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| 01:31 Uhr

Jugendamt in Spree-Neiße muss immer öfter eingreifen

Forst. In 440 Fällen wurde der Soziale Dienst des Landkreises Spree-Neiße 2010 über eine Gefährdung von Kindern informiert. Jedes Mal rückten die Mitarbeiter aus. Das Erschreckende: In über der Hälfte der Fälle mussten sie tatsächlich eingreifen. Von Bodo Baumert

Eine “erschreckende Entwicklung„ stellte Andreas Chrobot (CDU) fest, als ihm im jüngsten Jugendhilfeausschuss die Zahlen präsentiert wurden. Denn im Vergleich zu 2006 ist der Anstieg sehr groß. 200 Fälle wurden damals gemeldet, 2010 waren es 440. Die Verwaltung hatte 2006 bewusst als Vergleichsjahr gewählt, weil damals die Richtlinien geändert wurden und daraufhin deutlich mehr Hinweise aus der Bevölkerung, etwa von besorgten Nachbarn, eingingen. “Wir dachten zuerst, das sei die Euphorie über das neue Gesetz„, so Fachbereichsleiterin Kerstin Schulz. Doch die Zahl habe sich in den vergangenen Jahren noch erhöht.

Rund ein Viertel der Informationen auf Kindeswohlgefährdung gehen anonym ein. Dass es sich dabei nicht nur um hysterische oder streitbare Nachbarn handelt, wird deutlich, wenn man sich die Statistik betrachtet. In 49 Prozent der Fälle bestätigt sich die Kindeswohlgefährdung. “Dass unsere Sozialarbeiter in knapp der Hälfte der Fälle tatsächlich eine Gefährdung feststellen, zeigt, wie wichtig es ist, dass wir Hausbesuche machen und jedem Hinweis nachgehen„, sagt Kerstin Schulz.

Doch was ist eine Kindeswohlgefährdung? Die Palette reicht laut Rita Tietz, Leiterin des Sozialen Dienstes, von Misshandlung und Vernachlässigung bis zu Elternkonflikten und Missbrauch der Sorgerechtsvereinbarung. Die Letzteren beiden bilden die größte Gruppe in der Statistik des Amtes.

Stark steigend ist auch die Zahl der Fälle, in denen die Kinder nicht einfach zurück zu ihren Eltern können. Nur in 13 Prozent können die Kinder nach der Inobhutnahme ohne Hilfe zurück zu ihren Eltern. Häufiger werden konkrete Hilfestellungen und Begleitung durch die Sozialarbeiter vereinbart. In zwei Drittel der Fälle reicht auch das nicht. Dann bleiben nur noch stationäre Hilfen. Das Kind wird aus der Familie herausgeholt. Dieser Anteil hat sich in den vergangenen Jahren extrem gesteigert, was sich auch in den wachsenden Kosten im Haushalt des Landkreises widerspiegelt. Eine wirkliche Erklärung für dieses Phänomen haben aber auch die Mitarbeiter des Amtes nicht.

Die üblichen Vorurteile greifen bei der Betrachtung der Einzelfälle nicht. Weder sind es vor allem Hartz-IV-Familien, in denen die meisten Kindeswohlgefährdungen auftreten, noch lassen sich bestimmte jahreszeitliche Besonderheiten, etwa vor Weihnachten oder in den Ferien, feststellen. “Das zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten„, weiß Rita Tietz. Räumlich sind es die Umgebung um Forst und das Cottbuser Umland, aus denen die meisten Meldungen beim Amt eingehen. Aber auch dieser Vorsprung ist nicht so groß, als dass man daraus Schlüsse ziehen könnte.

Die größte Gruppe der betroffenen Kinder und Jugendlichen fällt laut Statistik in die Altersgruppe ab 14 Jahren. Bei den 0 bis 3-Jährigen wurden 2010 hingegen nur zwölf Fälle gemeldet, deutlich weniger als im landesweiten Vergleich. “Hier greift offenbar die Arbeit der Netzwerke für Familien„, sagt Rita Tietz.

Der Ausschuss will die Situation weiter im Auge behalten. Rasche Lösungen gibt es ohnehin nicht. “Wir müssen einfach hinsehen, hinsehen, hinsehen„, sagt Rita Tietz.