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| 18:18 Uhr

Missbrauchsprozess zu Fall in Groß Schacksdorf
Sie musste in die Couch kriechen

In diesem Mehrfamilienhaus in der Groß Schacksdorfer Waldsiedlung (Spree-Neiße) soll ein Mädchen fast sechs Monate lang versteckt und sexuell missbraucht worden sein.
In diesem Mehrfamilienhaus in der Groß Schacksdorfer Waldsiedlung (Spree-Neiße) soll ein Mädchen fast sechs Monate lang versteckt und sexuell missbraucht worden sein. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau
Cottbus/Groß Schacksdorf-Simmersdorf. In Cottbus stehen ab 11. Dezember 2018 ein Mann und eine Frau vor dem Landgericht. Ihnen wird vorgeworfen, die minderjährige Tochter der Frau in einer Wohnung im Landkreis Spree-Neiße versteckt und über Monate sexuell missbraucht zu haben. Von Oliver Haustein-Teßmer

Immer wenn es Kontrollen gab, durch die Polizei zum Beispiel, musste das Mädchen sich in die Schlafcouch zwängen. Damit die Mutter und deren Freund nicht auffliegen. So sollen eine heute 52-Jährige und ihr damaliger Lebensgefährte, heute 47 Jahre alt, die Tochter der Frau versteckt gehalten haben.

Das Versteck in der Couch befand sich in einer Wohnung in der Waldsiedlung nahe Groß Schacksdorf (Spree-Neiße). Dort, so lautet der Vorwurf in der Klageschrift weiter, sollen die eigene Mutter und der Mann das anfangs noch zwölfjährige Mädchen über Monate hinweg sexuell missbraucht haben.

Währenddessen suchte die Polizei nach dem Kind. Denn das Mädchen galt seit dem 5. Oktober 2017 als vermisst. Es war nach einem Arztbesuch nicht mehr in die Kindereinrichtung nach Cottbus zurückgekehrt, in der es bis dahin und bereits seit 2015 untergebracht war. Da durfte die Mutter schon nicht mehr darüber bestimmen, wo ihre Tochter sich aufhält, heißt es beim Landgericht Cottbus.

Polizei suchte mit Plakaten nach dem vermissten Mädchen

Es gab einen Zeugenaufruf, mithilfe von Plakaten suchte die Polizei das Mädchen. Die Mutter und deren Freund spielten laut Anklage ein böses Spiel. Sie logen demnach, wenn sie nach dem Aufenthaltsort des Kindes gefragt wurden: Sie würden nicht wissen, wo sich das Mädchen aufhält.

Dabei war es die ganze Zeit in ihrer Nähe. Eine Nähe, die das Kind zur Geschädigten sowie die Mutter und deren damaligen Freund zu mutmaßlichen Straftätern werden lässt. „Es geht um vielfachen sexuellen Missbrauch“, sagt Frank Merker, Sprecher des Landgerichts Cottbus. Details nennt der Vorsitzende Richter nicht. Es handele sich um eine Jugendschutzsache.

Die Ermittlungen hätten ergeben, dass es bereits vor dem angeblichen Verschwinden des Mädchens Anfang Oktober vergangenen Jahres mindestens einen Fall sexuellen Missbrauchs gegeben haben soll. Deswegen gibt das Gericht den Zeitraum der vorgeworfenen Taten mit Mai 2017 bis März dieses Jahres an.

13-Jährige ist als Zeugin im Missbrauchsprozess geladen

Das Mädchen ist jetzt 13 Jahre alt. An diesem Dienstag beginnt der Prozess gegen ihre mutmaßlichen Peiniger. Das Kind ist als Zeugin geladen. Ihrer 52-jährigen Mutter wird außerdem die Entziehung einer Minderjährigen vorgeworfen (siehe Infobox). So nennen es Juristen, wenn ein Kind den Erziehungsberechtigten, in diesem Fall das zuständige Jugendamt, weggenommen wurde. Das ist eine Straftat und bedeutet: Die Angeklagten sollen das Kind entführt und eingesperrt haben.

Was sich in diesen fünfeinhalb Monaten zutrug, ist vor Beginn der Hauptverhandlung schwer zu ermessen. Die Schöffen des Gerichts sollen davon erst durch die Befragung von Zeugen erfahren, damit sie sich möglichst unbeeinflusst ein Bild machen können. Die Mutter hat zwar ein Teilgeständnis abgelegt. Im Gespräch mit der Bild-Zeitung im April 2018 sprach die nun Angeklagte jedoch davon, dass sie, ihr Freund und die Tochter zu dritt „Sex gehabt“ hätten. Die Zeitung zitierte die 52-Jährige mit dem Satz: „Meine Tochter wollte das.“ Dabei gelten sexuelle Handlungen an unter 14-Jährigen immer als Straftat. Das ist in Deutschland Gesetz.

Bei Verurteilung droht den Angeklagten mehrjährige Haft

Die beiden Cottbuser Verteidiger der Beschuldigten wollten vor Prozessbeginn keine Stellungnahmen abgeben. Die angeklagte Frau befindet sich nach einigen Wochen in Untersuchungshaft bereits seit April auf freiem Fuß. Der angeklagte Mann sitzt in U-Haft. Beiden droht bei einer Verurteilung eine mehrjährige Haftstrafe.

Das Mädchen, das Polizisten schließlich am 18. März dieses Jahres aus der Wohnung in Groß Schacksdorf befreiten, lebt wieder in einer Einrichtung für Kinder. Die 13-Jährige soll kommende Woche vor Gericht aussagen.