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| 16:03 Uhr

Strukturwandel in der Region
Stadt sucht neue Leuchttürme

 Über die Zukunft der Region haben auf einer Standortkonferenz in Forst Dagmar Klinke (Chefin der Wohnungsbaugesellschaft FWG), Hans-Ulrich Schmidt (Geschäftsführer Lausitz-Klinik) und der Lausitz-Beauftragte Klaus Freytag (v.l.) diskutiert.
Über die Zukunft der Region haben auf einer Standortkonferenz in Forst Dagmar Klinke (Chefin der Wohnungsbaugesellschaft FWG), Hans-Ulrich Schmidt (Geschäftsführer Lausitz-Klinik) und der Lausitz-Beauftragte Klaus Freytag (v.l.) diskutiert. FOTO: Sven Hering
Forst. In Forst wird über die Zeit nach der Braunkohle diskutiert. Die Lausitz-Klinik könnte dabei eine wichtige Rolle spielen. Für ein ambitioniertes Projekt hat es jetzt eine erste Finanzspritze gegeben. Von Sven Hering

Zum Wochenstart erwartete Hans-Ulrich Schmidt gleich mal ein Wechselbad der Gefühle. Zunächst – am Morgen – erreichte den Geschäftsführer der Lausitz-Klinik in Forst die Kunde von der neuesten Studie der Bertelsmann-Stiftung. Die Hälfte der Krankenhäuser in Deutschland, vor allem die kleineren Häuser wie Forst, sollten geschlossen werden, lautete die Empfehlung der Experten. Zwei Stunden später hielt Schmidt dann einen Bewilligungsbescheid in Höhe von 50 000 Euro in den Händen. Mit dem Fördergeld kann die Klinik eine eigene Studie starten. Diese soll untersuchen, ob die in Forst entwickelte Idee eines Versorgungsnetzwerkes mit „demenzfreundlichen Strukturen“ umsetzbar ist.

Das Geld hatte der Lausitz-Beauftragte Klaus Freytag überbracht. Gemeinsam mit Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) war dieser nach Forst gekommen, um über die Zukunft der Region zu sprechen. Wo steht die Stadt Forst nach dem Ausstieg aus der Braunkohle? Wer sichert künftig Beschäftigung und damit Wohlstand? Wie lässt sich die Abwanderung stoppen? Mit diesen Fragen beschäftigten sich Unternehmer und Politiker im Rahmen einer Standortkonferenz.

Alleine 17 Milliarden Euro aus einem Strukturwandel-Topf sollen für die Lausitz zur Verfügung stehen, sagte Dietmar Woidke. „Für viele Menschen wird sich vieles ändern“, ergänzte er. „Aber die Region hat bewiesen: Wir können Strukturwandel.“

27 Punkte umfasst eine Liste mit Vorhaben, die die Stadt Forst erarbeitet hat. Bürgermeisterin Simone Taubenek (parteilos) stellte auf der Konferenz einige dieser Projekte vor. Ganz oben steht dabei die Entwicklung des Logistik- und Industriezentrums. Zwei Unternehmen wollten sich dort erweitern, eines neu ansiedeln. „Wir stehen mit diesem Standort gut da“, so die Rathauschefin. Und noch hat Simone Taubenek auch nicht die Ansiedlung eines kanadischen Unternehmens abgeschrieben, das sich mit dem Anbau von Cannabis zu medizinischen Zwecken beschäftigt. Zu Jahresbeginn hat das Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) eine Ausschreibung gestartet. Die Kanadier gehören zu den Interessenten, haben aber auch noch andere Standorte im Visier. Bis zum Jahresende wolle die Stadt eine entsprechende Fläche vorhalten.

Im Industriegebiet müsse zudem ein Umspannwerk neu gebaut und die Hochspannungstrasse verlegt werden. Die Bahnstrecke nach Cottbus müsse ertüchtigt werden. Auch die Pläne für eine Umgehungsstraße sollten wieder auf den Tisch kommen.

Doch vor allem wünscht sich die Rathauschefin ein Leuchtturmprojekt. Nur wenn es gelänge, in Forst etwas Innovatives anzusiedeln, könnte der Bevölkerungsrückgang gestoppt werden. „Dann würde sich bei uns vielleicht eine Altersgruppe ansiedeln, die den Durchschnitt spürbar nach unten verändert“, hofft die Bürgermeisterin.

Vielleicht entsteht ja genau dieses Vorhaben in der Lausitz-Klinik? Die Präsentation von Hans-Ulrich Schmidt klang jedenfalls verheißungsvoll. So will sich sein Haus vor allem dem Thema Demenzerkrankung widmen. Für betroffene Patienten sollen Versorgungsmöglichkeiten geschaffen werden, die ihnen ein weitestgehend selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Schmidt denkt dabei an ganz simple, aber unter Umständen lebensrettende Ideen. Sensoren in der Küche der Betroffenen könnten Alarm auslösen, sobald vergessen worden ist, die Herdplatte auszuschalten. Das Beispiel ist nur ein winziges Teil eines großen Puzzles. „Von unseren Ideen könnten andere Regionen profitieren, diese übernehmen“, so Schmidt. Daneben beschäftigt sich die Klinik mit der Frage, wie künftig der Hausarzt aufs Land gebracht werden kann. Mit den gebräuchlichen medizinischen Geräten ausgestattete Busse wären eine Möglichkeit. Schmidt könnte sich zudem vorstellen, in Forst ein medizinisches Archiv und Datenzentrum einzurichten. „Wir sprechen da von riesigen Datenmengen, die gespeichert werden müssen“, sagt er.

Der Mittelstand ist ebenfalls nicht untätig. Michael Lindner forscht mit seinem Unternehmen Mattig&Lindner bereits intensiv an neuen Baustoffen. Erste Ergebnisse seien durchaus vielversprechend. Kooperationen mit Hochschulen, auch aus dem Ausland, sollen schon bald folgen. Auch dieses Projekt – so ein Fazit der Konferenz – hat durchaus Leuchtturm-Potenzial.