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Krebsfälle in Forst – Sorge bleibt

Forst. Entwarnung in Forst. Nach der Auswertung von drei umfangreichen Messreihen durch unabhängige Gutachter steht fest: Es gibt keine Hinweise auf gesundheitliche Beeinträchtigungen durch Schadstoffe in der Grundschule Nordstadt. Heute sollen die Eltern umfassend informiert werden. Beate Möschl

An der Schule sind drei Viertklässler an Krebs erkrankt. Das hat besorgte Eltern auf den Plan gerufen, und die Stadtverwaltung Forst in Abstimmung mit zuständigen Ämtern beim Landkreis und Ministerien handeln lassen. Es wurden umgehend Schadstoffanalysen am Standort veranlasst. Noch in den Osterferien gab es nach Auswertung einer ersten Übersichtsmessung der Raumluft Entwarnung. Auch Bodenproben, Spielplatzsand und Wasserproben weisen vorliegenden Analysen zufolge keine bedenklichen Konzentrationen von Schadstoffen auf. Nach Einschätzung der Experten sind die meisten der mehr als 120 untersuchten Stoffe nicht vorhanden oder in so geringen Mengen, dass sie unterhalb von Bestimmungsgrenzen liegen. Dies gilt auch für die als krebserregend geltenden leicht flüchtigen chlorierten Kohlenwasserstoffe und deren etwaige Abbauprodukte. Sie konnten weder in Innenräumen, der Außenluft noch im Boden des Schulgeländes nachgewiesen werden. Dennoch bleibt die Stadt wachsam.

Historische Altlast

Heute Abend sollen in einer Elternversammlung die Situation und die Messergebnisse noch einmal ausführlich erläutert werden, im Beisein von Vertretern der Prüflabors, die die Schadstoffmessungen vorgenommen und ausgewertet haben. Auch der Umgang mit der schadstoffbelasteten Grundwasserfahne unter der Nordstadt in Forst, ausgehend vom ehemaligen Standort einer chemischen Textilreinigung in der Frankfurter Straße/Ecke Blumenstraße, könnte dabei eine Rolle spielen. Einige Eltern machen sich Gedanken, ob ein Zusammenhang zwischen der Grundwasserbelastung und den Krebserkrankungen an der Schule besteht. Die Grundschule Nordstadt liegt im Einzugsbereich der Grundwasserschadstofffahne. Diese unterliegt seit 2002 einer kontinuierlichen Kontrolle durch die Untere Abfallwirtschafts- und Bodenschutzbehörde des Landkreises Spree-Neiße. Es gibt 90 Grundwassermesspunkte. Zusätzlich werden Bodenluftwerte gemessen. An nahe gelegenen Kindereinrichtungen und Spielplätzen sowie in ausgewählten Kellern werden darüber hinaus jährlich Außen- und Innenraumluft gemessen, informiert Olaf Lalk, Beigeordneter des Landrates, auf Nachfrage. "Untersuchungen der Innenraumluft von Kellern in der Nähe der Grundschule ergaben Werte unterhalb der labortechnischen Nachweisgrenze", so Lalk.

Auf dem Gelände Frankfurter Straße/Ecke Blumenstraße wurde seit 1902 eine chemische Reinigung und Färberei betrieben.

Die Reinigung erfolgte vorrangig mit Trichlorethylen (Tri) und Tetrachlorethen (Per) sowie mit Benzin. Mitte 1991 wurde die Reinigung mit Tetrachlorethen (Per) eingestellt. In der Folgezeit bis zur Schließung der Reinigung 1992 wurde ausschließlich mit Benzin gereinigt. 1995 erfolgte der Rückbau sämtlicher Bauwerke und Anlagen in Vorbereitung der Neubebauung mit der heutigen Zentrumspassage. Im Zuge der Baumaßnahmen wurden Bodenkontaminationen festgestellt. "Die daraufhin erfolgten Boden- und Grundwasseruntersuchungen bestätigten hohe Belastungen mit chlorierten Kohlenwasserstoffen im Boden und in der Bodenluft sowie im Grundwasser im unmittelbaren Abstrom", berichtet Lalk. Darauf habe der Landkreis mit verschiedenen Maßnahmen reagiert.

Sanierung ist absehbar

So sei noch 1996 ein Bodenaustausch vorgenommen worden. Zudem wurde auf Basis der Analytikdaten der seit 1996 erfolgten Untersuchungen des Altlastenstandortes ein Grundwasserschadstofffahnenverlauf ermittelt und vorsorglich ein Begrenzungsgebiet festgelegt, in dem per Allgemeinverfügung seit Juli 2002 jegliche Grundwassernutzung untersagt ist (Karte). In dem vom Landkreis ausgewiesenen Gebiet sind Grundwasserbelastungen vorhanden sowie eine Boden- bzw. Bodenluftbelastung mit leicht flüchtigen chlorierten Kohlenwasserstoffen möglich. Aus diesem Grund führt der Landkreis jährlich Messungen durch. "Die gewonnenen Werte bilden die Grundlage für weitere Überwachungsmaßnahmen und daraus abgeleitete Nutzungseinschränkungen sowie für die Vorbereitung von Sanierungsmaßnahmen", so Lalk. 2016 soll mit den Planungen zur Sanierung der Altlast begonnen werden.

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Zum Thema:
Die chemische Textilreinigung in Forst ist nur eine von vielen Altlasten im Landkreis. Bergbau, Industriedeponien, Militärflächen, Glas- und Textilruinen - das Erbe, das das Land Brandenburg und der Landkreis Spree-Neiße nach der Wende übernommen haben, stinkt zum Himmel. Mehr als 2000 altlastverdächtige Flächen sind bis heute ein Problem. Dazu gehören die ehemalige Textilreinigung Forst, der Truppenübungsplatz Drewitzer Wald, das Glaswerk Haidemühl, das Tanklager Flugplatz Welzow und vieles mehr. Mehr als fünf Millionen Euro hat der Landkreis seit 1990 für die Erhebung und Erstbewertung der Flächen investiert. Sie sind im Internet-Geoportal Brandenburg einsehbar.