkt. Thema der Inszenierung war die Frage eines humanen Strafvollzuges.

Wann genau die Mutter von Franziska nach Groß Schacksdorf zog, ist nicht bekannt. Die ehemalige Armee-Siedlung dort wechselte in den vergangenen Jahren mehrmals den Eigentümer. Die Vermieter warben vor Jahren bundesweit, auch insbesondere in Berlin, unter Hartz-IV-Beziehern für einen Umzug in die Siedlung, die mit Leerstand zu kämpfen hatte. Versprochen wurden dafür die Übernahme der Umzugskosten und auch Geschenke – wie ein Fernseher. Der Leerstand der Siedlung ging dadurch zurück, dafür erhöhten sich die Einsätze des Jugendamtes unter sozial problematischen, einkommensschwachen Mietern.

Im Jahr 2016 kam jede sechste Meldung einer Kindeswohlgefährdung im Spree-Neiße-Kreis aus der Waldsiedlung. Jedes vierte Kind, das damals aus seiner Familie geholt wurde, wohnte dort.