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| 02:39 Uhr

"Ich will hinter die Statistik schauen"

Michael Jungclaus, verkehrspolitischer Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Brandenburger Landtag.
Michael Jungclaus, verkehrspolitischer Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Brandenburger Landtag. FOTO: B.M.
Während sich Brandenburgs Verkehrsministerin Kathrin Schneider (parteilos) heute in Raddusch (Oberspreewald-Lausitz) der Diskussion um den eingesparten Haltepunkt der Regionalexpresslinie RE 2 Cottbus-Berlin stellt, ist abseits dieser exponierten Bahnverbindung ein grüner Landtagsabgeordneter im platten Land unterwegs, wo die Zukunft von mehr als 60 Bahnhaltepunkten ungewiss ist. Die RUNDSCHAU sprach darüber mit dem verkehrspolitischen Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Brandenburger Landtag, Michael Jungclaus:

Herr Jungclaus, am Montag haben Sie im Spree-Neiße-Kreis sieben der mehr als 60 Bahnstationen Brandenburgs kennengelernt, an denen täglich weniger als 50 Ein- und Aussteiger gezählt werden. Wann wollen Sie fertig werden mit der Kennenlerntour?
Das wird sich durchs ganze Jahr 2015 ziehen. 18 Bahnhofstouren sind geplant, drei habe ich bislang hinter mir.

Was ist Ihr Anliegen?
Um es vorwegzunehmen, die Landesregierung hat diese Stationen als nachfrageschwach eingestuft und deren Erhalt infrage gestellt. Ich bin nicht unterwegs, um zu schauen, welche geschlossen werden könnten oder nicht, sondern um die Stationen und Menschen entlang der Strecke kennenzulernen und zu erfahren, welche Potenziale es gibt, mehr Ein- und Aussteiger zu gewinnen. Das Land schaut nur auf die wenigen Fahrgäste und jammert darüber. Ich meine, es ist konstruktiver, über die vielen zu reden, die noch nicht drin sitzen im Zug, und sich Gedanken zu machen, wie wir es schaffen, dass sie die Bahn besser nutzen.

Dazu hat Ihre Fraktion ein Gutachten in Auftrag gegeben und veröffentlicht, das mehr auf Busse im Netz des Öffentlichen Personennahverkehrs abhebt als auf die Bahn. Fahren Sie zweigleisig?
Wenn Sie so wollen ja; die Bahn und die anderen öffentlichen Verkehrsmittel sollten sich so ergänzen, dass mindestens 50 Prozent aller Wege mit Bus, Bahn, Fahrrad oder auch zu Fuß zurückgelegt werden könnten. Das klappt schon naturgemäß sehr gut im berlinnahen Raum - hier steigen die Nutzerzahlen derart, dass es bereits Engpässe gibt. In berlinfernen Regionen aber gibt es neben dem Schülerverkehr kaum attraktive Busangebote; die Diskussion über die Abbestellung von Bahnhalten hat dagegen erheblich Fahrt aufgenommen. Das ist ein fatales Signal im Flächenland Brandenburg.

Was werden Sie mit Ihrer Bahnhofstour ausrichten können, und was haben die betroffenen Bürger und Gemeinden davon?
Die Gemeinden haben auf jeden Fall ein stärkeres Sprachrohr in Potsdam, wenn Abgeordnete um die Situation vor Ort wissen. Das geht nur, wenn man die Bahnstationen auch einmal gesehen und ihr Potenzial selbst kennengelernt hat. Zugleich rücken die lokalen Probleme mehr ins Licht der Öffentlichkeit. Fakt ist aber auch, dass die grundsätzlichen Entscheidungen vor allem auf Bundesebene entschieden werden. Die aktuelle Diskussion um die Bereitstellung von Mitteln für den Regionalbahnverkehr läuft. Die Länder fordern rund 8,4 Milliarden Euro. Der Bund ist bisher aber nur bereit, 7,5 Milliarden auszugeben. In Brandenburg müssen wir aber auch schauen, was abseits von mehr Geld umsetzbar ist im Öffentlichen Personennahverkehr.

Was könnte das sein?
Unser Gutachten zum ÖPNV in Brandenburg kommt zu dem Schluss, dass es einen gut getakteten ineinandergreifenden Nahverkehr geben kann, wenn der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg mehr Einfluss bekommt und die Landkreise bei der ÖPNV-Bestellung unterstützt.

An der Stelle haben sich die Bürger im Landkreis Spree-Neiße nach Neuvergabe gerade erst gründlich die Nase gewischt. Ihre Erfahrung ist, je weiter weg die Entscheider und die beauftragten Anbieter sitzen, desto chaotischer wird es. Da werden Sie sich hier wohl wenig Freunde machen?
Gerade wegen der unterschiedlichen Bedingungen vor Ort bin ich ja mit meiner Bahnhofstour unterwegs, um hinter die Zahlen der Verkehrsverbünde, Petitionen, Bürgerbriefe zu schauen und nicht nur durch die Brille des Gutachtens oder der Statistik. Der Montag war ein gutes Beispiel, was auf dem Land passiert, wenn die Bahn zu spät kommt. Freilich gebe ich zu, die Bahnhofstour ließe sich mit dem Auto zuweilen reibungsloser planen.

Warum, was ist so schlimm am Bahnfahren?
Nicht die Fahrt an sich, sondern die Planung. Die ist gar nicht so einfach. Für Gespräche vor Ort sollen nach Möglichkeit anderthalb bis zwei Stunden Zeit sein, dabei sind die Zugabfahrten einzukalkulieren. Und dann muss alles möglichst ohne Verspätung klappen, sonst geht der Tourplan nicht mehr auf - oder ich muss wegen Zugverspätung und verpassten Anschlusszuges aufs Taxi umsteigen, so wie am Montagvormittag, um noch rechtzeitig zur Bahnstation nach Klinge und den Gesprächen mit Vertretern der Gemeinde zu kommen.

Wie sind Sie selbst unterwegs, wenn Sie nicht gerade mit der Bahn Ihre Bahnhofstour fortsetzen?
Ich laufe zum Bahnhof, der ist etwa 900 Meter entfernt von meiner Wohnung in Neuenhagen. Bis Ostbahnhof fahre ich mit der S-Bahn und nehme dann den Regionalexpress nach Potsdam.

Und klappt das immer reibungslos?
Ja, das klappt, weil es genug Alternativen gibt. Wenn die Regionalbahn nicht fährt, nehme ich die S7 nach Potsdam.

Nach kleinen erlebten Pannen im ländlichen Raum werden Sie diese Möglichkeiten sicherlich umso mehr schätzen. Wie aber werden Sie Ihre Erfahrungen im platten Land öffentlich machen und auswerten?
Eine Auswertung an sich, in der Richtung, welcher Bahnhof geschlossen werden kann und welcher nicht, kann und werde ich nicht machen. Ich versuche auf der Tour, einen Eindruck zu bekommen, was es an Potenzial gibt im ländlichen Raum, etwa mit Blick auf Berufspendler, Schüler und Touristenströme. Das ist für mich letztendlich auch eine Art Heimatkundeunterricht.

Da ich aber während der Bahnhofstour mit dem Zug unterwegs bin, habe ich Zeit, die ich nutzen kann, um aktuell meinen täglichen Blog zur Tour zu schreiben. Da gibt es zum Teil recht lustige Begebenheiten, wie in dieser Woche auf dem Weg nach Klinge.

Mit Michael Jungclaus

sprach Beate Möschl