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| 02:38 Uhr

Siegfried Kühn auf Amerika-Tour

Siegfried Kühn besuchte das Filmarchiv in den Holyoke Mountains. Dort sind in einem Bunker 35- und 16-Millimeter-Filmkopien von Defa-Produktionen archiviert und für Besucher zugänglich.
Siegfried Kühn besuchte das Filmarchiv in den Holyoke Mountains. Dort sind in einem Bunker 35- und 16-Millimeter-Filmkopien von Defa-Produktionen archiviert und für Besucher zugänglich. FOTO: Katrin Bahr
Groß Jehser. Für zweieinhalb Wochen ist Regisseur Siegfried Kühn aus Groß Jehser (Calau) Gast der Defa-Library gewesen, die zum Amherst College in Massachusetts (USA) gehört. Dort befindet sich ausgerechnet in einem Bunker, der 1962 während der Kuba-Krise als atombombensicherer Überlebensraum gebaut worden war, das größte DDR-Film-Archiv in Amerika. In Gesprächsrunden erlebte Kühn in drei US-Bundesstaaten ein aufgeschlossenes Publikum. Ingrid Hoberg

"Die Defa-Library ist der Geniestreich eines einzelnen Mannes", erzählt Siegfried Kühn nach seiner Rückkehr. "Barton Byg hat sich 1989, als die DDR-Botschaft in den USA aufgelöst wurde, die Frage gestellt, was aus dem dort gelagerten Filmbestand wird." Und er sei auf die Idee gekommen, mit diesen Kopien an der University Amherst eine Library zu gründen. "Er wollte nach der Auflösung der DDR-Botschaft eine neue Botschaft in Amerika verbreiten - nämlich dass nicht nur in Westdeutschland, sondern auch in der DDR künstlerisch hochwertige Filme entstanden sind", sagt Kühn. Einige seiner Filme sind dort ebenfalls archiviert.

Inzwischen ist die Sammlung, zu der auch Publikationen gehören, mit ihren beiden weiteren Mitarbeiterinnen Hiltrud Schulz und Skyler Arndt-Briggs in einem Netzwerk mit anderen kulturellen Bildungseinrichtungen und Universitäten in den USA verbunden. Alle zwei Jahre werden in Abstimmung mit der Defa-Stiftung in Deutschland Autoren und Regisseure mit ihren Filmen in die USA eingeladen, um dort mit dem Publikum über ihre Arbeiten zu diskutieren. So sind diesmal Filme von Siegfried Kühn gezeigt worden. "Im Anschluss gab es Gespräche mit Professoren und Studenten der Fachrichtungen Germanistik und Filmwissenschaft wie auch mit Besuchern in kulturellen Einrichtungen und öffentlichen Kinos", berichtet er, noch immer beeindruckt vom großen Interesse der Amerikaner für ostdeutsche Kunst und ihre Entstehungsgeschichte. Es habe natürlich nicht nur Fragen zu den Filmen gegeben, sondern auch zu den gesellschaftlichen und den Lebensbedingungen. Gezeigt wurden "Zeit der Störche" (1971, nach Herbert Otto), "Kindheit" (1987) und "Die Schauspielerin" (1988, nach Hedda Zinner).

Art Rehabilitierung

"Diese Erfahrung ist für uns Regisseure eine Art von Rehabilitierung unserer in der DDR verfemten Filme, die in den USA nicht nur neugierig, wie Botschaften aus einer anderen Welt, bestaunt werden, sondern auch eine Anerkennung und Würdigung einer künstlerischen Leistung erfahren", sagt Kühn. Bei "Die Schauspielerin", in der Hauptrolle Corinna Harfouch, sei es so gewesen, dass der Film von den meisten Rezensenten der DDR-Presse verrissen worden war, während er in den USA von Glen Erikson als "starke Liebesgeschichte zwischen romantischen Schauspielern" beurteilt wurde. Der Film beeindrucke durch eine dynamische Hauptdarstellerin, die bereit sei, ihr Leben für ihre Wünsche einzusetzen. "Meryl Streep hätte gern diese Rolle gespielt", so Erikson. Immerhin war Harfouch auf dem Filmfestival Karlovy Vary mit dem Grand Prix als beste Darstellerin geehrt worden. Der Film über eine arische Frau, die in der Zeit des Nationalsozialismus ihre Karriere aufgibt und aus Liebe ans Jüdische Theater wechselt, beeindruckte in den USA.

"Wie die Szene in einem außerirdischen Film schien mir dann der Besuch im atombombensicheren Bunker, in dem 400 Kopien der Defa lagern", erzählt Kühn. ",Heute sterben immer nur die anderen‘ ist einer meiner drei Filme, die sich dort befinden." Er behandelt das Thema Sterbehilfe. "Er ist 1989 entstanden und wurde bis heute, außer bei einer Premiere, nicht aufgeführt. Hinter den meterdicken Wänden des Bunkers ist er vor dem Publikum sicher und wird wohl so bald seine Aufführung nicht erleben", stellt er fest. Besonders beeindruckt zeigt er sich vom jüdischen Besucherzentrum, das Aaron Lansky als 24-jähriger Student 1980 gegründet hat. Jüdische Literatur aus aller Welt ist dort zusammengetragen worden, um sie vorm Verlust zu retten. 2009 seien 11 000 digitalisierte Titel kostenlos ins Internet gestellt und so allgemein zugänglich gemacht worden, informiert das Yiddish Book Center.

Fest zum Thema Zivilcourage

Dieses Ereignis jüdischer Thematik ist für Siegfried Kühn eine Brücke nach Calau, dem Geburtsort des großen Ufa-Schauspielers Joachim Gottschalk, der mit seiner jüdischen Frau und seinem Sohn Michael von den Nazis 1941 in den Tod getrieben wurde. "Gottschalk wird noch immer viel zu wenig gewürdigt, deshalb plant der Kulturverein Groß Jehser gemeinsam mit der Stadt Calau im kommenden Jahr ein musikalisches Fest, das dem Thema Zivilcourage gewidmet sein soll", kündigt Kühn an. "Diese Erfahrung ist für uns Regisseure eine Art von Rehabilitierung unserer in der DDR verfemten Filme."

Zum Thema:
Siegfried Kühn besuchte in Amherst (Massachusetts) die University mit dem Sitz der Defa-Library, den Archiv-Bunker, die Jüdische Bibliothek und das öffentliche Kino. Die Reise führte ihn dann nach Rochester (New York) zur Eastman School of Music und zur University of Rochester. Weitere Stationen waren die University Hartford und die Bibliothek in New Haven (Connecticut) sowie das Goethe-Institut in Boston (Massachusetts).

In der jüdischen Bibliothek führte Siegfried Kühn ein Gespräch mit Skyler Arndt-Briggs von der Defa-Library Amherst.
In der jüdischen Bibliothek führte Siegfried Kühn ein Gespräch mit Skyler Arndt-Briggs von der Defa-Library Amherst. FOTO: Nadine Fuhrhop