Tanzen ist ein Ritual, ein Brauch, eine darstellende Kunstgattung, eine Sportart, eine Form sozialer Interaktion oder schlicht ein Gefühlsausdruck. Für Annalena Roscher, 17 Jahre, ist es alles zugleich, ihr Leben, ihre Welt und „Auszeit“. Beim Tanzen könne sie abschalten und alle Emotionen rauslassen.

Tänzer mit eigenem Motto: 1+1=1

„Tänzer sind kreative Menschen, sie leben in ihrer eigenen Welt“, sagt Annalena Roscher. Auf dem Parkett gilt: 1+1=1. Wer diese Gleichung verstehen will, muss Annalena Roscher und ihrem Tanzpartner Vincenz Lohse zusehen. Sie versinken in Schritte und Schrittfolgen, zeichnen Posen und Figuren in inniger Vertrautheit und bestechen durch glasklare Exaktheit. Auf dem Parkett sind Annalena und Vincenz eins. Die mathematische Gleichung ist außer Kraft gesetzt. Und es ist wie im wahren Leben: Den richtigen Partner zu finden, ist das Allerwichtigste im Turniertanz. Annalena sei jedesmal krank gewesen, in ein mentales Loch gefallen, als ihr Tanzpartner aufhörte und sie wieder auf neue Suche gehen musste, erzählt Mutter Anja Roscher. Nach dem Probetraining mit Vincenz aus Dresden, dem der Tänzerszene-Buschfunk ihr zuspielte, hätte ihre Tochter auf der Rückfahrt im Auto geweint. Vor Freude, vor Erleichterung. Jungen in ihrem Alter, die auf ihrem Niveau tanzen, sind selten.

Ziel Spitzenklasse vor Augen

Schließlich will Annalena Roscher mit Vincenz am liebsten und möglichst bald in der Spitzenklasse der Turniertänzer dabei sein. Dort, wo es um die Weltrangliste geht und internationale Turniere getanzt werden. Für den Aufstieg in die nächsthöhere Leistungsklasse werden neben Punkten auch Platzierungen benötigt. Einen Punkt bekommt man für jedes in der Turnierwertung „überholte“ Paar, als eine Platzierung gilt Platz 1 bis 3, wenn hier mindestens zwei Paare dahinter in der Wertung bleiben. Platz 3 zählt nicht als Platzierung, wenn nur vier Paare im Turnier getanzt haben.

Annalenas Traum beginnt mit Zweieinhalb in Klein Jamno, wo sie bei den Tanzmäusen, später in Forst beim TC Smaragd mit rosa Schühchen und Tutu und danach beim TSC Rose ihre ersten Schritte und Erfolge machte und viele Landesmeister-Titel und Turniersiege mit ihren damaligen Partnern einheimste.

Seit Mai 2018 tanzen Annalena und Vincenz zusammen. Aktuell in der höchsten Jugendklasse. Latein, kein Standard. Sie konzentrieren sich inzwischen auf die fünf lateinamerikanischen Turniertänze. Samba, Rumba, Cha-Cha-Cha, Paso Doble und Jive. „Lieber eines richtig und gut machen“, sagt Annalena. Denn ein zwei Minuten dauernder Tanz ist wie ein 800-Meter-Sprint, zitieren die beiden Sportler ihre Trainer. Wenn man bedenkt, dass in einem Turnier pro Runde alle fünf Tänze gezeigt werden müssen, kann man erahnen, was an Kondition gebraucht wird.

Hinzu kommen Fußtechnik, Armhaltung, Blickrichtung, Sportlichkeit, Beweglichkeit, Dynamik, Leidenschaft. Und natürlich gutes Aussehen, Perfektion und Paar-Harmonie. Das, wofür die Jury Punkte und gute Wertungen gibt. Die beiden wissen: „Die gucken, sobald man die Halle betritt, wie man als Paar zusammensteht, wie man sich zusammen gibt.“

Vor Turnieren – in der Region gibt es leider nur wenige – steht Annalena nicht selten kurz nach Mitternacht auf, um Frisur und Make-up zu richten. Fünf Stunden brauche sie dafür. Inzwischen habe sie eine Kosmetik-Marke gefunden, die ihr natürliches Aussehen verstärkt und bei perlendem Schweiß trotzdem hält.

Zeitraubender Sport

Wer ehrgeizige Ziele hat wie Annalena und Vincenz, braucht Disziplin, Struktur, Organisation. All das haben sie. Annalena manchmal vielleicht ein bisschen zu viel, sagt Mutter Anja Roscher. „Ich kenne meine Grenzen und passe auf meinen Körper auf“, betont Annalena. Und trotz Trainings, Turnieren und Schule – der Notendurchschnitt der Zwölftklässlerin liegt unter Eins, das Medizinstudium in Dresden soll folgen, bleibe Zeit fürs Jugendleben. Sie mache halt nicht so oft und so exzessiv Party wie andere in ihrem Alter. Vincenz nickt: „Party nicht jede Woche, das weiß man.“

Das geht auch gar nicht. Denn zweimal in der Woche fährt Annalena Roscher nach der Schule nach Gubin, trainiert dort bei Remigiusz Lesnianski vom Studio Tanca Calipso aus Krosno. Partner Vincenz absolviert ein ebensolches Programm, er trainiert beim TSC Excelsior Dresden bei Julia Luckow. Sie sind jeweils in beiden Tanzclubs Mitglied, an Wochenenden pendeln Annalena und Vincenz zum gemeinsamen Training mal ins polnische Krosno, mal nach Dresden, mal bekommen sie auch in Klein Jamno einen Raum mit Parkett. Und dann heißt es: üben. Technik, Figuren, Schritte. Choreografien, tausendmal, sie müssen automatisiert werden.

Turniertanz ist ein zeitintensiver Sport – für alle Beteiligten. Eltern, Großeltern, Geschwister von Annalena und Vincenz sind Betreuer, Chauffeure und Tröster vom Dienst. Auch für blutige Zehen, vernarbte Füße, Muskelkater, gereizte Bänder und Sehnen. „Wir sind da so mit reingewachsen“,sagt Anja Roscher. Turniere sind inzwischen Familienausflüge.

Wenn Annalena tanzt, dann sind alle Mühen, aller Aufwand vergessen. Denn dann ahnt Mutter Anja Roscher, was ihre Tochter Annalena antreibt: Ein Tanz ist nicht einfach ein Tanz, sondern eine Passion, die keiner Worte bedarf.