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| 16:33 Uhr

Forst
Standing Ovations für das Leipziger Central-Kabarett

Forst. Spontane Wortspiele bringen manchmal nicht nur die Zuschauer durcheinander.

Es kommt nicht alle Tage vor, dass das amspruchsvolle Kabarett-Publikum im „Kuckuck“ in Groß Jamno zum Applaus aufsteht.  Die beiden Jungväter André Bautzmann und Robert Günschmann vom Leipziger Central-Kabarett haben es geschafft mit ihrem Programm „Von der Windel verweht – Kuck mal, wer da bricht“. Sie ließen sich im Anschluß feiern für ihre bissige und ironische Abrechnung mit den kleinen Nervensägen und „ADHS-Botschaftern“, auch Kinder genannt.

Schon das Intro brach das Eis zwischen Künstler und Bühne. Mit einem neuen Text zu Rammsteins Hit „Engel“ besangen beide ihre Sorgen, Ängste und Befürchtungen zur Zukunft ihrer nervigen Kinder. „Das soll ein Engel sein?“ fragten sie, wohl ahnend, was die nächsten Jahre auf sie zukommen wird.

In der Kita „Dreikäsehoch“ wurde es dann politisch. Kein Wunder, wenn die Plagen dort Donald, Wladimir, Angela, Emmanuel, Kim oder Recep Tayyip heißen. Und weil es sich mit Publikum einfach besser spielt, suchten sich Bautzmann und Günschmann ihre „Opfer“ unter den Zuschauern aus. Während also Donald aus Sand die jemals beste Mauer baute und Kim mit Spielzeugraketen um sich warf, durften Angela und Emmanuel rumflirten und den Wladimir nicht mitspielen lassen.

Im „Tele-Schrotting-Kanal“ priesen Bob & Bob in Glitzerkostümen das „brandneue und streng limitierte Schnicki-Schnacki-Schnupp-Schnupp“ zum Sonderpreis an, was sich bei genauerem Hinsehen als übergroßes Qietsche-Entchen entpuppte. Allerdings überzogen es André Bautzmann und Robert Günschmann mit ihrer Parodie ein wenig. Gut, dass im Anschluss Herr Müller („Müller, wie Füller, nur ohne F“) zum Vorstellungsgespräch an der Schule erschien. Da derzeit überall Lehrermangel herrscht, wurde Herr Müller, der nur Französisch studierte, kurzerhand auch noch Lehrer für alle anderen Unterrichtsfächer. Wie schnell ein falsches Wort die Karriere beeinflussen kann, bewies das Central-Kabarett eindrucksvoll. Die spitzen Bemerkungen zum Lehrerberuf und zum Schulsystem insgesamt sorgten bei den zahlreich im Publikum anwesenden Vertretern der Volksbildung für besonders gute Laune, auch wenn man sich nicht unbedingt als Lehrer zu erkennen geben wollte.

Selten wurde den Zuschauern so unverblümt die Wahrheit ins Gesicht geschlagen wie beim Klagelied von Mutter Natur, gespielt von André Bautzmann. Auch wenn der Zustandsbericht der Erde mit kabarettistischen Mitteln zu Gehör gebracht wurde, blieb dem Publikum an der einen oder anderen Stelle das Lachen im Halse stecken. „Wer keine Kinder bekommt, leistet einen wertvollen Beitrag zur Rettung der Menschheit“, resümieren Bautzmann und Günschmann und stellen anschließend fest: „Alle Kinder sind so lange hochbegabt, bis sie das erste Zeugnis bekommen!“

Zu guter Letzt haben Herbert und Heinrich aus dem Seniorenstift ihren großen Auftritt. Die beiden Leser der „Apotheken-Rundschau“, auch „Ü-60-Playboy“ genannt, philosophieren über ihre nachlassende sexuelle Leistungsfähigkeit und andere Krankheiten. „Herbert, Du hast Alzheimer, vergiß das nicht!“ warnt dann auch Kumpel Heinrich. Überhaupt sind sich die beiden Komödianten für kein Wortspiel oder ungeprobte Pointe zu schade. Manchmal sind sie von ihren spontanen Einfällen dermaßen überrascht, dass sie sich und den Mitspieler ungewollt aus dem Konzept bringen – sehr zur Erheiterung des Publikums, das sich schon gar nicht mehr fragt, ob das nun zum Programm gehörte oder improvisiert war. Schließlich kommt so mancher Gag erst durch die Reaktion der Zuschauer zustande.

Am Ende dieses langen Kabarett-Abends gab es besagte Standing Ovations fürs  Central-Kabarett und Mini-Schnicki-Schnacki-Schnupp-Schnupps an die Zuschauer, die besonders oft für so manchen bösen Scherz herhalten mussten.