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| 01:25 Uhr

Nur Kopfsteinpflaster erinnert an Lebensader von Berge

Am Ende der Pförtener Straße, Ecke Ostmarkstraße, stand ein Block mit 55 Wohnungen, den die Genossenschaft Wohnungsbau (Gewoba) im Jahr 1927 errichtet hatte.
Am Ende der Pförtener Straße, Ecke Ostmarkstraße, stand ein Block mit 55 Wohnungen, den die Genossenschaft Wohnungsbau (Gewoba) im Jahr 1927 errichtet hatte. FOTO: Sammlung: Hans-Joachim Schulz
Forst.. Vor 111 Jahren ist das große Dorf Berge als neuer Stadtteil von Forst eingemeindet worden. Der Stadtteil erlebte besonders nach dem Ersten Weltkrieg einen rasanten Aufschwung und wurde im Jahr 1945 während des Zweiten Weltkriegs zerstört. Hans-Joachim Schulz

Nach Kriegsende wurde Berge fast völlig abgerissen. Heute hat der ehemalige Stadtteil, das heutige polnische Zasieki, nur mehrere hundert Einwohner.
Die wichtigste Verkehrsader im ehemaligen Stadtteil Berge die Pförtener Straße. Sie führte von der alten Langen Brücke in Richtung Pförten. Die Straße besaß schon vor der Eingemeindung eine Entwässerung, war in der Straßenmitte gepflastert und hatte zu beiden Seiten der befestigten Fahrbahn meterbreite unbefestigte Randstreifen.
In den 1920er-Jahren wurde das Bergsche Neißeufer neu gestaltet. Die Pförtener Straße wurde Ausfallstraße in den Kreis Sorau und nach Schlesien. Die in Höhe des Sportplatzgeländes der Turnerschaft Berge am Ende der Pförtener Straße vorhandenen Straßengräben mit hohen Akazienbäumen auf beiden Seiten wurden beseitigt, um die Straße verbreitern zu können.
Sie wurde nun über die gesamte Breite mit kleinen, qua dratischen Kopfsteinen aus Granit gepflastert - so wie sie heute noch vorzufinden sind. Vom Rathenauplatz bis zum Straßenende am Sportplatz der Turnerschaft Berge entstanden beiderseitig asphaltierte Radwege. Zwischen den Radwegen und dem Bürgersteig wurden junge Lindenbäume angepflanzt, von denen noch heute ein großer Teil steht.
Schnurgerade verlief vom Rathenauplatz an der Langen Brücke die neue Geschäftsstraße, die 1200 Meter lange Pförtener Straße, durch Berge, die in die Chaussee nach Marienhain (heute Marianka), Pförten (heute Brody) und Sommerfeld (heute Lubsko) überging.

Große Geschäftsstraße
In der Pförtener Straße standen bis zum Krieg insgesamt 86 Wohn- und Geschäftshäuser, darunter das Kino „Schauburg“ , eine Zweigstelle der Stadtsparkasse, die Sonnen-Apotheke, die Molkerei Krautwald, eine Filiale der Kohlenhandlung Orschel, das Baugeschäft Zuchan, die Tuchfabrikations-Firma Malade und Co. und die Fabrikationsräume der Tuchherstellung von Walter Wiesener. Daneben gab es etliche Einzelhandelsgeschäfte, Reparaturwerkstätten, Restaurants und Gaststätten wie der Gasthof „Zum Deutschen Reich“ , das Gasthaus „Zum grünen Wald“ , Gast- und Ballhaus C. Nopper und die Gaststätte „Zur goldenen Sonne“ .
Von der Langen Brücke aus zweigten auf der linken Seite die Richtstraße, Kleine Lessingstraße, Steinstraße, Commandantenstraße, Kleiner Weg, Friedenstraße und am Straßenende die Grenzstraße - die nach 1933 in Ostmarkstraße umbenannt worden war - ab. Auf der rechten Seite waren es die Goethestraße, Kleine Pförtener Straße, Lange Straße, Steinstraße, Commandantenstraße und Ostmarkstraße.

Abzweigungen erneut genutzt
Als vor einigen Jahren in der ehemaligen Pförtener Straße neue, befestigte Radwege gebaut wurden, wurden auch die Abzweigungen von einigen Seitenstraßen wieder eingebaut, zum Beispiel die der ehemaligen Stein- und Commandantenstraße.
Im Jahr 1927 richtete die Stadtverwaltung die ersten zwei städtischen Autobuslinien ein, von denen eine vom Bahnhof über den Markt in die Pförtener Straße nach Berge führte. So fuhr der Stadtautobus dieser Linie im Jahr 1938 wochentags in der Zeit zwischen 5.46 Uhr und 0.44 Uhr 24 Mal durch die Pförtener Straße. 1923 eröffnete die Deutsche Post mit eigenen Autobussen einen regelmäßigen Personenverkehr durch die Pförtener Straße nach Pförten.
Als sich die Front im Februar 1945 der Neiße näherte, wurde Berge für acht Wochen Hauptkampflinie und umkämpfter Brückenkopf. Durch den täglichen gegenseitigen Beschuss wurden viele Wohn- und Geschäftshäuser im Zentrum von Berge, insbesondere in der Pförtener und Langen Straße, zerstört.
In den Jahren 1945 bis 1952 folgte der Abriss. Nur 38 Häuser am ehemaligen Stadtrand südlich der Eisenbahnstrecke Forst-Tuplice (Teuplitz) blieben stehen. Vom Stadtviertel blieben nur die gepflasterten Straßen. Unbefestigte Straßen und Wege sind heute zugewachsen.
Inzwischen sind ein Kreisverkehr und befestigte Radwege in der ehemaligen Pförtener Straße entstanden. Auch mit Tankstellen zwischen der ehemaligen Stein- und Commandantenstraße und in der Nähe des Gutes Berge, einem Markt, einem Restaurant und einer Apotheke samt Zahnarztpraxis soll das Geschäftstreiben im ehemaligen Forster Stadtteil wieder stärker aufleben.