ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:06 Uhr

Samstags einen Blumenstrauß

Forst.. S-C-H. Diese drei Buchstaben verbargen ein Geheimnis. Bis gestern haben sich Christa und Hans-Joachim Schulz Gedanken darüber gemacht, welcher Ort oder welche Gegend damit gemeint sein könnten. Jetzt werden sie es wissen: Ihre Kinder haben sie zur heutigen Goldenen Hochzeit zu einer Reise bis morgen nach „Sch....“ eingeladen. Von Hannelore Grogorick

„Früher sind wir so gern verreist. Jetzt kann meine Frau wegen der künstlichen Gelenke in Knie und Hüfte schlecht laufen“ , sagt Hans-Joachim Schulz. „Da freuen wir uns auf die kurze Reise ganz besonders. Gerade zu einem solchen Anlass soll die ganze Familie vereint sein. Gefeiert wird mit Freunden und Bekannten nächste Woche.“
Vermutlich ist dann der Kreis der Gratulanten sehr groß. Das Ehepaar ist in Forst ein Urgestein. Hans-Joachim Schulz wurde 1932 in Leuthen bei Lubsko (damals Sommerfeld) auf der anderen Seite der Neiße geboren. Ein Jahr später zog die Familie nach Forst - allerdings auch auf die östliche Seite, in den Stadtteil Berge. In den Endkriegswirren 1945 flüchtet die Familie bis Bitterfeld. Als sie zurück kam, lagen Berge und ihr gesamtes Hab und Gut in Schutt und Asche. Im Juni wurde die deutsch-polnische Grenze durch das damalige Forst gezogen. „Plötzlich war meine Heimat unerreichbar“ , sagt Schulz.
Dieses einschneidende Erlebnis beschäftigt ihn bis heute. Noch immer unternimmt er Erhebliches, um die Erinnerungen an jene alten Forster Stadtteile wach zu halten. Hans-Joachim Schulz ist nicht nur in Forst als sehr aktiver Heimatgeschichtler bekannt. 1989 bekam er von der Stadtverwaltung Lubsko die Ehrenbürgermedaille.
Auch Ehefrau Christa ist ein typisch Forster Kind. Sie ist eine der Dubraus, die in der Fruchtstraße ein Fahrradgeschäft und einen Schlosse reibetrieb hatten.
Kennen gelernt haben sie sich 1951 in Noßdorf. Wie die anderen Jugendlichen, zog es sie an jedem Wochenende in die Gaststätte Harnasch, wo die Kapelle „Unisono“ spielte. „Christa gefiel mir auf Anhieb. Aber ich hatte sie eigentlich nur für vier Wochen ins Auge gefasst. Es sollte nur eine Ferienfreundschaft werden“ , kramt Hans-Joachim Schulz in den Erinnerungen. Grund dafür war, dass er kurz zuvor sein Lehrerstudium begonnen hatte. Er wollte am Lehrerbildungsinstitut in Frankfurt/Oder seine berufliche Zukunft begründen. Das Paar ließ sich trotzdem nicht aus den Augen. Zwei Jahre später hatten sie den heimlichen Entschluss gefasst, zu heiraten. Heimlich, weil kurz zuvor Christas Vater gestorben war und sie sich noch im Trauerjahr befand. Andererseits sollte Hans-Joachim bald eine Lehrerstelle bekommen. Und beide wollten in Forst bleiben. Nur mit einer Heirat war das möglich.
So packte sie ein dunkelblaues Kleid ein und beide fuhren mit einem befreundeten Paar nach Rheinsberg. Wie Claire und Woelfchen im „Schloss Rheinsberg“ von Tucholsky wählten sie sich eine romantische Kulisse für ihren wichtigen Schritt ins gemeinsame Leben. Die Freunde waren die Trauzeugen. „Manchmal haben wir es ja ein wenig bereut, dass uns eine große Feier nicht vergönnt war“ , sagt Hans-Joachim Schulz. Trotzdem haben sie das Beste aus ihrer Ehe machen können. Er war in der Forster Volksbildung ein wichtiger Mann, war Schulleiter in Briesnig, Klinge und Groß Bademeusel, ging 1965 zur Abteilung Volksbildung beim Rat des Kreises und war 25 Jahre bis zur Wende Referent für Außerunterrichtliche Tätigkeit der Schüler im Kreis Forst. Bis zum Ruhestand arbeitete er im Staatlichen Schulamt.
Derweil besuchte Christa - 1934 geboren - die Handelsschule in Forst, lernte Fachverkäuferin und war ab 1952 in der Kreisverwaltung Forst im Lohnbüro tätig. Bald leitete sie die Zentrale Gehaltsstelle der Kreisverwaltung. Ihre Gesundheit spielte dann nicht mehr so mit, wie sie wollte. Seitdem widmet sie sich vor allem ihren Enkeln. Die beiden Söhne sind „gut gelungen“ . Vor allem: Sie blieben in der Gegend. Klaus-Peter ist Hausmeister in der Förderschule Groß Schacksdorf, Frank-Michael leitet das Medienzentrum der Kreisverwaltung in Forst. Eine Schwiegertochter ist Lehrerin in der Realschule Forst, die andere Sekretärin des Geschäftsführers im Krankenhaus. Vier Enkel und ein Urenkel komplettieren die Familie.
Das Rezept ihrer Ehe„ Jeden Samstag erhält Frau Schulz einen Strauß Blumen von ihrem Mann. An einen ernsten Krach können sich beide nicht erinnern. Vielleicht auch, weil Christa Schulz bei ihrem Lehrergatten nicht überschwänglich zu Wort kommt. Sie ist trotzdem glücklich: „Im vorigen Jahr hat er an seinem 70. Geburtstag vor allen Leuten gesagt, er würde mich immer wieder heiraten. Gibt es ein schöneres Kompliment““