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Spree-Neiße
Musik ist nicht mehr selbstverständlich

Die Groß Schacksdorfer sind stolz auf ihre neue Zamperkapelle.
Die Groß Schacksdorfer sind stolz auf ihre neue Zamperkapelle. FOTO: Angela Hanschke
Spree-Neiße. Es gibt immer weniger Fastnachtskapellen – und deshalb werden die verbleibenden Musikgruppen heftig umworben.

Seit Jahrzehnten endeten im Amt Döbern-Land die Zamperumzüge mit der Groß Kölziger Männerfastnacht am ersten Märzwochenende. Als ungeschriebene Regel galt:  Nach dem Aschermittwoch ist Fastnachtsschluss. Sebastian Kuhlee, in dessen Händen die Organisation der Groß Kölziger Tradition  liegt, erklärt jedoch: „In diesem Jahr sind wir nicht die Letzten! Unsere Kapelle – „Die Original Neißetaler Lausbuben“ aus Bad Muskau – haben wir jedoch bereits ein Jahr zuvor gebucht.“ In diesem Jahr heischen Zamperer in der Niederlausitz auch noch am 10. März Geld und Naturalien ein. Zu den Schlusslichtern gehören Graustein, Bagenz und Ressen bei Neupetershain.  Ursache ist eine  „Ruhestandswelle“ bei den Kapellen. Doch nicht nur die ungewöhnlich lange Zampersaison, sondern auch die wachsende Zahl der Grundstücke und damit verbunden die Dauer der Einsätze zehren an den Kräften der Musiker, berichtet Jens Nuglisch aus Oelsnig bei Drebkau, der in der Kapelle das Tenorhorn bläst.

Am 3. März sind in Gahry die Frauen und in Klein Kölzig die Männer unterwegs. Wegen der rar gewordenen Fastnachtskapellen weichen die Gahryer schon seit mehreren Jahren vom traditionellen Fastnachtstermin in der ersten Februarhälfte ab. Die Klein Kölziger haben einen guten Draht zu ihren langjährigen musikalischen Begleitern. Im Ort lebt Lutz Bokaß, der seit seinem 16. Lebensjahr zur Fastnachtszeit Trompete, Schlagzeug oder Tenorhorn spielt. „Der Älteste in unserer Kapelle hat das Rentenalter erreicht. Ich bin der Zweitjüngste. Vor zwei Jahren haben wir alle unser Pen-
sum um die Hälfte reduziert“, sagt der 55-Jährige. „Zur Zamperzeit bilden wir drei Zamperkapellen aus unserem seit rund 50 Jahren bestehenden Grausteiner Blasorchester ,Lustige Musikanten’“, erklärt dessen Leiter Norbert Heinze. Der erste Einsatz der Musiker war ungewöhnlich zeitig am 6. Januar in Dubrau.

Auch in Groß Schacksdorf hat das „Kapellensterben“ den einst festen Fastnachtstermin verändert. Seit Generationen zogen die Zampernickel dort am ersten Wochenende im Februar durch die Straßen. Doch die „alten Musikerkameraden“ haben sich zur Ruhe gesetzt. Frank Sprechert, Träger der Hauptkasse, sagt: „Wir sind stolz, dass wir in diesem Jahr eine neue, gute Kapelle buchen konnten.“ Zufällig war ein Januartermin frei, und der Traditionsverein griff zu.

Die Neuen  rekrutieren sich aus der gesamten Region, sowohl aus dem Posaunenchor Bohsdorf als auch aus Hornow und Spremberg. Der Trompeter Martin Wonneberger lebt in Türkendorf. Sven Hoffmann, der die Pauke schlägt, reiste ebenso wie Dorothea Schulze (Tenorhorn) aus Kahren an.  „Unser Durchschnittsalter liegt bei 40 Jahren“, schätzt Thorsten Wittig aus Spremberg-Cantdorf, Hornist und „Boss“ der Kapelle, ein. Damit zähle diese zu den „jungen“ Formationen.

Aber auch die Ausbildung des künftigen Musikernachwuchses ist  ein Problem. Alle derzeitigen Musiker aus der Region Cottbus würden noch aus dem Pool derjenigen stammen, die zu DDR-Zeiten in der Schule ein Blasinstrument erlernten, sagen die Kapellenmitglieder. Wie Eberhard Bratke aus Spremberg, der das Tenorhorn bläst. „Wir lernten das Musizieren bei  Ursula Stechow aus Hornow, die dort den Kirchenchor leitete. Das war vor einem halben Jahrhundert.“ Die 33-jährige Dorothea Schulze ist Jüngste in der Runde. Sie besuchte eine Musikschule. Was heutzutage die Eltern auf dem Land oft zu Lösungen zwingt, die nicht alle leisten können. „Wenn man  heute den Kindern eine gute musikalische Ausbildung ermöglichen will, muss man sie ständig zum Unterricht fahren“, weist Ilona Senft­leben aus Groß Schacksdorf auf ein weiteres Problem hin.

Und wer in einer Fastnachtskapelle spielt, der ist nahezu an jedem Wochenende unterwegs in den Dörfern. Da bleibt kein freier Tag.  „Was sagen denn eure Frauen dazu?“, erkundigt sich eine Anwohnerin. Da gebe es keine, war die Antwort. Ein Groß Schacksdorfer prophezeit düster: „Das mit den Kapellen nimmt noch ein schlimmes Ende!“

Im Forster Stadtteil Sacro haben sich die Mitglieder des Männergesangvereins mit der Dorfjugend zusammengetan. Seit rund drei Jahrzehnten sorgen sie mit Gesang, Akkordeon und dem traditionellen Stauchbass selbst für Musik. Und die Zamperer aus Krauschwitz ziehen inzwischen mit einem Discowagen durch den Ort.