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| 01:26 Uhr

„Jule“-Gleise in Forst halten Behörden auf Trab

In der Gubener Straße mündet das Gleis in ein leer stehendes, verfallenes Gelände. Die Stadt stellte deshalb die Denkmalwürdigkeit der Anlagen infrage. Foto: Ulrike Worlitz
In der Gubener Straße mündet das Gleis in ein leer stehendes, verfallenes Gelände. Die Stadt stellte deshalb die Denkmalwürdigkeit der Anlagen infrage. Foto: Ulrike Worlitz FOTO: Ulrike Worlitz
Forst. Es ist ein Für und Wider. Seit drei Jahren kämpft Forst gegen die Denkmalwürdigkeit bestimmter Gleisfragmente der ehemaligen Dampflokomotive „Schwarze Jule“. Die Schienen würden die Kosten für Baumaßnahmen in die Höhe treiben. Die Klage wurde vom Verwaltungsgericht Cottbus kürzlich abgewiesen. Die Mehrkosten mussten außer Betracht gelassen werden. Sie seien für die Feststellung der Denkmaleigenschaft irrelevant. Von Ulrike Worlitz

Die Stadtverwaltung hat das Urteil, das der RUNDSCHAU vorliegt, betont gelassen aufgenommen. Umgehauen habe es ihn nicht, sagt Bürgermeister Jürgen Goldschmidt (FDP). Die Stadtverordneten müssten sich jetzt beraten, eine Berufung werde geprüft. „Wir wollen das Steuergeld der Bürger nicht unnötig für Gerichtsverfahren ausgeben“, beteuert er. Doch die Stadt sei ihnen auch schuldig, den Fall zu klären.

Viele Straßen, auf denen Gleisreste verlaufen, müssten erneuert werden, sagt Bauverwaltungsvorstand Heike Baerwald. Besonders in der Gubener Straße habe sich das städtebauliche Erscheinungsbild in den vergangenen Jahren gewandelt. Die Breite soll reduziert werden, Parkplätze und ein Radweg sollen entstehen. Die Schienen liegen laut Baerwald jedoch im Weg und verhindern, technische Vorschriften des Bauvorhabens zu erfüllen.



Solange die Gleise auf der Denkmalliste stehen, ist eine unwiderrufliche Zerstörung laut Gesetz unzulässig. Das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum in Zossen wacht über die Liste und entscheidet gemäß Gesetz: Handelt es sich um ein Denkmal – ja oder nein? Es sei dann das Bestreben der Fachbehörde, das Denkmal zu erhalten, erklärt Dr. Matthias Baxmann vom Dezernat Denkmalpflege. Jede Veränderung am Denkmal bedarf einer Erlaubnis. Er stellt klar: „Niemand lehnt ab, dass eine Straße repariert wird.“ Die Entscheidung darüber liege jedoch nicht bei der Denkmalfach-, sondern Denkmalschutzbehörde des Landkreises Spree-Neiße. Diese zwei Ebenen müssten auseinander gehalten werden, um das Urteil des Verwaltungsgerichts nachvollziehen zu können.



Sieben Streitpunkte

Beklagte in dem Verfahren ist die Denkmalfachbehörde. Die Forster „Jule“ wurde von ihr am 4. Dezember 2006 auf die Denkmalliste gesetzt, unter anderem samt Betriebsbahnhof, Lokschuppen, einer Verladerampe und der Gleisanlagen. Die Stadt reichte am 5. Februar 2008 Klage gegen die Denkmaleigenschaft ein. Dabei zweifelt sie die geschichtliche Bedeutung nicht grundsätzlich an. Sie verneint diese für sieben Gleisabschnitte:

Gubener Straße 38 bis zur Alsenstraße/Haineweg zwei Anschlüsse an Fabrikhöfe in der Gubener Straße Gleisrest an der ehemaligen Tuchfabrik Senftleben Kreuzung Gubener Straße/Parkstraße Kreuzung Frankfurter Straße/Otto-Nagel-Straße Kreuzung Richard-Wagner-Straße/Schützenstraße in Höhe Busbahnhof im Hofbereich der Zufahrt Berliner Straße 35



Die Klägerin argumentierte laut Urteil damit, dass „erhebliche finanzielle Auswirkungen für Straßenbaumaßnahmen“ bei der Feststellung des Denkmalwertes nicht berücksichtigt wurden. Bei den Fragmenten fehle zudem der Zusammenhang mit der ursprünglichen Bebauung. Das Gericht wies die Klage als „unbegründet“ ab. Es handle sich um Denkmale im Sinne des Denkmalschutzgesetzes. Dass die Gleise oft nur Überreste sind, mindere nicht ihre geschichtliche Bedeutung. Die Kammer konnte zudem der Forderung nicht folgen, dass Sanierungskosten ins Verhältnis zum Denkmal zu setzen seien. In der Begründung heißt es, dass im Rahmen der Prüfung der Denkmaleigenschaft wirtschaftliche Interessen des Eigentümers außer Betracht gelassen werden müssen.

Finanzielle Aspekte fallen erst ins Gewicht, wenn es um die Bewilligung von Anträgen auf erhebliche Veränderungen am Denkmal geht. Zuständig ist eben nicht die Beklagte, sondern die Denkmalschutzbehörde.

Für Baumaßnahmen in der Gubener Straße und Heinrich-Heine Straße/Inselstraße sind Anträge auf Entfernen der Gleise bei der Schutzbehörde eingegangen. Als Kompromiss bietet die Stadt nach eigenen Angaben an, die Schienen fachgerecht zu dokumentieren. In so einem Antrag könne die finanzielle Zumutbarkeit bei Straßenbaumaßnahmen infrage gestellt und auf die Gewährleistung der Verkehrssicherheit gepocht werden, erläutert Sachgebietsleiter Frank Leopold. Noch vor Ostern solle entschieden werden, ob die Gleise in den Abschnitten herausgenommen werden dürfen. Es habe bereits viele Beratungen gegeben, das Gerichtsverfahren sei jedoch erschwerend hinzugekommen.



Teure Ausbesserungen

Als Ur-Forster kennt Leopold die „Schwarze Jule“ noch aus Kindertagen. Er könne nachvollziehen, wenn sich Einwohner heute über die Stolperfallen erzürnen. Auch er sei schon gestürzt. Hohe Kanten seien aber kein Grund, Gleise zu entfernen. Unebenheiten könnten baulich bereinigt werden. Dagegen spreche auch vonseiten der Fachbehörde nichts, wie Matthias Baxmann bestätigt. Sogar ein Auffüllen der Rillen sei demnach zulässig. Doch das kostet viel Geld.

Apropos Kosten. Sollte die Berufung gegen das Urteil Erfolg haben, darf laut Frank Leopold kein Forster denken, dass die Schienenreste plötzlich herausgerissen werden. Das könne sich die Stadt gar nicht leisten.
Hintergrund:
Gründe für die Denkmalwürdigkeit der Bahn samt Anlagen laut Feststellungsbescheid vom 1. März 2007:

Die im Mai 1893 in Betrieb genommene „Schwarze Jule“ steuerte Maßgebliches dazu bei, dass die Stadt Forst zu einer der führenden Textilmetropolen in Deutschland wurde. Sie hat als signifikantes Zeugnis für die stadtgeschichtliche Entwicklung während der Phase der Hochindustrialisierung Seltenheitswert. Bereits 1893 wurden 66 Fabrikhöfe erschlossen. 1927 waren es 97 und 283 Einzelbetriebe. Das Transportsystem war damals ein innovatives Infrastrukturprojekt, das für die Region beispielgebend war. Der Rollbockverkehr ist Zeugnis der technischen baulichen Verzahnung mit der Staatsbahn. Die Dimension des Gleisnetzes ermöglicht, die geschichtliche Bedeutung der Anlagen in vielen Verzweigungen zu veranschaulichen.

Umfrage zu Sinn und Unsinn der Schienenreste
René Erdmann (57): Das ist eine große Sauerei, dass Schienenreste unter Denkmalschutz stehen. In der Gubener Straße sind wegen der Schienen sogar Autofahrer an die Toreinfahrt vom Markt gekracht. Es müsste eine Initiative gegründet werden, die sich dafür einsetzt, dass die Schienenreste weg kommen. Sie sind bei jeden Wetter eine Gefahr für Passanten und Radfahrer.



Hans-Joachim Göbel (79): Als alter Forster kenne ich die „Schwarze Jule“ noch sehr gut. Erst kürzlich habe ich sie im Verkehrsmuseum Dresden wieder gesehen. Dort steht sie richtig, aber die Schienen müssen hier weg und dürfen nicht unter Denkmalschutz stehen. Sie sind auch in der Gubener Straße eine große Unfallgefahr. Eigentlich müssten sie längst verschwunden sein.

Veronika Lippmann (49): Ich verstehe nicht, warum alte Schienen, die keiner benötigt, unter Denkmalschutz stehen und das Straßenbild verschandeln. An der Max-Fritz-Hammer-Straße geht es noch, hier verläuft ein Stück parallel zur Fahrbahn, aber anderswo ragen die Schienen ein Stück über das Pflaster heraus und verlaufen gefährlich kreuz und quer über die Fahrbahn.

Hartmut Jachmann (49): So richtig schön sind die Dinger in der Albertstraße nicht. Sie stören mich zwar nicht, aber sie erfüllen ja keinen Zweck mehr. Ich weiß auch gar nicht, warum sie unter Denkmalschutz stehen. Bei der „Schwarzen Jule“ hätte ich es ja noch verstanden , aber bei den Schienenresten nun wirklich nicht. Sie verschandeln doch das ganze Stadtbild von Forst.

Andreas Schulz (59): Die Schienen verlaufen hier in der Gubener Straße genau vor meinem Geschäft. Ich kann mich an meine Kinderzeit erinnern, da sind manchmal die Gläser vom Schrank gefallen, wenn die „Schwarze Jule“ hier vorbeigefahren ist. Die Schienen sind eine große Gefahr, hier gab es deswegen schon zahlreiche schlimme Unfälle.