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| 02:39 Uhr

Puppen erwecken Dorfgeschichte zum Leben

Anfassen erwünscht: Fünftklässler der Grundschule Nordstadt erkunden die Ausstellung über früheres dörfliches Leben um Forst.
Anfassen erwünscht: Fünftklässler der Grundschule Nordstadt erkunden die Ausstellung über früheres dörfliches Leben um Forst. FOTO: A. Lehmann
Forst. Bauernfrühstück auf dem Feld und ein Nachttopf unterm Bett. Mit der Ausstellung "Bauernwirtschaft – Dörfliches Leben in früherer Zeit" präsentiert das Brandenburgische Textilmuseum regionale Geschichte zum Anfassen. Anja M. Lehmann

Dass sie jemals Eingang in ein Museum finden würde, hätte sich die 90-jährige Eva Gericke als junges Mädchen sicher nicht vorstellen können. In den 1920er-Jahren turnte sie mit langen, blonden Zöpfen und Keulen in den Händen rhythmisch auf der Sportanlage in Noßdorf. Sport- und Arbeitsgeräte aus jener Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg können derzeit, zusammen mit vielen weiteren Stücken aus dem persönlichen Fundus engagierter Noßdorfer, Keuner und Euloer Bürger, in der Sonderausstellung "Bauernwirtschaft - Dörfliches Leben in früherer Zeit" des Brandenburgischen Textilmuseums Forst in Augenschein genommen werden.

Mehr als Tausend Besucher haben die Ausstellung seit ihrer Eröffnung im vergangenen November besichtigt, darunter viele interessierte Schulklassen.

"Die Ausstellung wurde gut angenommen", zeigt sich die Leiterin des Museums, Michaela Zuber, zufrieden. "Das Anliegen der Ausstellung, den Leuten in der Stadt das damalige dörfliche Leben um Forst näher zu bringen, ist erreicht worden", so Zuber weiter.

Das Leben der Bürger aus dem Forster Umland mit den in den 1940er-Jahren eingemeindeten Dörfern Eulo, Noßdorf und Keune wird anhand alter Dokumente, Fotografien und historischer Gegenstände wie Kleidung, Mobiliar und Werkzeug präsentiert. Waschbrett und Butterfass laden nicht nur Kinder zum Ausprobieren und Nachfragen ein. "Da steht ein Nachttopf unterm Bett", raunt ein Fünftklässler der Grundschule Nordstadt während einer Führung durch den Leiter der Noßdorfer Heimatstube, Günter Andreck, seiner Lehrerin zu.

Herzstück der Ausstellung sind 64 von Andreck ausstaffierte Puppen, die alle Noßdorfer Originale darstellen - vom Imker über die Friseurin bis hin zum Schuhmacher Dockter. Ausgangspunkt für die Berufung zum Puppenbauer war ein Besuch Andrecks in der alten Noßdorfer Mühle, deren Funktionsweise er der Klasse an einem Holzmodell erläutert.

Als erste Gruppe zur Veranschaulichung des dörflichen Lebens gestaltete er die Müllerfamilie. In vier Jahren sammelte der geschichtsbegeisterte Andreck alle Stücke für die Ausstellung und sprach mit alteingesessenen Noßdorfer Bürgern. "Vor allem die älteren Leute waren anfangs misstrauisch", blickt er auf seine ehrenamtliche Arbeit zurück. Mittlerweile ist die Puppenfamilie auf 96 Mitglieder angewachsen. Der Kern der Ausstellung soll nach Plänen der Heimatstube in den ehemaligen Rewe-Markt einziehen und dort den Besuchern weiterhin zum Bestaunen erhalten bleiben.

In verschiedenen Zimmern wird der Alltag der einfachen Leute gezeigt. In der Mitte des Raumes steht Turnerin Eva neben anderen Sportlern. An den Wänden informieren Tafeln über markante Gebäude und Plätze der Dörfer Eulo und Keune, wie sie in den Vierzigern aussahen und was sich heute dort befindet, aufgelockert durch Zitate und Erinnerungen der Dorfbewohner. Auch in Noßdorf hat sich einiges verändert. So ist die ehemalige Sportanlage, auf der die Turner des Vereins "Gut Heil" vor siebzig Jahren wöchentlich übten, heute mit Einfamilienhäusern bebaut - die ehemalige Sporthalle ist eine Gaststätte. Die Exponate erzählen Geschichte. Daher ermuntern die Initiatoren der Ausstellung auf einer Tafel am Eingang die Besucher "alte Dokumente nicht wegzuwerfen, sondern an junge Generationen weiterzugeben".

Den Schülern gefallen die Alltagsszenen. "Die Bauern finde ich toll", so Markus Schulze. Doch einen Tag in jener Zeit zu verbringen, kann er sich nicht vorstellen: "Das war doch sehr anstrengend, die viele Arbeit."

Die Ausstellung im Textilmuseum hat bis zum 13. Januar, Dienstag bis Donnerstag 10 bis 17 Uhr und Freitag bis Sonntag von 14 bis 17 Uhr geöffnet.