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| 02:37 Uhr

Über 14 Brücken musst Du gehen…

Reinhard Natusch im Dorfmuseum Sacro mit der Sammlung der Heimatkalender.
Reinhard Natusch im Dorfmuseum Sacro mit der Sammlung der Heimatkalender. FOTO: B. Möschl
Forst-Sacro. Seit 14 Jahren gibt Reinhard Natusch vom Heimatverein Forst Nord den Heimatkalender für Sacro und Umgebung heraus. Unterstützt von Mitstreitern wie Pfarrer Bodo Trummer, Eckehard Bauer und Einwohnern der Region ist so bereits eine beachtliche Sammlung an Geschichten und Geschichtchen entstanden. Beate Möschl

2002 ist der erste Sacroer Heimatkalender in Redaktion von Reinhard Natusch erschienen. Der damalige Spree-Neiße-Landrat Dieter Friese (SPD) habe seine Art, den Heimatkalender zu gestalten, seinerzeit interessiert verfolgt, und ihm geraten: "So geht das doch nicht, Sie müssen doch ein Thema haben", erinnert Reinhard Natusch, und betont, dass er dem widersprochen und seine eigenen Vorstellungen von einem unterhaltsamen Heimatkalender unbeirrt weiter umgesetzt hat. "Die Leute wollen vielseitig informiert werden, nicht nur über ein Dorf oder einen Ortsteil. Das Interesse ist vielschichtig, da kann ich mich nicht auf ein Thema beschränken", sagt er. Deshalb finden sich auch in diesem Jahr wieder nicht nur Geschichten aus der Forster Straße in Sacro oder von den Läutejungen der Sacroer Kirche im Heimatkalender, sondern auch ein Überblick der Verbindungen über die Neiße. 14 Brückenbauwerke hat Eckehard Bauer aufgelistet, von der Autobahnbrücke (Olszyna) über die Bademeuseler Verbindungen und die wichtigste Brücke für die Sprengstoffwerke Scheuno in Keune bis zur neuen, von der EU geförderten Brücke bei Sacro, der historischen Furt von Sacro und Strega und der einstigen Briesnigker Neiße-Brücke. Natürlich fehlt auch der berüchtigte Seufzersteg nach Berge nicht.

Sorbisch-wendisches Brauchtum in Naundorf, Denkmäler der Liebe, 70 Jahre Frieden, Krieger-Denkmale. Weinbau-Geheimnisse und die Kinder- und Jugendsportschule Forst sind weitere Themen des Heimatkalenders 2015. Auch Vergangenes aus Jähnsdorf und Gepflogenheiten der Landpostzustellung im 19. Jahrhundert spielen eine Rolle, und das, was der Pfarrer in Sacro einst an die große Glocke hängte.

Der Bogen ist weit gespannt, und Reinhard Natusch und seinen Mitstreitern gehen die Ideen nicht aus. "Ich habe noch Material für viele Jahreskalender", sagt der 84-Jährige gelernte Tischler, der vielen Forstern als Lehrer gut in Erinnerung ist. Was mit der politischen Wende in Deutschland zwangsläufig auf Tausende Beschäftigte zukam, die berufliche Neuorientierung, hatte Reinhard Natusch unter anderem Vorzeichen zu DDR-Zeiten frühzeitig für sich realisiert. Er sattelte nach der Tischler-Lehre auf Schulbetrieb um, arbeitete zunächst als Unterstufen- und Sportlehrer. Später qualifizierte er sich in einem Fernstudium zum Lehrer für Physik und Naturwissenschaften. "Ich habe über die Jahre an fast allen Schulen in Forst unterrichtet", sagt Natusch, der in Forst auch als Leistungssportler im Handball bekannt war. Er spielte bis Mitte der 60er-Jahre für seinen Sportverein Traktor Sacro in der Landesauswahl. Dann war er als Schiedsrichter und Sportfunktionär aktiv. Natusch schwärmt noch heute von dem vielschichtigen ehrenamtlichen Engagement, das "früher entschieden größer war als heute", wie er sagt.

Er lässt sich davon nicht verdrießen, vor allem nicht beim Aufarbeiten der Geschichte. Dafür hat er seit 1990 viel Zeit, denn mit der Wende wurde er, damals 60-jährig, aus dem Schuldienst entlassen in den Vorruhestand. Seitdem widmet er sich seiner Leidenschaft für die Traditionspflege. Das Haus seiner Schwiegereltern in Forst-Sacro hat er zum Dorfmuseum umgestaltet. Hier hängen auch alle seine Heimatkalender an der Wand - eine beachtliche Sammlung mit 168 Themen aus der Geschichte von Sacro und Umgebung. "Wenn man schon so viele Themen bearbeitet hat, muss man suchen und überlegen, was im nächsten Jahr interessant sein könnte", sagt der 84-Jährige, der bereits am Heimatkalender 2016 arbeitet.

Seine Ideen findet er in dem "sehr umfangreichen und glücklicherweise gut erhaltenen Kirchenarchiv in Sacro", das er nutzen darf. "Mich verbindet eine sehr enge Zusammenarbeit mit Pfarrer Trummer. Gemeinsam mit dem Heimatverein Forst-Nord haben wir auch schon Ausstellungen in der Kulturkirche Sacro gestaltet", erzählt Natusch. Auch aus Sammlungen von Forster Bürgern bekommt Natusch Fotos und Dokumente. Zudem kann er auf eigene Sammlungen und Aufzeichnungen ab 1945 zurückgreifen. Einiges davon wird auf speziellen Infotafeln zu seinen Geschichtsvorträgen zu sehen sein, die er heute und am kommenden Donnerstag im Rahmen des Themenmonats Januar "Wider das Vergessen" zum Start ins Jubiläumsjahr "750 Jahre Forst" halten wird.

Sein schönster Lohn ist reges Interesse für das, was Vorfahren und Akteure der Jetzt-Zeit zu erzählen haben, Interesse an Geschichte, Geschichten und Traditionen in der Region und deren Pflege. Mit seinen Ausstellungen weckt er dies zuverlässig. Freilich täten ihm auch ein paar nachrückende Gleichgesinnte gut. Auf die Frage, wer seine Traditionspflege einmal fortsetzen und für die Allgemeinheit Wissenswertes aus dem reichen Fundus schöpfen wird, sagt Reinhard Natusch: "Gute Frage."

Am heutigen Donnerstag hält Reinhard Natusch um 18 Uhr im Kompetenzzentrum in der Gubener Straße 30 einen Vortrag zum Thema: "70 Jahre Befreiung vom Faschismus". Der Vortrag ist kostenfrei und steht allen Interessierten offen.

Am 22. Januar widmet sich Reinhard Natusch in einem zweiten Vortrag im Rahmen des Themenmonats Januar ab 18 Uhr im Kompetenzzentrum dem Thema Vertreibung Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten.