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| 15:44 Uhr

Denkmale
Kletterer erhalten Avellis-Fabrik

Marco Rösler führt am Tag des offenen Denkmals durch das ehemalige Heizkraftwerk in der Inselstraße. Hier steht er vor einem der beiden Kesseln.
Marco Rösler führt am Tag des offenen Denkmals durch das ehemalige Heizkraftwerk in der Inselstraße. Hier steht er vor einem der beiden Kesseln. FOTO: LR / Katrin Kunipatz
Verein engagiert sich im ehemaligen Heizkraftwerk. Es soll Museum und Trainingsort sein. Von Katrin Kunipatz

Die Avellis-Fabrik in der Inselstraße ist eine der vielen Industrieruinen in Forst. Erst auf den zweiten Blick offenbart die Backsteinfassade mit den teilweise zugemauerten oder kaputten Fenstern ihre Schönheit. Sorgfältig haben die Erbauer vor fast 100 Jahren mit den Ziegelsteinen Muster geschaffen, mit Absätzen die Fenstereinfassungen betont und Rundbögen gemauert. Zum Tag des offenen Denkmals kann man bei Führungen auch das Innere des Heizwerks erkunden.

Gebäude und Grundstück gehören seit drei Jahren dem International Ropenatics Verein. Vorsitzender ist Marco Rösler. Der Industriekletterer war bereits überall in Europa tätig. „Kleine Instandsetzungsarbeiten und Korrosionsschutz, Kontrollen und Prüfungen an Windkraftanlagen oder Tagebaugroßgeräten gehörten zu meinen Aufgaben“, berichtet der 39-Jährige. Nach vielen Jahren auf Montage kehrte der Forster in die Heimat zurück, auch um täglich bei seiner Familie sein zu können. Gemeinsam mit Frank Schmieder begab er sich auf die Suche nach einem Gebäude, in dem Industriekletterer und Sportkletterer gemeinsam trainieren können.

2015 waren die Umstände günstig. Während für andere Fabriken hohe monatliche Pachtgebühren aufgerufen wurden, wollte sich der Eigentümer von der Avellisfabrik trennen. Denn seit 2005 hatte der Cottbuser Hans-Jürgen Hetzschold versucht, aus dem Heizwerk ein Kultur- und Erlebniszentrum zu machen. Im Gespräch war auch ein deutsch-chinesisches Wissenschafts- und Präsentationszentrum. Umgesetzt wurde in einem Zeitraum von zehn Jahren wenig. Eigentümer Hetzschold ließ nach eigenen Angaben das Dach abdichten, die Fassade reinigen und verfugen. Vereinzelt fanden Musikpartys im Heizwerk statt, die Junge Gemeinde der evangelischen Kirche etablierte einen Andachtsraum und zum Schluss sollte ein Jugendklub für Leben sorgen. Dauerhaft war nichts.

Nun wandelt sich das Heizwerk zum Eldorado für Kletterer. Neun Erwachsene und 17 Kinder zählt der Verein. Immer freitags treffen sie sich zum Training. Neu dazugekommen ist in diesem Jahr die Kletter-AG der Gutenberg-Oberschule. Einzelne Kletterwände haben die Vereinsmitglieder an der zu DDR-Zeiten angebauten Wasseraufbereitung installiert. Eine Seilbahn spannt sich über den Hof. „Sie ist die Attraktion für die Kinder“, sagt Marco Rösler. Für alle anderen Vorhaben in und an dem denkmalgeschützten Gebäude braucht er die Zustimmung der Denkmalbehörde. Gern will er den 52 Meter hohen Schornstein fürs Klettern einbeziehen. Das Heizkraftwerk selbst soll sich zu einem Museum wandeln. Schautafeln, Luken, interaktive Geräusche und Lichteffekte sollen die Geschichte des Gebäudes erlebbar machen.

Einen kleinen Eindruck werden Marco Rösler und Vereinskollegen bei Führungen am Sonntag vermitteln. Dann geht es vorbei an den beiden riesigen Kesseln. Erbaut genau wie das Heizwerk 1922 und 1923. Darin wurde Kohle verbrannt, die die Schwarze Jule und später Lkw auf die Inselstraße lieferten. Im Maschinenhaus stand die heute nicht mehr vorhandene Görlitzer Dampfturbine. Den Dampf lieferte das Heizwerk an die umliegenden Textilfabriken. Später ging der Dampf auch ins Fernwärmenetz der Stadt Forst. Der Vereinschef selbst hat das Heizwerk sehr laut in Erinnerung. „Als Siebenjähriger bin immer schnell vorbei gelaufen, weil ich Angst hatte, das Haus bricht zusammen“, sagt er. Bis 1991 waren die Kohlekessel in Betrieb und bis 1995 lief die Gasanlage. Danach wurde das Heizkraftwerk stillgelegt. 2004 gab es sogar Pläne, das heute unter Denkmalschutz stehende Ensemble abzureißen.