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| 18:29 Uhr

100 Jahre Bauhaus
Eine Führung zum Modernen Bauen in Forst

 Vor der Jerusalem-Siedlung beginnt die Führung. Stadtarchivar Jan Klußmann (vorn, m. Hemd) gibt einen ersten Überblick.
Vor der Jerusalem-Siedlung beginnt die Führung. Stadtarchivar Jan Klußmann (vorn, m. Hemd) gibt einen ersten Überblick. FOTO: LR / Katrin Kunipatz
Forst. Das Bauhaus hat auch in Forst Spuren hinterlassen. Anlässlich des 100-jährigen Gründungsjubiläums der Kunst- und Architekturschule lud die Brandenburgische Architektenkammer zum Rundgang durch die Rosenstadt ein. Eine Bausatzkirche, der Friedhof und die Ringstraße waren einige der Stationen. Von Katrin Kunipatz

Das städtische Gymnasium ist ein Paradebeispiel für die neue Art zu bauen, wie sie in den 20er Jahren in Forst praktiziert wurde. Der Cottbuser Architekt Fred Wanta, der gemeinsam mit Kathrin Czerwenka-Zimmermann aus Cottbus und Marie-Luise Obst aus Spremberg die knapp fünfstündige Tour leitete, weist auf das sehr reduzierte Dekor an der Fassade hin. Die Form des in drei Flügel unterteilten Baukörpers folgt ganz allein der Funktion. Regelmäßig wurden im Ost- und Mittelflügel die Klassenräume über- und nebeneinander „gestapelt“. Der Westflügel fällt heraus. Hier gibt es nur zwei große Räume: den Turnsaal im Souterrain und die darüber liegende Aula. Vor 90 Jahren, als die Schule errichtet wurde, seien die weit spannenden Decken neuartig und modern gewesen, so Wanta. Das Gebäude wirkt kraftvoll und elegant zu gleich.

Entworfen hat es Architekt Rudolf Kühn, der von 1920 bis 1934 Stadtbaurat in Forst war und das Gesicht der stark wachsenden Stadt prägte. Unterstützung bekam er von seinem Kollegen Karl Dassel aus Finsterwalde. Wie Wanta berichtet, arbeitete Kühn bei vielen seiner Projekte mit bildenden Künstlern zusammen. Im Fall des Schulneubaus war es der sächsische Bildhauer Johannes Ernst Born. Dessen Arbeiten zieren die Aula. Zusammen mit den von Alfred Boese gestalteten Außenanlagen seien ästhetisch und künstlerisch gestaltete Räume für die wachsende Zahl der Schüler in Forst geschaffen worden.

 In der Aula des Gymnasiums fachsimpeln Architekten und Experten, wie die tragenden Elemente und die Verzierungen darauf hergestellt wurden.
In der Aula des Gymnasiums fachsimpeln Architekten und Experten, wie die tragenden Elemente und die Verzierungen darauf hergestellt wurden. FOTO: LR / Katrin Kunipatz

Dabei ist die Schule nur eins von vielen Gebäuden, die in den 20er Jahren entstanden. Marie-Luise Obst nennt die Gründe für den Bauboom dieser Zeit: Die Textilindustrie bescherte Forst Steuereinnahmen, die pro Einwohner über denen Hamburgs lagen. Menschen strebten in die Stadt an der Neiße, um in den vielen Fabriken zu arbeiten. Sie brauchten Wohnraum. Doch der Platz in der Stadt war begrenzt und die Luft von der Vielzahl der Fabrikschornsteine verschmutzt. Baustadtrat Kühn trennte Industrie- und Wohngebiete voneinander. So plante er östlich der Neiße einen neuen Stadtteil mit Wohn- und Verwaltungsgebäuden. Die Steine der im Krieg zerstörten Häuser ließ die polnische Regierung für den Wiederaufbau Warschaus abtransportieren.

Bis Mitte der 20er Jahre entstanden Wohnungen an der Neiße, deren Ufer dank höherer Dämme und einer entsprechenden Flussregulierung hochwassersicher war. Platz für neue Wohnungen war demnach nur am Rand der wachsenden Stadt. Die Siedlung „Eigene Scholle“ entwarf Rudolf Kühn noch selbst. 22 Häuser – jedes mit vier Kleinstwohnungen – umschließen einen großen Garten, den die Bewohner zur Selbstversorgung nutzten. Tatsächlich haben die Teilnehmer der Führung die Chance hinter die Mauer zu schauen. Die Weite der Fläche beeindruckt. Der Name Jerusalem-Siedlung sei polemisch gemeint und habe seinen Ursprung im rechten politischen Lager, so Stadtarchivar Jan Klußmann. Die spartanische Bauweise, das überragende Flachdach und die weiße Fassade sind ein Beispiel für den Stil der Neuen Sachlichkeit.

 Die an der Ringstraße und den abgehenden Straßen entstandene Siedlung galt damals als modern und bot Arbeitern kleine, aber von Licht und Luft durchflutete Wohnungen.
Die an der Ringstraße und den abgehenden Straßen entstandene Siedlung galt damals als modern und bot Arbeitern kleine, aber von Licht und Luft durchflutete Wohnungen. FOTO: LR / Katrin Kunipatz

Aber dem enormen Bedarf an Wohnraum konnte Kühn nicht allein nachkommen. Die Entwürfe für die sechs im Bogen angeordneten Gebäude an der Ringstraße und den fingerähnlich abgehenden Straßen stammen vom Berliner Architekten Willi Ludewig, der auch zum Netzwerk des Stadtbaurats Kühn gehörte. Ursprünglich sollte die Siedlung – so lassen es Pläne vermuten – in südöstlicher Richtung fortgesetzt werden. Konsequent setzte Ludewig die Prämissen des neuen Bauens der damaligen Zeit um. Es entstanden bezahlbare Wohnungen in hygienisch einwandfreier und grüner Lage, erläutert Kathrin Czerwenka-Zimmermann. „Trotz verschiedener Bauherren ergibt sich ein ähnliches Bild, dessen Ästhetik bis heute wirkt.“ Ludewig gilt als Wunderkind der Architektur. Er lernte Maurer und hatte mit 18 Jahren sein Architekturstudium abgeschlossen. Noch nicht 30 Jahre alt hatte er bereits 2300 Wohnungen in Brandenburg entworfen, die bis 1930 gebaut wurden – darunter auch die Siedlung in Forst. Entwürfe gab es für weitere 5500 Wohnungen, die alle dem Anspruch folgten, Licht und Luft in die Wohnungen zu bringen.

 Vor dem Okdagon beginnt Barbara Petri die „Friedhofs“-Führung.
Vor dem Okdagon beginnt Barbara Petri die „Friedhofs“-Führung. FOTO: LR / Katrin Kunipatz

Die Reformbewegung des Bauhauses betraf aber nicht nur Wohngebäude und Alltagsgegenstände, sie umfasste alle Lebensbereiche, so Kathrin Czerwenka-Zimmermann. Selbst die Bestattungskultur blieb davon nicht unberührt, wie Friedhofschefin Barbara Petri erläutert. Die wachsende Stadt brauchte auch auf dem Friedhof mehr Platz. Bei der Erweiterung des Zentralfriedhofs setzte Gartenbaudirektor Alfred Boese den neuen Trend hin zur Natur um. Seit 1916 gab es in Forst den Feuerbestattungsverein, der sich für ein eigenes Krematorium starkmachte. 1928 begannen die Bauarbeiten für das Krematorium. Die Trauerhalle und die Urnengänge des Kolumbariums prägen die gewaltige Anlage, die dank der spitz zulaufenden Bögen über dem Eingangsportal und den umgebenden Arkaden sehr harmonisch wirke, zitiert Petri aus einer Dissertation. Auf dem Vorplatz arbeitet Kühn mit Symbolen: Symmetrisch angeordnet standen dort zwei Trauerweiden und zwei Springbrunnen. Bei der künstlerischen Ausgestaltung griff Kühn auf die Unterstützung der Bildhauer Georg Wrba, Heinrich Wedemeyer und Johannes Ernst Born zurück. Im Zusammenhang mit dem Krematorium entstand auch das Oktagon als Soldatenehrenmal – ursprünglich für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs.

 Die Trauerhalle und die anschließenden Urnenwände des Kolumbariums zeigen enge Beziehung des Bauwerks zum Modernen Kirchenbau.
Die Trauerhalle und die anschließenden Urnenwände des Kolumbariums zeigen enge Beziehung des Bauwerks zum Modernen Kirchenbau. FOTO: LR / Katrin Kunipatz

Kühn verließ 1934 Forst, wechselte nach Breslau und arbeitete ab 1937 als freier Architekt in Berlin. Im Zweiten Weltkrieg wurde Forst stark zerstört. „Die Stadtkirche war eine Ruine“, führt Pfarrer Christoph Lange ein. Mit dem Wunsch nach einem Kirchenneubau stand Forst nicht allein. Otto Bartning, der trotz eines nie abgeschlossenen Architekturstudiums seit 1906 Kirchen entwarf, entwickelte für das Hilfswerk der evangelischen Kirchen in Deutschland den Bausatz für eine Notkirche. „Der Bauhauslehre folgend entwickelte er eine Konstruktion mit ästhetischer Wirkung“, erläutert Fred Wanta und macht damit klar, warum die 1950 errichtete Bachkirche Teil der Architekturführung ist. Der äußerlich schlichte Bau offenbart seine Eleganz erst im Kirchenschiff. Platzsparend befindet sich die Orgelempore über dem kleineren vor allem im Winter genutzten Kirchenraum. Nur die tragende Konstruktion aus Holz wurde angeliefert. Material für Mauern und Dachdeckung musste die Gemeinde selbst besorgen und einbauen. Deshalb ist jede der rund 150 Bartning-Kirchen in Deutschland anderes, zumal auch das Bausatzsystem Variationen zuließ, erläutert Marie-Luise Obst.

 Selbst die Toilettenanlage am Forster Hauptfriedhof – entworfen von Stadtbaurat Rudolf Kühn – wird als Beispiel für modernes Bauen zum Fotomotiv.
Selbst die Toilettenanlage am Forster Hauptfriedhof – entworfen von Stadtbaurat Rudolf Kühn – wird als Beispiel für modernes Bauen zum Fotomotiv. FOTO: LR / Katrin Kunipatz

Die auf das wesentliche reduzierte schlichte Bauweise der Bachkirche beeindruckt die rund 100 interessierten Zuhörer. Sie ist eine von insgesamt sieben Stationen der Führung, die die Brandenburgische Architektenkammer veranstaltete. Die Zeit reichte jedoch nicht, um alle Bauwerke des Modernen Bauens zu besichtigen. Nur benennen konnte Stadtarchivar Jan Klußmann das Haus der Tuchmacher – heute die Kreismusikschule – das alte Rathaus oder die Volksküche mit dem Säuglingswohnheim an der Biebersteinstraße. Dafür hätte es wohl weitere drei Stunden gebraucht und für noch mehr Verwunderung bei den Einheimischen gesorgt. Schon so erkundigten sich immer wieder Passanten, warum am Sonnabend so viele Menschen in Forst unterwegs seien und einen Rundgang entlang der Ringstraße unternahmen.

 Die Bachkirche – errichtet 1950 aus von Otto Bartning entworfenen Selbstbausatz – beeindruckt vor allem im Inneren.
Die Bachkirche – errichtet 1950 aus von Otto Bartning entworfenen Selbstbausatz – beeindruckt vor allem im Inneren. FOTO: LR / Katrin Kunipatz

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