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| 15:54 Uhr

Forst
Bluesmessenpfarrer gesteht: „Ich war Fan von Bill Haley“

Rainer Eppelmann und Manituchef Frank Pfitzmann Foto: Margit Jahn
Rainer Eppelmann und Manituchef Frank Pfitzmann Foto: Margit Jahn FOTO: Margit Jahn
Forst. Zur zweiten Bluesmesse erzählte Jugendpfarrer Rainer Eppelmann in Forst, wie er zur Kirche und schließlich zur Bluesmesse kam. Von Margit Jahn

Zur zweiten Bluesmesse hat sich Frank Pfitzmann einen kleinen Traum erfüllt. Stolz kündigte er an, dass er den ehemaligen Jugendpfarrer und späteren Abrüstungsminister Rainer Eppelmann für ein Live-Interview im Manitu gewinnen konnte. Gemütlich machten es sich die beiden Gesprächspartner am Freitagabend auf der Bühne unter der Stehtischlampe und in alten Sesseln sitzend. Pfitzmann war zu Eppelmanns aktiver Zeit als Jugendpfarrer noch zu jung, um selbst dabei gewesen zu sein. Aus persönlichem Interesse hatte er sich mit dessen Biografie befasst und für den Abend eine lange Gesprächsrunde vorbereitet. Das er am Ende der eingeplanten Stunde noch die Hälfte der Fragen übrig hatte, imponierte dem ehemaligen Pfarrer, der zwischendurch sagte: „Einmal Pfarrer, immer Pfarrer“. Er zollte Frank Pfitzmann großen Respekt für dessen Vorbereitung.

Rainer Eppelmann erzählte vom persönlichen Werdegang in der DDR. Weil er damals konfirmiert wurde, war ihm der Weg zum Abi­tur versperrt. Gewitzt sagte er dem Publikum: „Ich hoffe, es fällt nicht auf. Ich habe es bis heute nicht“. Sein Wunsch Architekt zu werden, scheiterte daran. Bis zum August 1961 ist er in Berlin West zur Schule gegangen. Sein Vater habe im Westen gearbeitet, weil er dort mehr verdiente als im Osten, so Eppelmann. Es folgte die Lehrstelle als Maurer. Weil er auch als Bausoldat absoluten Gehorsam verweigerte, saß er acht Monate im Knast in Ueckermünde.

„Wie kommt man dann auf Theologie,“ fragte Pfitzmann. „Es fehlte an Nachwuchs an Pfarrern und Pastoren in der DDR“, antwortete Eppelmann. So seien Pfarrer aus Westdeutschland in den Osten geschickt worden, unter der Bedingung Bürger der DDR zu werden. „Nach dem 13. August kam keiner mehr“, so Eppelmann. Die Kirche habe dann etwas sehr Vernünftiges getan: Sie ließ Schüler mit der mittleren Reife – der Fachschulreife – zum Theologiestudium zu. So wurde Eppelmann für zwei Monate Hilfsprediger und ab 1979 offizieller Pfarrer der Samariter-Kirchengemeinde in Berlin-Friedrichshain. Zum Entstehen der Bluesmessen will Pfitzmann wissen: „Hatten Sie etwas mit dieser Musik am Hut?“ Eppelmann gesteht: „Nee! Auch wenn ich jetzt ausgepfiffen werden, ich war eher Fan von Bill Haley.“ Irgendwann kam Günther „Holly“ Holwas in sein Leben. Der fragte, ob er ein Benefizkonzert mit Bluesmusik öffentlich in seiner Kirche spielen könne. Der Ankündigung Holwas’: „Wenn ich Musik mache, mache ich Ihre Kirche voll“, konnte der Jugendpfarrer nicht widerstehen. Geplant wurde ein Gottesdienst als Mischung aus Predigt, Musik und Aktionstheater. Etwas entsetzt musste Eppelmann aber am Tag der Veranstaltung feststellen, alle sahen aus wie Holly. Die Besucher kamen mit Rotweinflaschen in der Hand, standen herum, unterhielten sich und rauchten in der Kirche. Es war der Beginn der legendären Bluesmessen, die in den folgenden acht Jahren immer mehr Teilnehmer anzogen. Beim ersten Konzert kamen 250 junge Musikfreunde. Aber von Konzert zu Konzert verdoppelte sich die Anzahl der Teilnehmer.

Eppelmann berichtete, dass ihm schon beim ersten Konzert klar gewesen sei, etwas anderes zu tun, als er es bisher gemacht habe. Der Rest ist legendär. 41 Stasi-Spitzel hielt Eppelmann in Bewegung, als er den Namen seiner Samariterkirche mit Leben füllte. „Wir müssen die Jugend ernst nehmen und deren Situation annehmen“, lautete die Devise Eppelmanns und seines damaligen Jugenddiakons Bernd Schröder.

Gespannt war das Publikum dem Interview gefolgt. Und weil viele Fragen unbeantwortet blieben, versprach Eppelmann gerne noch einmal nach Forst zu kommen. Wahrscheinlich im nächsten Herbst soll es eine Fortsetzung geben, so Manituchef Frank Pfitzmann.

Musikalisch startete Monokel in den Abend der Bluesmesse. Es folgte der „Ostdeutsche Blueskönig“ Jürgen Kerth und danach Kirsche & Co.