| 19:30 Uhr

Forst
Beflügelt in die Wolfsmondnacht

„Be-Flügelt“ nennen sich die beiden Seelemusiker Andreas Güstel und Julian Eilenberger. Nicht nur ein ungewöhnlicher Bandname, sondern ein Wort, dessen Name Programm ist.
„Be-Flügelt“ nennen sich die beiden Seelemusiker Andreas Güstel und Julian Eilenberger. Nicht nur ein ungewöhnlicher Bandname, sondern ein Wort, dessen Name Programm ist. FOTO: Margit Jahn
Forst. Zu einem herzergreifenden Musikgenuss luden Stadt Forst und evangelische Kirchengemeinde ein.

Wieder wurde das Forster Publikum zu einem Neujahrskonzert überrascht. Eröffnete im vorigen Jahr Gipsy Swing das neue Jahr, gab es diesmal leise, verträumte, eigen komponierte Klaviermelodien der beiden jungen Musiker aus Schwerin und Leipzig zu hören. „Be-Flügelt“, so nennen sich die Musiker Andreas Güstel und Julian Eilenberger. Eine Programmabfolge bekamen die Gäste nicht, denn die beiden Musiker spielen nach Stimmung der Zuhörer, Atmosphäre und eigener emotionaler Befindlichkeit. „Es ist auch für uns spannend, was wir in diesem Konzert spielen werden“ sagte Julian O.M. Eilenberger etwas aufgeregt vor dem Konzert.

Pfarrer Christoph Lange, sowie die stellvertretende Bürgermeisterin Heike Korittke begrüßten mit Neujahrswünschen die voll besetzte Kirche. „Wir lassen uns beflügeln mit schöner Musik“, so Lange in seinen Eröffnungsworten. „Schön, das es Dich gibt“ war eines der Eröffnungsstücke. Nach den ersten Flügelanschlägen, begann man unweigerlich zu entspannen.

„Komponieren von Stücken ist so eine Sache für sich“ sagte Julian Eilenberger. „Die alten Römer gehen davon aus, das es einen Geist gibt, der einem eine Idee eingibt. Einen Genius.“ Manchmal in einer Situation , „die völlig ungünstig ist,  im Auto oder in einem Stau, und es kommt eine gute Idee. Dann gibt es Momente, in denen es einfach passt.“

Die beiden Musiker sind auch als Straßenmusiker unterwegs. Bei einen dieser Auftritte hat sie Angela Stadach entdeckt. Diese Straßenauftritte machen die beiden besonders gern, denn sie brauchen und genießen das Publikum, laden es auch spontan zum mit Musizieren ein. Völlig entspannt und offen für ihre Mitmenschen, bieten sie ihre Musik dar, und geben Blicke in ihre Seele preis. „Musik ist alles“ steht auf einer im Anschluss signierten CD. Jede CD der inzwischen vier Produzierten wird am Ende mit einem persönlichen Spruch versehen. „Eines Nachmittages im Herbst“ ist ein weiterer Titel, der die Zuhörer in andere Sphären entführt.

Gespielt wird vor dem Altar auf zwei  „Geyer-Klavieren“ aus dem Thüringen, aus Eisenberg. Sie sind einst für den Export in die BRD gebaut worden, sagt Andreas Güstel. Damit sie zu hören sind, haben die beiden kurzerhand den Umbau um die Tasten entfernt, und man sieht direkt, wie sich die Saiten der Klaviatur und Mechanik mit ihren langen Armen bei jedem Anschlag bewegen. Zudem verstärkt die offenen Seite die Lautstärke dieser Instrumente.

Umgeben von unzähligen strahlenden Lichtern des Tannenbaumes oder der durch die Kerzen zum Leuchten gebrachten Holzfiguren auf dem Tisch hinter dem Altar spielen sich die beiden Musiker die Seele aus dem Leib. Zu jedem Musikstück gibt es eine kleine Anekdote, abwechselnd erzählt, so wie beide auch am Klavier abwechselnd spielen. Nur bei wenigen Musikstücken spielen die Musiker gemeinsam. Die anwesende Rosenkönigin Jessica wurde spontan zum Klavier geholt und zu dritt spielten sie ein Musikstück.

Eilenberger sei irgendwann mal gebeten worden zu einer Hochzeit „fröhliche“ Musik zu spielen, was ihm sehr schwer gefallen ist, wie er sagte. Aber auch dieser Herausforderung hat er gemeistert, Musiker bleibt schließlich Musiker.

Begebenheiten mit einem Obdachlosen, der ihm für eines seiner Straßenkonzerte einmal einen 20 Euroschein zusteckte, berühren ihn tief. „Das war mein bisher höchster Lohn, den ich jemals bei einem Konzert bekommen habe.“ Diese Begebenheiten vergesse man nie. Er wollte dem Mann den Schein, der ihn selbst so nötig bräuchte, zurück geben. Dies lehnte dieser aber ab. Später revanchierte sich Eilenberger bei ihm und schenkte ihm eine seiner CDs.

Dass Straßenmusik auch teuer werden kann, erfuhren die Beiden bei einem jener Konzerte in Straßburg. 1000 Euro Strafgeld mussten sie berappen, weil sie in einer nicht genehmigten Zone gespielt haben, 500 Euro davon waren Verwaltungsgebühren. Auch das sind Erfahrungen, die man nicht vergisst.

Nach circa 90 Minuten fragte Eilenberger die Zuschauer, wie spät es eigentlich wäre. „Wir vergessen beim Spielen oft die Zeit. Wir könnten ewig spielen – die Zeit vergeht einfach anders bei uns.“

Ein großes Vorhaben haben die beiden begnadeten Pianisten noch. Sie wollen in der Nordsee „angefangen bei Ebbe und wartend auf die Flut“ spielen. So verrückt sich das anhört, da sie lauter „verrückte“ Projekte in ihrem Leben gemacht haben, werden sie auch das realisieren.

Mit „Der Mond ist aufgegangen“ endete ein grandioses Neujahrskonzert und entließ die Zuschauer wirklich in eine Nacht, an dem ein riesiger Wolfsmond hell am Himmel strahlte. Welch phantastischer Tagesausklang.