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In Forst viele Spuren hinterlassen

Heute jährt sich zum 120. Male der Geburtstag von Dr. Rudolf Kühn. Zwischen den Weltkriegen gab er als Stadtbaurat der Stadt Forst ein modernes Aussehen. Zielstrebig und mit Energie setzte er neue Architekturtheorien um und entwickelte dabei eigene Visionen. So erlebte Forst eine neue Blüte, die noch heute in der kunstwissenschaftlichen und bauhistorischen Fachliteratur Beachtung findet. Von Jens Lipsdorf*

Aus bürgerlichem Hause stammend besuchte er die mittlere Volksschule und Realschule in seiner Geburtsstadt Pirna sowie das Annenrealgymnasium in Dresden. Mit einem sehr guten Abiturzeugnis schrieb er sich an der Königlichen Technischen Hochschule in Dresden für die Studienrichtung Hochbau, Tiefbau und Städtebau ein, wo er Ostern 1909 sein Diplom "mit Auszeichnung" bestand. Die Jahre in Dresden prägten ihn baukünstlerisch. Später zog er gern Dresdener Firmen zur Ausführung bauplastischer Gestaltungen beziehungsweise zur Bewältigung spezieller Bauaufgaben heran. Aufgrund seiner hervorragenden Studienleistungen wurde ihm vom Rektorat der Hochschule ein Reisestipendium verliehen, welches er für städtebauliche Studien in Italien nutzte.

Über Thüringen nach Forst
Noch während seiner ersten Anstellungen als Regierungsbauführer promovierte er 1912. Seine Arbeit "Brandversicherungswesen im Königreich Sachsen" wurde mit "ausgezeichnet" bewertet. Zwei Jahre später legte er die zweite Staatsprüfung mit "sehr gut" ab, wurde zum Regierungsbaumeister ernannt und arbeitete im Landbauamt Chemnitz.
Nach dem Einsatz als Bauoffizier im Ersten Weltkriegs trat er 1918 die Stelle als Stadtbaurat in Altenburg (Thüringen) an, nachdem er die Wahl mit 13 zu 8 Stimmen für sich entscheiden konnte. Dort setzte er im Tiefbau seine Erfahrungen aus dem Krieg wirksam um. Noch heute sind die von ihm geplanten Leitungstrassen in großen Teilen intakt. Seine Ambitionen richteten sich vor allem auf den Hochbau, wo er planerisches Können bewies. Obwohl in den Baufachzeitschriften gelobt, ist keines seiner Projekte verwirklicht worden. So bemühte er sich bereits nach einem Jahr um eine neue, anspruchsvollere Anstellung.
Die Bewerbung in der Industriestadt Forst war erfolgreich und er erhielt die Stelle als Stadtbaurat zum 1. Januar 1920. In Forst verlebte Kühn seine schöpferischsten Jahre. Die Textilindustrie der Stadt hatte internationalen Rang und ein Ende des Wachstums war nicht abzusehen. Es war also ein idealer Ort für einen Mann mit Visionen, kreativer Hand und gesundem Selbstbewusstsein. Doch stand er 1920 vor einem großen Problem: Die bereits vor dem ersten Weltkrieg einsetzende Erkenntnis, dass für ein "gesundes Wohnen" Industrie- und Wohngebiete räumlich getrennt werden müssen, ließ sich in einer organisch gewachsenen Industriestadt wie Forst nicht so einfach durchsetzen. Durch strikte Auflagen und Modernisierungsmaßnahmen (heute "Bauen im Bestand" genannt) konnte die städtebauliche Situation verbessert werden. Eingemeindungen, wie zum Beispiel von Berge und Keune (damals noch „Koyne“ geschrieben), boten ihm die Möglichkeit der Durchsetzung moderner Bauprinzipien sowie der vollen Entfaltung seiner stadtplanerischen und architektonischen Fähigkeiten. Diese gingen zum Teil weit über die Umsetzungskraft der Stadt hinaus. So muten seine Wolkenkratzer ähnelnden Rathauspläne geradezu großstädtisch an.
Die enge und fruchtbare Zusammenarbeit mit Oberbürgermeister Gründer, dessen ersten Stellvertreter er zeitweilig war, und Gartenbaudirektor Alfred Böse war Kern der städtebaulichen Erfolge und so blieben die 20er-Jahre den Forstern als die "Kühn-Böse-Gründerjahre" in Erinnerung. Es entstanden so imposante Bauten wie das Realgymnasium an der Amtstraße, die Lange Brücke, die Siedlung "Jerusalem" und das Krematorium.
Immer wieder suchte der Architekt als Mitglied der Freien Deutschen Akademie des Städtebaus neue Herausforderungen. So bewarb er sich auf verschiedene Stellen, zum Beispiel als Nachfolger für Poelzig in Dresden (1922). Kühn, der seit 1933 Mitglied der NSDAP war, nahm im Juli 1934 die Stelle als Stadtbaurat in Breslau an. Zu groß erschienen die Möglichkeiten in einem Zentrum moderner Architekturtheorie. Kühn, kein großer Redner sondern ein Mann der Tat, konnte sich in Breslau nicht in der gewohnten Art einbringen. Auch war seine Gesundheit bereits angegriffen. Er schied im Januar 1937 aus dem Dienst aus.
Es zog ihn nach Berlin. Er bewarb sich unter anderem als wissenschaftlicher Sachbearbeiter für Bauwesen in Luftschutzfragen bei der Reichsanstalt für Luftschutz, Prüf- und Versuchsabteilung des Dr. Hüster. In diesen Jahren entwarf er zum Beispiel die Marinesiedlung in Berlin-Zehlendorf. Diese für Marineoffiziere gebaute Siedlung und die Art der Entwürfe für eine große Markthalle mit Fuhrpark und Anschluss an Gleisanlagen in Litzmannstadt lassen vermuten, dass er zum weiten Kreis der Mitarbeiter Albert Speers gehörte. Seine Erfahrungen in der Bauverwaltung, seine architektonischen Leistungen und seine Persönlichkeit lassen ihn als einen idealen Mitarbeiter des Technokraten Speer erscheinen. Einen sicheren Nachweis der Zusammenarbeit gibt es derzeit jedoch nicht. Fast alle seine Planungen und Ausführungen dieser Jahre sind Kriegsverlust. Dies verhindert noch immer eine komplette Darstellung und eindeutige Bewertu ng seines Lebenswerkes. Gleichzeitig macht es die erhaltenen Zeugnisse seines Schaffens in Forst kunst- und bauhistorisch so wertvoll.
Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Kühn als freier Architekt und trat am 25. November 1949 dem Bund Deutscher Architekten (BDA), Landesverband Groß-Berlin, bei. Große Projekte konnte er nicht mehr planen oder gar ausführen. Sicher ist, dass er in den letzten Lebensjahren auch für den bekannten Architekten Hans Scharoun gearbeitet hat. Rudolf Kühn starb am 21. Oktober 1950 im Alter von 64 Jahren in Berlin.
Wo stand Kühn baukünstlerisch„ In den ausgehenden 1920er-Jahren trat eine junge Generation von Architekten auf, die in eklektizitischer Manier Formenelemente der rationalistischen Moderne aufgriffen, abmilderten und neu einsetzten. So dienten zum Beispiel große weiße Wandflächen nicht mehr der Reduktion auf die einfache Funktion der Raumbegrenzung. Vielmehr war durch die Wahl eines strukturierten Putzes nun wieder eine Textur spürbar. So ist der offensichtliche Widerspruch zwischen konservativ-traditionalistischen Einstellungen und modernen Bauformen bei Kühn kein wirklicher.
Die in den Fachzeitschriften hoch gelobten Projekte präsentierten sich als Verschmelzung von Neu und Alt, von Moderne und Tradition.
Wie geht die Stadt Forst mit diesem Erbe um“ Trotz allgemeiner monetärer Schwierigkeiten, die alle regionalen Kommunen ereilt haben, bemühen sich viele Verantwortliche, Vereine und interessierte Bürger um die Pflege und damit auch Würdigung der noch erhaltenen Bauten. Dies aus der Erkenntnis heraus, dass Geschichte und Tradition zu einer gesunden Gesellschaft dazu gehören.
Vielleicht wäre es aber gerade in der jetzigen wirtschaftspolitischen Situation Zeit für neue, „kühne“ Projekte. Zu denken ist dabei an die Lange Brücke oder ganz neue, gut durchdachte, innerstädtische Projekte. Und vielleicht sollte die Stadt Forst ihrem großen Baumeister mehr offizielle Würdigung entgegenbringen.
* Unser Autor Jens Lipsdorf (39) ist Kunsthistoriker und lebt in Cottbus.

Hintergrund Vorläufiges Werksverzeichnis
 An folgenden Stellen hat Rudolf Kühn während seiner 14-jährigen Tätigkeit in Forst gewirkt:

Siedlungen
- "Eigene Scholle" ("Jerusalem")
- Schwerinstraße 30-48
- Schmaler Weg (Pappelstr. 16-22)
- Spremberger Straße 128, 130
- Siedlungsbauten (28 WE)
Teuplitzer Straße 39-47

- Siedlungsgelände Koyne
Ringstraße 18, 19
- Stadtrandsiedlung Richtstraße,
Seestraße
- Stadtrandsiedlung Skurum
Wohnhäuser für private Auftraggeber / Besitzer
- Wohnhaus Fabian Sorauer Str. 56
- Wohnhaus Hohlfeld Wehrinselstraße (Abbruch nach 1945)
Wohnanlagen und Miethäuser
- Dienstwohnhaus für Stadtbaurat (im Auftrag der Stadt Forst)
- Skurumerstr. 140 (Ecke Kegeldamm)
- Wohnhausgruppen am Heinrich-Heine-Damm 4-6 (27 WE)
- Wohnhausgruppen am Kegeldamm 20-25 (41 WE)
- Wohnhausgruppen am Platz des Friedens/Spremberger Platz (34 WE)
- Wohnhausgruppe Muskauer Straße 31-39 (30 WE)
- Wohnhausgruppen Ecke Ringstraße / Brandenburger Straße
- Bauten der Gewoba Pförtener Str.
- Wohnhäuser Windmühlenstraße
- Bauten der Gewoba (36 WE), Grenzstraße 1-3, 7, 9 (später Karl-Marx-Straße, Schützenstraße), Breite Straße 32, 34, 36, 41, 43
- Wohnhausbauten Hindenburgstraße (heute Wehrinselstraße)
- Wohnhäuser Spremberger Platz
- Wohnhäuser Rathenauplatz (69 WE)
Kultur- und Bildungsbauten, öffentliche Bauten, Stadtgestaltung
- "Sorauer Brücke" und Nebenanlagen
- Lange Brücke und Nebenanlagen
- Heinrich-Heine Platz
- Heinrich-Heine-Damm
- Gutenbergplatz / Rathenauplatz
- Rathaus mit Marktplatzgestaltung
- Arbeitsamt am Bergeschen Ufer
- Finanzamt Friedrich-Ebert-Platz
- Amtsgericht (Umbau/heute Polizei)
- Krematorium mit Friedhofs-
gestaltung
- Evangelisches Jugendheim
- Realgymnasium (Jahn-Schule)
- Turnhalle Frankfurter Straße 48
- AOK-Gebäude (heute Rathaus)
- Stadion am Wasserturm
- Entwurf für Stadtbad (wurde nicht realisiert)
- Städtisches Pflege- und Fürsorgeheim Heinrich-Heine-Damm 3
- Erweiterungsbauten Krankenhaus
("Infektionshaus")
- Volksküche und Säuglingsheim
Biebersteinstraße 4
- Haus der Tuchmacher (heute Bürgerzentrum bzw. Musikschule)
- Verbreiterung Mühlenstraße durch Laubengänge
- Volksschule IV und VI mit Turnhalle (ehem. Berge, Richtstraße 22)
- Feuerwehrgerätehaus Berge
Richtstraße 20
- Wohnheim Bergsches Ufer 3
Industriebauten
- Umbau der Stadtmühle
- Transformatorenhaus Richtstraße
- Entwurf für Umbauten der Elsaß-Badische Wollfabriken AG Post-/Amtstraße 13
- Tuchfabrik Heinrich
- Tuchfabrik H. Faber
Koynescher Kirchweg 3
- Ergänzungsbau zum Eltwerk
Badestraße 6
- Fabrikneubau Fritz Fabian (Spinnerei, Tuchfabrik, Färberei), Sorauer Str. 41/43
- Fabrik für Berger und Markuse, Koynescher Kirchweg 5
- Tuchfabrik Gieschke, Kaiser-Wilhelm-Straße 2/4