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Stolz auf jeden Schritt nach vorn

Erst als Erwachsene lernt Carola Kind (r.) jetzt das Schreiben. Unterstützung bekommt sie dabei von Regina Dorn im Lerncafé Forst.
Erst als Erwachsene lernt Carola Kind (r.) jetzt das Schreiben. Unterstützung bekommt sie dabei von Regina Dorn im Lerncafé Forst. FOTO: kkz
Forst. Lesen und Schreiben sollten in Zeiten der Schulpflicht selbstverständlich sein. Doch einige Menschen können es nicht und sind täglich umgeben von fremden Zeichen, die ihnen nichts sagen. In Forst gibt es ein Angebot für sie. Katrin Kunipatz

Konzentriert sitzt Carola Kind vor dem Computer. Die weibliche Stimme des Lernprogramms fordert sie auf, die Worte Wein, Eis und Eimer zu schreiben. Mehrmals hört sie zu, spricht die Worte selbst und gibt die Buchstaben ein. Wein, Eis, Eima steht nach einigem Überlegen auf dem Bildschirm. Sozialpädagogin Regina Dorn hilft schließlich und spricht überdeutlich das Wort "Eimer". Carola Kind korrigiert und widmet sich gleich der nächsten Aufgabe.

Einmal in der Woche besucht die 42-Jährige für zwei bis drei Stunden das Lerncafé im Grundbildungszentrum in Forst. "Seit es eröffnet wurde, bin ich hier, lerne Lesen und vor allem Schreiben", berichtet die gebürtige Berlinerin. Vor drei Jahren zog sie mit ihrem Mann und den Kindern nach Forst. Damals konnte sie zwar lesen, aber kein Wort schreiben. Dabei hatte Carola Kind die Schule besucht. "Anfangs machte es mir Spaß, aber das Schreiben wollte nicht klappen", berichtet sie. Nach der zweiten Klasse wechselte sie auf die Förderschule. In der großen Familie - Carola war die Jüngste von sieben Geschwistern und das einzige Mädchen - gab es keine Unterstützung für sie. In der Berufsschule versuchte sie sich, mit Ausreden durchzumogeln. "Es war mir peinlich zuzugeben, nicht lesen und schreiben zu können", berichtet sie. Mit 20 Jahren brachte sie sich in Grundzügen das Lesen selbst bei. "Ich habe täglich die Zeitung studiert und mich an die Buchstaben aus der Schulzeit erinnert", sagt Carola Kind. Beim Schreiben von Ämterbriefen und Entschuldigungen half ihr weiterhin ihr Mann. Doch nach der Scheidung war die EU-Rentnerin auf sich selbst gestellt. Von der Familienhilfe kam der Hinweis auf das im Mai 2015 eingerichtete Grundbildungszentrum.

Hier ist Sozialpädagogin Regina Dorn Ansprechpartnerin für Interessierte, Betroffene und Unternehmen. In Cottbus und dem Landkreis Spree-Neiße gibt es schätzungsweise rund 20 000 funktionelle Analphabeten. Über die Hälfte von ihnen ist berufstätig. Und genau an sie richtet sich das Angebot des Grundbildungszentrums. Immer mittwochs von 10 bis 18 Uhr ist das Lerncafé geöffnet. "Jeder kann vorbei kommen", sagt Regina Dorn. "Unsere Zielgruppe sind die Erwerbstätigen, aber der älteste Lerner ist ein 80-Jähriger." Zusätzlich zu Kursen und Schulungen bekommen Betroffene individuell Hinweise zu Lernmöglichkeiten, beispielsweise im Internet. "Wir wollen das Thema aus der Nische herausholen und so den Betroffenen Mut machen, den ersten Schritt zu wagen", sagt die Sozialpädagogin.

Was daraus werden kann, berichtet Carola Kind: "Ich fühle mich richtig gut und bin stolz. Am schönsten war es, meiner fünfjährigen Tochter die Nikolausgeschichte vorzulesen." Noch vor einem Jahr wäre das undenkbar gewesen. Und auch das Schreiben ist besser geworden. "Auch wenn es manchmal schwer ist, werde ich weitermachen, bis ich es kann", sagt sie mit fester Stimme. Eine große Motivation sind dabei auch ihre Kinder.

Vor allem will Carola Kind mit ihrer Erfahrung anderen Mut machen, den ersten Schritt zu wagen und im Lerncafé vorbei zu kommen. Kürzlich ist sie einem Schriftsteller begegnet, der selbst erst als Erwachsener Schreiben und Lesen gelernt hat. "Und er hat mir einen Floh ins Ohr gesetzt", sagt sie mit einem Lächeln und setzt fort: "Ich werde meine Geschichte in einem Buch aufschreiben." Regina Dorn, die in den zurückliegenden Monaten eine gute Freundin geworden ist, hat ihre Unterstützung zugesagt.

Zum Thema:
Schätzungsweise rund 11 000 Menschen im Landkreis Spree-Neiße und 7,5 Millionen Menschen in Deutschland können nicht richtig Lesen und Schreiben. Sie können Buchstaben erkennen, ihren Namen und einige Worte schreiben, aber nicht Sinn verstehend lesen. Während der 2015 ausgerufenen nationalen Dekade für Alphabetisierung sollen vor allem Erwachsene bei Kursen in Grundbildungszentren oder Volkshochschulen richtig Lesen und Schreiben lernen. Das Grundbildungszentrum Cottbus/Spree-Neiße befindet sich in der Metzer Straße 3 in Forst. Regina Dorn und Anett Müller sind unter Telefon 03562 690716 erreichbar.